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Franziska Liebhardt: „Meine Geschichte ist eine Geschichte des Lebens, nicht des Sterbens“

Selbst ihre Trainerin zweifelte, ob sie Rio noch erleben wird – warum die ehemalige Paralympicssportlerin trotzdem nicht nur als todkranker Mensch dargestellt werden möchte. Von Bastian Benrath

Franziska Liebhardt hat während den Paralympics in Rio de Janeiro 2016 im Kugelstoßen mit 13,96 Metern einen Weltrekord erzielt und Gold gewonnen. Kurz darauf holte sie noch Silber im Weitsprung. Sie lebt mit einer Autoimmunerkrankung, die ihre inneren Organe angreift. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Franziska Liebhardt hat während den Paralympics in Rio de Janeiro 2016 im Kugelstoßen mit 13,96 Metern einen Weltrekord erzielt und Gold gewonnen. Kurz darauf holte sie noch Silber im Weitsprung. Sie lebt mit einer Autoimmunerkrankung, die ihre inneren Organe angreift. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Auf diesem Platz hat alles begonnen. Franziska Liebhardt steht auf der Tartanbahn der Turngemeinde Würzburg (TGW) und blickt hinüber zur Weitsprunggrube. Hier hat sie nach ihrer Lungentransplantation wieder mit dem Sport angefangen. Nur in der Freizeit, ganz entspannt. „Ich hatte ja nicht das Ziel, irgendwann Paralympics-Siegerin zu werden“, sagt sie.

Franziska Liebhardt wurde 1982 in Berlin geboren. Mit zehn oder zwölf Jahren begann sie, Volleyball zu spielen. „Ich weiß das gar nicht mehr so genau“, sagt sie heute. Auf jeden Fall stamme aus dieser Zeit ihre Begeisterung für den Sport. Zunächst hegte sie auch Ambitionen, wollte auf ein Sportinternat. Das kam nicht so gut an in ihrer Familie –„mach was Ordentliches“ und lass das „Hirngespinst“ von der Sportkarriere, hieß es.

„Das war auch nicht so falsch“, sagt sie heute – als Mittelblockerin sei sie mit 1,72 Meter Körpergröße auch ein Stück zu klein gewesen. Also machte sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin für Kinder. Ein Job brachte sie an die Uniklinik in Würzburg, wo sie auch heute wieder lebt. Parallel blieb es beim „ambitionierten Freizeitsport“.

Erst die Lunge, dann beide Nieren kaputt

Bis 2005 die Diagnose kam. Mit 23 erfuhr Franziska Liebhardt, dass sie an einer Autoimmunerkrankung leidet, die ihre inneren Organe angreift. Ihr Immunsystem sei blind, greife alles an, sagt sie. Dadurch lagert sich an den Organen zu viel Bindegewebe an. Die Störung ist nicht heilbar.

Zunächst hat sie kaum Einschränkungen und spielt weiter Volleyball. Doch zwei Jahre später muss sie aufhören, weil sie beim Sport keine Luft mehr bekommt. Die Ärzte stellen fest, dass ihre Lunge sehr stark angegriffen ist. Weitere zwei Jahre muss sie auf ein Spenderorgan warten. Dann wird ihr eine Lunge transplantiert.

„Ich war vor der Lungentransplantation so gut wie tot, es war wirklich in letzter Minute“,

sagt sie darüber später in einem Interview.

Mit dem neuen Organ kann sie erstmal weiterleben, obwohl die Krankheit schlimmer wird. Zwei Jahre nach der ersten Transplantation versagen ihre beiden Nieren. Nach Irrwegen durch die deutsche Bürokratie kann ihr Vater ihr schließlich eine von seinen spenden. Doch die Ärzte sagen ihr, dass sie Leistungssport getrost abschreiben kann.

Sportbegeistert wie sie ist, ist das ein schwerer Schlag. Um sich wenigstens irgendwie zu bewegen, sucht sie nach einiger Zeit eine Freizeitsportgruppe und stößt auf die TGW. Liebhardt blickt sich auf dem Sportplatz um. So kam sie das erste Mal hierher. Die anderen Freizeitsportler hätten schon etwas blöd geguckt, als sie ihnen sagte, sie sei organtransplantiert, erzählt sie.

Der Traum von den Paralympics

Franziska Liebhardt war in Rio Mitglied des Germany-Teams (Foto: dpa)

Franziska Liebhardt war in Rio Mitglied des Germany-Teams (Foto: dpa)

Trainer der Freizeitsportgruppe ist Harald Büttner. Er bemerkt ihre Begeisterung. Spaßeshalber beginnen die beiden einmal pro Woche extra zu trainieren. 100 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen – nur mal ausprobieren, was so geht. Begeistert stellt Liebhardt fest, dass viel mehr möglich ist, als die Ärzte gesagt haben. „Man kann annähernd normal belastbar werden.“ Den Sprint lassen sie bald beiseite, übrig bleibt die ungewöhnliche Kombination Weitsprung und Kugelstoßen. Sie nimmt an den ersten, kleineren Wettkämpfen teil. „Und dann ist es irgendwie zum Selbstläufer geworden.“

2013, vier Jahre nach der Lungentransplantation, steht sie davor, zum ersten Mal die Norm für eine Europameisterschaft zu schaffen. Ein Jahr später wird die damalige Behindertensport-Bundestrainerin Steffi Nerius auf sie aufmerksam. „Es war einfach toll zu sehen, wie sie das Training aufgesaugt hat“, sagt Nerius. Gestartet bei 10,66 Metern bei der EM 2014, stößt Liebhardt die Kugel nach nur drei Monaten Training mit Nerius bei einem internationalen Meeting auf 12,12 Meter. Sie habe gesagt, es sei ihr Traum, einmal bei den Paralympics dabei zu sein, erzählt Nerius – und es dann „konsequent durchgezogen“.

„Ob sie das noch erlebt?“

Die Begeisterung für den Sport verdrängt für Liebhardt Gedanken an ihre Krankheit. „Es ist faszinierend, wie sie damit umgeht“, sagt Nerius. Doch sie ist weiter da. Transplantierte Organe haben eine Art Halbwertszeit, mit den Jahren wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sie aufhören zu funktionieren. Während der Vorbereitung auf den großen Traum Paralympics bekommt sie eine Lungenembolie. Das habe bei ihr als Trainerin schon Panik verursacht, erinnert sich Nerius.

„Ich habe ihr das nie gesagt, aber ich habe schon manchmal gedacht – ob sie das noch erlebt?“,

sagt sie und meint die Paralympics.

Doch alles geht gut. Am 14. September steht ihr Schützling im Olympiastadion von Rio de Janeiro und wuchtet die Vier-Kilo-Kugel im ersten Versuch auf 13,96 Meter – Weltrekord. „Ich bin total durch den Wind, ich kann es noch gar nicht so richtig glauben“, sagt eine strahlende Franziska Liebhardt. Auch ihre größte Konkurrentin, die mehrfache Paralympics- und WM-Siegerin Mi Na aus China, kann ihr an diesem Tag nichts entgegen setzen. Neben Gold im Kugelstoßen schafft sie auch noch eine Silbermedaille im Weitsprung (siehe auch ROLLINGPLANET-Special Paralympics 2016 in Rio).

Schon vor dem Flug nach Rio war für Liebhardt klar, dass ihre sportliche Karriere nach dem Wettkampf endet. „Das tut im ersten Moment richtig weh“, sagt sie. Aber es sei besser, aufzuhören, wenn es am schönsten ist – außerdem wolle sie sich wieder mehr auf ihren Beruf konzentrieren. Mit ihrer Krankheit habe es natürlich zu tun, das sei aber nicht die Hauptsache. Als in einer lokalen Zeitung ein Artikel über sie mit der Überschrift „Der Tod ist ihr Begleiter“ erscheint, ist sie wütend. Sie will nicht immerzu als todkranker Mensch dargestellt werden.

„Der Tod spielt in meinem Leben eine untergeordnete Rolle“,

sagt sie klar und deutlich. „Meine Geschichte ist eine Geschichte des Lebens, nicht des Sterbens.“

(dpa)

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