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Fünfmal aggressiver als Gräser: Beifuß-Ambrosie breitet sich aus

Mit Vogelfutter und Saatgut ist eine Pflanze nach Nordeuropa gelangt, die für Allergiker ein Horror ist. Von Sandra Trauner

Beifußblättriges Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia)

Beifußblättriges Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia)

Auf der Liste des Schreckens für Allergiker steht sie ganz weit oben: die Beifuß-Ambrosie. Das Gewächs belegt Platz fünf der aggressivsten neu eingewanderten Arten auf der Liste der 100 schlimmsten invasiven Arten. Frankfurter Forscher haben nun in einer Karte aufgezeigt, wie stark und in welche Gegenden Europas sich die aus Südeuropa stammende Pflanze künftig voraussichtlich ausbreiten wird.

Für einige Pollenallergiker haben Sarah Cunze, Marion Leiblein and Prof. Oliver Tackenberg gleich mehrere schlechte Nachrichten. Ihre Leidenszeit wird sich künftig in den Herbst hinein verlängern, denn Ambrosia artemisiifolia blüht erst im Spätsommer. Und mehr Menschen im Norden werden sie zu spüren bekommen: Das Verbreitungsgebiet verschiebt sich in den nächsten Jahrzehnten nach Norden, und es wird deutlich größer.

Weltweite Daten werden genutzt

Grundlage solcher Prognosen ist eine „ökologische Nischenmodellierung“, wie Umweltwissenschaftlerin Cunze erklärt.

Dafür haben die Wissenschaftler vom Frankfurter Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) und der Goethe-Universität zwei Datenreihen kombiniert: die gegenwärtigen Fundpunkte der Pflanze – diese Angaben kommen vom Netzwerk Global Biodiversity Information Facility (GBIF) – und die Vorhersagen über die Klimaerwärmung, Quelle dafür ist der Weltklimarat (IPCC).

Wohin die Beifuß-Ambrosie wandert

Für den Süden Europas sagt das Modell voraus, dass die Beifuß-Ambrosie in einigen Jahrzehnten verschwindet. Dafür wird sie sich nach Norden und Nordosten ausbreiten: in weite Teile Frankreichs und Deutschlands, die Benelux-Staaten, Tschechien, Polen, die baltischen Staaten, Weißrussland und große Teile Russlands.

Der Grund für die Ausbreitung ist nicht allein das Klima, weiß Prof. Tackenberg. Das Wachstum werde zwar begünstigt durch die globale Erwärmung und die dadurch verlängerte Vegetationsperiode. Schuld ist aber der Mensch: Der Samen wurde und wird eingeschleppt durch kontaminiertes Saatgut und durch Vogelfutter aus Südosteuropa.

10 bis 12 Prozent der Deutschen betroffen

„Da Ambrosia artemisiifolia sich überwiegend durch menschliche Aktivitäten verbreitet, erreicht sie neue Gebiete viel schneller als andere Arten, denen nur ihre natürlichen Ausbreitungsmechanismen zur Verfügung stehen,“ erklärt Tackenberg.

Schätzungen zufolge reagieren zwölf bis 20 Prozent der Deutschen allergisch auf diese Art, die auch Aufrechtes Traubenkraut genannt wird. Genaue Daten gibt es nicht, weil die Betroffenen häufig auch unter anderen Allergien leiden, etwa gegen den Gemeinen Beifuß. Die Symptome sind ähnlich wie bei Heuschnupfen, aber die Ambrosie kann auch Asthma hervorrufen oder Hautreaktionen bei Kontakt mit der Pflanze.

Kein Kraut ist gegen das Kraut gewachsen

Gefährlich ist sie, „weil sie schon mit relativ wenigen Pollen eine starke Reaktion auslösen kann“, sagt Patientenberaterin Anja Schwalfenberg vom Deutschen Allergie- und Asthmabund. Schon sechs bis zehn Pollen pro Kubikmeter Luft gelten als mittlere Belastung, bei Gräsern bedürfe es dafür fünfmal so viel. Weil gegen das Kraut kein Kraut gewachsen ist, müsse das Ziel sein, „die Ausbreitung im Zaum zu halten“, sagt Schwalfenberg.

Der Deutsche Allergie- und Asthmabund rät, kein Vogelfutter zu kaufen, das Ambrosia-Samen enthält, den Garten regelmäßig zu kontrollieren und jede dieser Pflanzen samt Wurzel auszureißen, in Tüten zu stecken und in den Hausmüll zu werfen, idealerweise vor der Blütezeit zwischen Juli und Oktober.

(dpa, Foto: Wikipedia/Brunga. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

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