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Frank Martinetz: Ein Athlet zwischen Schwimmbecken und Dialyse

Schlaganfälle und Nierenversagen drohten seinen Traum vom Schwimmen zu zerstören. Doch er hat sich nicht unterkriegen lassen. Von Teresa Fischer und Daniel Naupold

Schwimmer Frank Martinetz in Berlin in seiner Wohnung. (Foto: Daniel Naupold/dpa)

Schwimmer Frank Martinetz in Berlin in seiner Wohnung. (Foto: Daniel Naupold/dpa)

Überrascht betrachtet Frank Martinetz die Medaille. „Die hab ich ja auch noch“, sagt der 46-Jährige. Der schmale Gang seiner Wohnung im Norden Berlins hängt voller Auszeichnungen. „Ich habe davon noch einen Sack voll“, erzählt er und lacht. Der muskulöse Schwimmer setzt sich an den Küchentisch. Darauf liegt ein Stapel Organspendeausweise. Frank Martinetz ist kein Athlet wie jeder andere. Er lebt mit einer fremden Niere.

Seit er 15 Jahre alt ist, schwimmt Martinetz im Verein, angefangen hat er in seiner Heimat Gelsenkirchen. Immer wieder stockt die Stimme von Martinetz beim Erzählen. Er muss nachdenken. Mit 20 Jahren trifft ihn ein Schlaganfall, da steckt er gerade mitten in den Vorbereitungen auf die Westdeutschen Meisterschaften. Die Ärzte sind ratlos.

Imponierende Krankheitsakte

Erst Jahre später wird schließlich das Alport-Syndrom diagnostiziert – eine Erbkrankheit. Sie schädigt das Innenohr von Martinetz, er braucht Hörgeräte. Dazu kommen mehrere Schlaganfälle und ein künstliches Hüftgelenk.

Die Niere von Martinetz versagt – ein halbes Jahr nach der Diagnose muss er zur Blutwäsche an die Dialyse und kommt auf die Warteliste für ein Spenderorgan. Dennoch trainiert er weiter. Dreimal pro Woche steigt er ins Becken – mit Erfolg. Mehrmals tritt der positiv Besessene mit seiner kaputten Niere bei den Europameisterschaften für Dialysepatienten an.

In Irland gewinnt er 2010 zweimal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze. Bei den Spielen im ungarischen Pécs wird er 2006 zum besten männlichen Teilnehmer unter den Dialysepatienten gekürt.

Zwischen „Normal“- und Behindertensportlern

Martinetz mit seiner Medaillensammlung (Foto: Daniel Naupold/dpa)

Martinetz mit seiner Medaillensammlung (Foto: Daniel Naupold/dpa)

Die Spiele werden alle zwei Jahre in einem anderen Land ausgetragen. Hunderte Athleten, die auf Dialyse angewiesen sind oder mit einem fremden Organ leben, nehmen an ihnen teil. So kamen nach Angaben von TransDia, einem Sportverein für Transplantierte und Dialysepatienten, allein zu den europäischen Spielen im irischen Dublin fast 400 Teilnehmer aus 24 europäischen Ländern zusammen.

Zudem gibt es die „World Transplant Games“ – im Januar 2014 finden in den französischen Alpen die internationalen Winterspiele statt.

Die Wettkämpfe sind eine der wenigen Möglichkeiten für Transplantierte und Dialysepatienten, sich international zu messen. „Sie stecken in einer Nische zwischen Normalsportlern und Behindertensportlern“, sagt Wolfgang Ludwig von TransDia. Die Teilnahme an den Paralympics sei für einen Sportler mit einem transplantierten Organ kaum möglich.

Start bei Paralympics nicht möglich

Bei den Paralympics wird zwischen Behinderung und Krankheit unterschieden. Athleten mit fremden Organen zählen laut Deutschem Behindertensportverband zur Kategorie Krankheit und können somit nicht an Wettkämpfen für behinderte Sportler teilnehmen.

Selbst wenn vor der Transplantation bereits eine Behinderung vorliegt, könnten Athleten nur über eine Sondergenehmigung teilnehmen. Denn lebenswichtige Medikamente könnten als Doping gewertet werden. EPO und Kortison beispielsweise seien auf der schwarzen Liste.

Der Verein TransDia und Menschen wie Frank Martinetz wollen für das Thema Organspende sensibilisieren. Nach Skandalen ist das Vertrauen potenzieller Spender schwer erschüttert.

Immer weniger Spender

Die Zahlen sind entmutigend: nach Angaben der Deutsche Stiftung Organtransplantation gab es in Deutschland von Januar bis Oktober 2013 nur 754 Organspender, im Vorjahreszeitraum waren es 892, davor 1013, 2010 sogar noch 1075. Die Zahl der gespendeten Organe sei in den ersten zehn Monaten des Jahres um 11,8 Prozent auf 2647 zurückgegangen.

Hat sich durchgebissen: Frank Martinetz (Foto: Daniel Naupold/dpa)

Hat sich durchgebissen: Frank Martinetz (Foto: Daniel Naupold/dpa)

Martinetz wartet fast neun Jahre auf ein Spenderorgan. 2011 ist es dann so soweit. Kurz vor seinem Wettkampf hört er ein lautes Lachen – der Klingelton seines Handys: Es gibt eine Spenderniere für ihn. Dann geht alles ganz schnell.

Dennoch sei er gelassen in die Operation gegangen. „Ich hatte damals einen Schnupfen, der war danach gleich weg. Ich glaub, den haben die mit rausgenommen“, sagt Martinetz. Seinen Spender kennt er nicht, er weiß nur, dass er 52 Jahre alt war. „Ich bin ihm sehr dankbar.“

Einfach drauflos geschwommen

Bald nach der Operation ist der Sportler wieder auf den Beinen. „Ich wollte testen, wie fit ich bin und bin vom Erdgeschoss bis in den 18. Stock hochgelaufen.“ Doch vor seinem ersten Wettkampf nach der Transplantation ist er unsicher. „Ich habe mich gefragt, was verlange ich da von meinem Körper.“

Dann sei er einfach drauflos geschwommen. Mittlerweile ist Martinetz wieder regelmäßig auf Wettkämpfen unterwegs. „Schwimmen ist mein Lebensziel.“

(dpa)

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