Freiburger Modell: Keine Pflegefälle, sondern Menschen

Demenz-Wohngruppen brauchen beim neuen Heimrecht Flexibilität für bürgerschaftliches Engagement – denn Bürokratismus könnte vieles kaputt machen. Von Regina Weinrich

Alltag im „Adlergarten“ (Foto: Freiburger Modell)

Demenzkranke sind nicht immer Pflegefälle, sondern können weiterhin mitten im Leben stehen. Nach diesem Motto handeln die Betreuer der Wohngruppe „Adlergarten“ in Eichstetten im Kaiserstuhl. In dem Winzerdorf mit rund 3.300 Einwohnern ist eine Bürgergemeinschaft aktiv, die die älteren Menschen integrieren und betreuen will. Seit 2009 leben in der WG in der Regel elf Personen, um die sich ihre Familien, sogenannte Altersbegleiter und die örtliche kirchliche Sozialstation kümmern. Das geplante neue Heimrecht könnte ihnen allen das Leben schwerer machen.

„Hier im Adlergarten wird nicht gefragt, was die Demenzkranken alles nicht können, hier wird versucht, ihnen ein lebenswertes Leben zu bieten“, sagt Michael Szymczak, Geschäftsführer der Kirchlichen Sozialstation Nördlicher Breisgau. In der Wohngruppe sei die Pflege nur zu Gast. „Denn Menschen mit Demenz sind nicht vordergründig pflegebedürftig“, betont der 55-Jährige.

Der Augenschein bestätigt das offenbar: Eine Bewohnerin macht sich auf den Weg, um mit Tochter und Hund im benachbarten Café „Mitnander“ ein Eis zu essen, drei weitere sitzen mit einer Altersbegleiterin auf der von einem Gärtchen umgebenen Terrasse, nebenan picken die Hühner, die Kirchturmuhr schlägt. Drinnen, auf einem Tisch im großen, gemeinschaftlichen Wohn- und Essraum stapeln sich frisch gewaschene Handtücher.

„Alle Beteiligten versuchen, den Alltag hier so zu gestalten, dass die Bewohner möglichst aktiv und mobil sind“, erläutert Szymczak. „Handtücher falten und den Tisch decken gehören – natürlich je nach individueller Möglichkeit – dazu.“ Eine Folge davon sei, dass die alten Menschen abends rechtschaffen müde seien, ihren Tag- und Nachtrhythmus nicht verlören und nachts dann auch keinen hohen pflegerischen Aufwand benötigten. Auch seien keine Beruhigungsmittel oder Aufheller für die Psyche nötig.

Mitgebrachter Kuchen könnte plötzlich ein Problem werden

Während es in einem Heim eine Nachtwache für 48 Menschen gibt, ist im „Adlergarten“ nachts eine Mitarbeiterin für die elf Bewohner zuständig. Tagsüber sind rund um die Uhr zwei bis drei Ansprechpartner für die kleine Gruppe da. „Die Pfleger und Pflegerinnen kommen als ambulanter Dienst, um die alten Menschen zu waschen, ihnen Injektionen oder ihre Medikamente zu geben“, erläutert der Fachmann, der seit Jahren an einem Verbund von zehn Wohngruppen, dem „Freiburger Modell“, mitarbeitet. Zentrale Figuren im „Adlergarten“ sind die Altersbegleiterinnen – Frauen aus dem Dorf, die einen entsprechenden Qualifizierungskurs gemacht haben.

Wenn künftig Wohngemeinschaften mit mehr als acht Personen unter das neue Recht fallen, riskiere das Engagement von Familien und ehrenamtlichen Helfern durch bürokratische Vorschriften erdrückt zu werden, befürchtet Szymczak. „Jeder mitgebrachte Kuchen könnte sich aufgrund von Hygienevorschriften zu einem richtigen Problem entwickeln.“ Das steht der familiären Atmosphäre komplett entgegen, aber auch die Finanzlage könnte schwierig werden, denn mit nur acht Bewohnern ist eine solche WG betriebswirtschaftlich kaum zu halten.

In Eichstetten hat das Dorf den Generationenvertrag übernommen, der demografische Wandel erscheint hier nicht als Schreckgespenst – die Alten werden nicht abgeschoben, sondern in ihrer gewohnten Umgebung versorgt. „In zehn Jahren haben wir kaum noch Pflegekräfte“, blickt Szymczak in die Zukunft. Bis dahin müsse das System der Wohngemeinschaften richtig funktionieren.

„Wir hätten dann einen weiteren Baustein in der Versorgungslandschaft, der seinen besonderen Akzent auf die Mitwirkung von Angehörigen und Ehrenamtlichen setzt“, sagt Czymczak. Damit könne man zwar keinen Gewinn machen. „Aber Pflege ist für mich kein marktgängiges Gut.“ Das, was in Eichstetten vorgelebt werde, sei hoch professionell, eigne sich auch für die Quartiersarbeit in Großstädten und rechne sich für die Gesellschaft insgesamt.

(dapd)

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