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Für Behinderte: „Schatzkiste“ – eine Partnervermittlung ganz ohne Internet

Die Hürden auf dem Weg zum großen Glück sind dabei ähnlich wie bei anderen auch. Aber in der Familie gibt es oftmals Vorbehalte. Von Birk Grüling

Die blinde Maike und ihr Freund Stefan Runken treffen sich in Hamburg in der "Schatzkiste".  (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Die blinde Maike und ihr Freund Stefan Runken treffen sich in Hamburg in der „Schatzkiste“. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Die Single-Kartei der „Schatzkiste“ ist ein A5-Hefter mit 80 Zetteln – Name und Adresse auf der Vorderseite, Partnerwunsch und Vorlieben auf der Rückseite. Die Partnersuche in dieser Vermittlung für Menschen mit geistiger Behinderung wird nicht von einem Online-Algorithmus gesteuert, sondern von einem Menschen.

„Nachdem ich mit den Singles ausgiebig über ihre Wünsche gesprochen habe, mache ich mich auf die Suche nach einem passenden Partner“, sagt Thomas Pridöhl, der Leiter der 1988 vom Psychologen Bernd Zemella gegründeten Partnervermittlung. Sind beide Seiten mit einem Kennenlernen einverstanden, steht einem Date nichts mehr im Wege.

Seit 15 Jahren gibt es die „Schatzkiste“ in Hamburg. Inzwischen gibt es deutschlandweit rund 50 Ableger, Tendenz steigend. Die Partnervermittlungen gehören häufig zu regionalen Sozialträgern – in Hamburg ist es die Evangelische Stiftung Alsterdorf – und werden durch Spenden finanziert. Für die Menschen mit Behinderung ist das Angebot kostenlos.

Auch Markus Schreiber aus Mainz ist Mitglied der Partnervermittlung "Schatzkiste" (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Auch Markus Schreiber aus Mainz ist Mitglied der Partnervermittlung „Schatzkiste“ (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Von Freundschaft bis Sex

Auch Maike und Stefan haben sich durch die „Schatzkiste“ kennengelernt. Die 33-Jährige rief Stefan an, sie verabredeten sich und wenig später landete der erste Liebesbrief im Briefkasten. Heute treffen sich die beiden zwei bis drei Mal pro Woche, der Sonntag ist fest für Ausflüge eingeplant.

„Wir fahren in den Hafen, gehen spazieren oder kegeln“, erzählt Maike. Im Herbst will das Paar für ein Wochenende nach Travemünde. „Wir wollen picknicken, Eis essen und die Füße ins Meer halten“, sagt der 41-jährige Stefan.

Zwei Mal pro Woche bietet die Hamburger „Schatzkiste“ Sprechstunden an. Die Fragen und Wünsche sind dabei die üblichen, vom Kennenlernen über Sexualität und Beziehungsprobleme bis zum Trennungsschmerz. Bunt gemischt sind auch die Wünsche der Singles. „Manche suchen einen Partner fürs Leben, andere neue Freunde und manche jemanden fürs Bett“, sagt Treffpunktleiter Pridöhl.

Thomas Pridöhl (l), unterhält sich in Hamburg mit Maike. Die "Schatzkiste" ist eine bundesweite Partnervermittlung für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung und psychisch Kranke. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Thomas Pridöhl (l), unterhält sich in Hamburg mit Maike. Die „Schatzkiste“ ist eine bundesweite Partnervermittlung für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung und psychisch Kranke. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Wie im normalen Leben: Nicht immer Glück

Nicht jede Vermittlung bringt das große Glück. „Wir haben auch Trennungen. Dann ist der Gesprächsbedarf sehr groß“, berichtet Pridöhl. Auch das letzte Date von Patrick lief nicht besonders gut. Bei einem Grillfest der Schatzkiste lernte er eine Frau kennen.

„Ich fand sie super. Leider wurde nichts aus der Beziehung. Sie hat in einer Wohngruppe weiter weg gewohnt und ich musste immer zu ihr fahren“, sagt der junge Mann im Rollstuhl. Zu Treffen kommt er trotzdem. „Ich freue mich auch über neue Freundschaften. Ein Mädchen kann ich auch woanders finden.“

Barriere in den Köpfen

Die Sozialpädagogin Simone Hartmann (Foto: Privat/Akademie für zugewandte Pädagogik)

Die Sozialpädagogin Simone Hartmann (Foto: Privat/Akademie für zugewandte Pädagogik)

Auch Menschen mit Handicap wünschen sich von ihren Familien und Freunden, dass ihre Zweierbeziehung akzeptiert und unterstützt wird – und da hakt es oft, berichtet die Sozialpädagogin Simone Hartmann von „pro familia“.

„In Sachen Partnerschaft und Sexualität von Menschen mit Behinderung müssen sicher noch Barrieren in den Köpfen abgebaut werden,“ sagt Hartmann. Gerade ältere Angehörige hätten oftmals große Vorbehalte, gegen Paar-Beziehungen unter Behinderten.

Hartmann setzt auf Überzeugungsarbeit, denn sie weiß: „In Sachen Partnerschaft gibt es Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Behinderung nicht im Alltag, sondern nur in den Köpfen.“

(dpa)

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7 Kommentare

  • Daniel Horneber

    wie exklusivierend ist das denn eine Single Börse nuur für Behinderte oo dassich dan die sogenannte Nicjtbehinderten Gesellschaft garnichtt mehr mit Behinderten konfrontiert sieht sorry aber ich find das falsch

    8. September 2013 at 15:07
  • Markus Notter-Binder

    eine http für eine partnervermittlung ganz ohne Internet?

    8. September 2013 at 15:36
  • Rollingplanet

    Nicht ganz ohne Internet: http://www.schatzkiste-partnervermittlung.eu

    8. September 2013 at 20:17
  • Daniel Horneber

    was soll mir das jetzt sagen ich bin auch Spina bifida Betroffener und Dauersingle finde solche Angebote trotzdem falsch.

    8. September 2013 at 22:15
  • Thomas

    Es gibt NIcht-Behinderte, die keine Beziehung zu Behinderten haben möchten, ich behaupte mal, dass ist die Mehrheit. Das kann man doof finden, aber es ist so. Es gibt Behinderte, die keine Beziehung zu jemandem haben möchten, der nicht die selbe Behinderung hat, das versteht man nur, wenn man selbst behindert ist. Ein Blinder und ein rollstuhlfahrer können die Barrieren teilweise kompensieren, in anderen Bereichen verdoppen sie sich aber. Nicht-Behinderte neigen hingegen zu Bevomundung oder Besserwisserei, viele haben so einen nervigen Helferkomplex, sodass eine Beziehung auf Augenhöhe nicht öglich ist. Deswegen sind solche Partnervermittlung sinnvoll, auch wenn man selbst da nicht mitmachen möchte. Mich wundert eher, dass es nur wenige Vermittlungen gibt, die sich auf spezifische Behinderungen kozentrieren, z.B. nur für Blinde, nur für Rollifharer, etc. Vielleicht gibt es sie auch schon. Auf jeden Fall hat man mit einer sichtbaren Behinderung in einer normalen Partnerbörse geloost, weil man in zwei Sekunden aussortiert wird.

    9. September 2013 at 12:00
  • Blab

    Ich halte da auch überhaupt nichts von. Die Selbstbeschreibung auf der Website der Schatzkiste spricht Bände: „Viele Agenturen ziehen einem nur das Geld aus der Tasche und man wird am Ende meist doch allein gelassen, mit der schmerzlichen Erfahrung, dass man eben nicht dazugehört zu den Schönen und Erfolgreichen und dass behinderte Menschen immer noch ausgegrenzt werden.“ Hä? Können Menschen mit Behinderung nicht schön und erfolgreich sein? Und irgendwie sagen die mir ja nur, ich hab eh keine Chance, ohne die Hilfe solch einer Sonderpartnerbörse jemanden zu finden. Ja, danke für die Entmutigung! Und weiter unten „Für Menschen, denen klar geworden ist, daß der ganz große Traum meist unerfüllbar bleibt, daß es aber eine Chance für das kleine Glück gibt!“ 😀 Haha, die haben nicht mal den Anspruch darauf, den perfekten Partner zu finden. Der große Traum bleibt unerfüllbar. Das Leben ist also ein Kompromiss. Wenn ich sowas lese, hab ich gleich total Lust, mich bei so ner Börse registrieren zu lassen. Die versprechen ja so viel.

    Na ja, für mich wäre das nichts. Aber offensichtlich gibt es ja Menschen, die sich davon angesprochen fühlen. Ich freue mich natürlich für die, die über diese Partnerbörse zusammengekommen sind.

    10. September 2013 at 03:28
  • Blab

    Eine Frage noch: Warum steht oben im Text, die Börse ist für Menschen mit geistiger Behinderung? Auf der Website macht es den Eindruck, als wollten die Menschen mit Behinderungen egal welcher Art ansprechen.

    10. September 2013 at 03:35

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