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Für manche sind sie die letzte Hoffnung: Was machen eigentlich Osteopathen?

Die manuelle Methode soll Blockaden lösen und eine gesunde Balance wiederherstellen. Immmer mehr Krankenversicherungen übernehmen zumindest einen Teil der Kosten. Von Norbert Schnorbach

Vor mehr als 130 Jahren entwickelte der US-Arzt Andrew Taylor Still die Osteopathie (Foto: Asam)

Vor mehr als 130 Jahren entwickelte der US-Arzt Andrew Taylor Still die Osteopathie (Foto: Asam)

Leichter Druck mit den Fingerspitzen, feinfühliges Ertasten von Verspannungen, gezielte Handgriffe, um Muskeln und Bindegewebe zu lockern – mit diesen Mitteln arbeiten osteopathisch ausgebildete Ärzte, Heilpraktiker und Therapeuten. In den USA wird die Osteopathie häufig etwa bei Migräne, Kopf- und Rückenschmerzen angewendet. Seit einiger Zeit gehen auch in Deutschland Krankenversicherungen dazu über, die Kosten für eine osteopathische Behandlung zumindest teilweise zu übernehmen.

Ausschließlich mit den Händen

„Osteopathie wird ausschließlich mit den Händen praktiziert, ohne Medikamente und chirurgische Eingriffe“, erklärt Prof. Marina Fuhrmann, Vorsitzende des Verbandes der Osteopathen Deutschland (VOD) in Wiesbaden.

Vor mehr als 130 Jahren entwickelte der US-Arzt Andrew Taylor Still die Methode als eine Richtung der manuellen Medizin. Sie wurde zunächst Still-Behandlung genannt, erst später setzte sich die Bezeichnung Osteopathie durch.

Die wörtliche Übersetzung „Leiden der Knochen“ ist allerdings missverständlich, denn Knochen und Skelett sind nur ein Teilaspekt. Vielmehr geht es darum, die Selbstheilungskräfte des gesamten Körpers mit spezifischen Massagetechniken und sanftem Druck zu aktivieren.

Gesunde Balance herstellen

Feinfühligkeit und jahrelange Schulung sind wichtig, um mit Fingerspitzen und Handflächen die Ursachen von Beschwerden aufzuspüren, sagt der Orthopäde Siegbert Tempelhof, Vorstandsmitglied der Deutsch-Amerikanischen Akademie für Osteopathie (DAAO).

Spannungen in Knochen, Muskeln und Bindegewebe geben Hinweise, wo Körperfunktionen und Organe beeinträchtigt sind. Solche Spannungen zu erkennen, Störsignale aufzulösen und eine gesunde Balance wiederherzustellen, ist Ziel der Osteopathie.

„Zunehmend kommen neben den Patienten, die bereits eine Odyssee durch Arztpraxen hinter sich haben, auch Männer und Frauen ohne lange Vorgeschichten und Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern“, erläutert Fuhrmann.

Gute Osteopathen nehmen sich viel Zeit

Als Patient muss man sich darauf einlassen, eingehend untersucht, befragt und betastet zu werden. Zu Beginn einer Behandlung nehmen sich gute Osteopathen viel Zeit, um sich intensiv nach früheren Krankheiten und Lebensgewohnheiten zu erkundigen.

„Die häufigsten Beschwerden meiner Patienten sind Schmerzen des Bewegungsapparates wie Rücken-, Knie- und Nackenschmerzen, Verspannungen, Probleme mit den Bandscheiben“, berichtet Andrea Schwarz-Lehmann, Osteopathin und Heilpraktikerin in Hamburg. Dazu kämen Kopfschmerzen, Migräne, chronische Entzündungen und Verdauungsprobleme.

Überraschend für viele Patienten ist, dass die Behandlung keineswegs immer dort ansetzt, wo es aktuell schmerzt. Kopfschmerzen zum Beispiel können durchaus Anlass sein, die Beweglichkeit der Füße zu prüfen.

Da im Bewegungsapparat des Körpers die verschiedenen Teile in Verbindung stehen, kann ein verstauchter Fuß dazu verleiten, das Bein unwillkürlich zu entlasten, dadurch das Becken und die Wirbelsäule schief zu stellen und Nacken und Kopf in eine verkrampfte Haltung zu bringen, die zu Kopfschmerzen führt.

Keine Außenseitermethode mehr

Wo es spannt und blockiert, setzt dann der Therapeut mit seinen Handgriffen an. Oft lockert er mit gezielten Bewegungen das Bindegewebe, regt den Lymphfluss an oder dehnt bestimmte Muskeln. Die meisten Patienten empfinden das als sanft und angenehm.

In Deutschland hat die Osteopathie als Ergänzung zur konventionellen Medizin Zulauf erhalten. „Osteopathie ist keine Außenseitermethode mehr. Sie hat einen festen Platz innerhalb der wissenschaftlich fundierten Medizin erhalten und wird von den Ärztekammern anerkannt“, sagt Tempelhof.

Private Krankenversicherungen haben sie in naturheilkundlich orientierte Tarife aufgenommen. Auch etliche gesetzliche Kassen bieten seit einiger Zeit an, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Osteopathische Berufsverbände kritisieren allerdings, dass die meisten Kassen bei ihren Kostenerstattungen nicht genug Wert auf eine solide Ausbildung der Behandler legen und dass es an Qualitätssicherung fehlt.

Kritik an der Ausbildung

Die Qualität der Ausbildung sei uneinheitlich, bemängelte auch die Stiftung Warentest kürzlich in ihrer Zeitschrift „test“ (Ausgabe 3/2013). Osteopath ist keine geschützte Berufsbezeichnung.

Ärzte und Heilpraktiker dürfen uneingeschränkt Osteopathie ausüben, Physiotherapeuten nur nach ärztlicher Verordnung. Patienten sollten bei der Suche nach einem Osteopathen daher auf dessen Qualifikation zu achten. Zum Nutzen der Methode fehlen außerdem noch aussagekräftige Daten aus großen klinischen Studien.

Nebenwirkungen und Risiken

Die Warentester weisen auch auf mögliche Nebenwirkungen und Risiken hin. Komplikationen könne es zum Beispiel geben, wenn Patienten an akuten Infektionen oder an Osteoporose leiden.

Zwar sind die osteopathischen Handgriffe sanfter als bei vielen anderen manuellen Heilverfahren. Aber Schmerzen und Verletzungen seien nicht ausgeschlossen, insbesondere bei den mit der Osteopathie verwandten Behandlungsmethoden wie Chiropraktik und Craniosacral-Therapie.

Die medizinischen Grenzen ihrer Arbeit sprechen die Osteopathen selbst offen an: Die Osteopathie sei keine Notfallmedizin, die in lebensbedrohlichen Situationen eingreifen kann, betont der VOD.

Schwere und akute Erkrankungen und Infektionen müssten zunächst konventionell behandelt werden. Die Osteopathie könne aber dort wirken, wo die Selbstheilungskräfte des Körpers in der Lage sind, die gesundheitliche Balance wiederherzustellen.

(dpa/tmn)

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1 Kommentar

  • Andrea Bröker

    Sowas gibt es auch für Pferde. Aber ehrlichgesagt habe ich den Eindruck, dass das nur heilsam für den Geldbeutel desjenigen ist, der da an den Beinen und Rücken der Pferde zerrt und herumdrückt und für Herrchen oder Frauchens schlechtes Gewissen, sich da täglich draufzusetzen. Es gibt da sogar eine Fernsehsendung mit einem Typen, der an den armen Vierbeinern herumzerrt und sehr selbstgerecht deren Besitzer anmotzt, die dafür dennoch einen Haufen Geld bezahlen. Ich halte nichts davon…

    25. Mai 2013 at 15:25

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