„Frustprojekt“: Scheitert in Bayern die Inklusion?

Die Integration von behinderten Kindern an den bayerischen Schulen droht einer Untersuchung des Lehrerverbands BLLV zufolge zu scheitern.

BLLV-Präsident Klaus Wenzel

„Inklusion verkommt zum Frustprojekt“, erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel am Freitag in München.

Pädagogen halten es derzeit für nicht möglich, den Inklusionsgedanken an Schulen so umzusetzen, dass Schüler davon profitieren können. Das ist ein zentrales Ergebnis einer vom BLLV durchgeführten Befragung, an der sich im Frühsommer über 1500 Lehrkräfte beteiligt haben. Etwa die Hälfte aller Befragten verfügte zu diesem Zeitpunkt über noch keine unmittelbaren Erfahrungen mit Inklusion.

Für die Probleme bei der Umsetzung wurden zwei Gründe genannt: Die Struktur des Bildungswesens und die mangelhaften Ressourcen. So gaben 84 Prozent der Befragten an, dass das gegliederte Schulsystem in Bayern der erfolgreichen Umsetzung des Inklusionsgedankens im Weg steht. Schwerpunkt sei die institutionelle Trennung von Kindern. Diese schaffe Exklusion, keine Inklusion. 92 Prozent halten zudem die zur Verfügung stehenden organisatorischen und personellen Mittel für unzureichend und wünschen sich Fortbildungen, die sie auf die hohen Anforderungen vorbereiten.

Lehrer stehen Inklusion positiv gegenüber

Grundsätzlich stünde die Mehrheit der Lehrerschaft der Inklusionsidee aber positiv gegenüber: „Lehrerinnen und Lehrer wollen Inklusion schaffen, doch es ist kaum machbar, weil die Voraussetzungen fehlen. Sie fühlen sich, wie so oft, von der Schul- und Bildungspolitik im Stich gelassen“, so Wenzel. Die Lehrkräfte an den bislang 41 ausgewiesenen bayerischen Inklusionsschulen müssten vor allem eines bestens können: improvisieren.

„Die Ergebnisse der BLLV-Studie sind wenig schmeichelhaft für das Kultusministerium“, kritisiert Wenzel. Dort sei man schließlich der Auffassung, die bereit gestellten Ressourcen würden für eine erfolgreiche Inklusion ausreichen. „Das tun sie aber nicht, wie die repräsentative Befragung zeigt.“

Das Kultusministerium wies die Vorwürfe zurück. Das Schulsystem ermögliche sehr wohl einen inklusiven Unterricht, der ein zentrales Projekt der bayerischen Bildungspolitik sei, sagte ein Sprecher. Entsprechend habe das Ministerium zum aktuellen Schuljahr zusätzliche Stellen bereitgestellt und biete Fortbildungen an.

Auch in anderen Bundesländern motzen Lehrer

Auch Lehrergewerkschaften in Rheinland-Pfalz und dem Saarland fordern von den Regierungen beider Länder mehr Engagement zur Einbeziehung behinderter Schüler in den Unterricht. Man brauche mehr qualifiziertes Personal sowie ein übergeordnetes Konzept zur Inklusion, teilten der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) sowie der Verband Bildung und Erziehung mit.

Es müsse der Meinung mancher Eltern entgegengetreten werden, das gemeinsame Lernen könnte die Leistungen des eigenen Kindes beeinträchtigen, sagte der VBE-Vorsitzende Gerhard Bold. „Das tun wir als Gewerkschaften, das erwarten wir aber auch von der Politik.“

Sowohl im Saarland als auch in Rheinland-Pfalz fehle ein schlüssiges Konzept zur Inklusion. Ein solcher Plan müsse reine Förderschulen in ein inklusives Schulnetzwerk einbinden.

(RP/dapd)

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