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Für ROLLINGPLANET sind sie Popstars: Thomas Südhof, James Rothman und Randy Schekman

Ein Ex-Waldorfschüler, ein Schwarzwald-Liebhaber und ein cooler Karrierist – wir stellen die drei Nobelpreisträger für Medizin 2013 vor.

Thomas Südhof: Visionär mit Super-Gedächtnis

Thomas C. Südhof (Foto: Terje Bendiksby/dpa)

Thomas C. Südhof (Foto: Terje Bendiksby/dpa)

Er ist nicht zu Hause geblieben, um auf einen möglichen Anruf aus Stockholm zu warten. Dass er den Medizin-Nobelpreis erhält, erfuhr der Neurowissenschaftler Thomas Südhof (57) auf dem Weg zu einem Zellbiologie-Kongress in Andalusien. „Wir sind alle außer uns“, sagt Nils Brose, Direktor am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin, der mit Südhof in Dallas und Göttingen zusammengearbeitet hat.

Südhof sei „eine sehr starke und fordernde Persönlichkeit, sehr ehrlich und offen”, aber auch in seiner Kritik immer konstruktiv, ergänzt Brose. Er sei „sehr guter Mentor und kollegialer Unterstützer, der seinen Mitarbeitern gegenüber sehr großzügig ist”.

In Fachkreisen galt der vielfach ausgezeichnete Biochemiker und Neurobiologe schon länger als Aspirant für den wichtigsten Wissenschaftspreis weltweit. Südhof habe als erster erkannt, welche methodischen Ansätze nötig sind, um die Synapsen zu verstehen, sagt Brose. In seinem Labor an der renommierten Stanford Universität in Kalifornien erforscht der gebürtige Niedersachse unter anderem die molekularen Grundlagen von Krankheiten wie Alzheimer oder Autismus.

Wegen Meinungsverschiedenheiten in die USA geflüchtet

Südhof wuchs in Göttingen und Hannover auf, in Hannover machte er an der Waldorfschule 1975 Abitur. Er habe sich als Schüler für sehr viele Fächer interessiert, mit Ausnahme von Sport, beschreibt der Spitzenforscher in einer kurzen Autobiografie, die 2010 anlässlich der Verleihung des norwegischen Kavli-Preises veröffentlicht wurde.

Der Sohn zweier Ärzte studierte in Göttingen Medizin und forschte für seine Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für physikalische Chemie. Bereits 1983 zog er in die USA und arbeitete in Texas im Labor von Michael Brown and Joseph Goldstein, die 1985 den Nobelpreis bekamen.

Von 1995 bis 1998 kehrte der Wissenschaftler in seine Heimat zurück und baute am Göttinger Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin ein Labor auf. Sein Lebensmittelpunkt blieb aber Amerika. Nach Meinungsverschiedenheiten mit der neuen Führung der Max-Planck-Gesellschaft sah Südhof seine berufliche Zukunft dann doch wieder in den USA, wie er 2010 schrieb. Die wissenschaftlichen Bande zu den Göttinger Kollegen habe er aber nie verloren, erklärten die niedersächsischen Forschungsinstitute am Montag.

Lustig: Ist er denn jetzt einer von uns oder nicht?

Es ist derzeit ungeklärt, ob Südhof noch die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Er selbst konnte dies nicht zweifelsfrei beantworten. Er hat nach eigenen Angaben einen gültigen US-Pass, seine deutsche Staatsbürgerschaft aber noch nicht abgegeben.

„Das habe ich sonst nirgendwo gesehen“

Südhof begann als Biochemiker, er ist Zellbiologe, Genforscher, Physiologe und Hirnforscher. Nils Brose ist schon lange von der akribischen Arbeitsweise des Medizin-Nobelpreisträgers beeindruckt. So kenne der 57-Jährige beispielsweise die Projekte der Doktoranden in seinem Labor in- und auswendig. „Er hat ein außerordentliches Gedächtnis. Das habe ich sonst noch nirgendwo gesehen.“

Die traditionsreiche Studentenstadt in Südniedersachsen bietet offenbar einen guten Nährboden für künftige Spitzenforscher. Thomas Südhof ist nach Hochschulangaben der 45. Nobelpreisträger, dessen wissenschaftliche Laufbahn mit der Universität Göttingen verknüpft ist.

James Rothman: „Eine intellektuell sehr dominierende Kraft“

James Rothman ((Foto: Terje Bendiksby/dpa)

James Rothman ((Foto: Terje Bendiksby/dpa)

Ein „enthusiastischer Wissenschaftler“ und eine „intellektuell sehr dominierende Kraft“: So beschreiben Kollegen den Nobelpreisträger James Rothman (62). Das bestätigt der relativierende Kommentar des Biochemikers zur Bekanntgabe des Nobelpreises – immerhin die mit Abstand wichtigste Auszeichnung der Wissenschaft.

„So aufregend dieser Moment auch ist, der Moment der Entdeckung war zweifellos aufregender“, sagt er am Montag ganz cool dem Schwedischen Radio. „Ein Wissenschaftler kann eine seltene, seltene Erregung spüren, wenn er etwas Grundlegendes entdeckt, das für die gesamte Natur gilt.“

„Zug um Zug“ die Karriereleiter nach oben gestiegen

Sein Engagement spiegelt sich im Lebenslauf des Biochemikers, in dem kaum eine große US-Eliteuniversität fehlt. Nach dem Studium in Yale und Harvard startet Rothman seine berufliche Laufbahn 1978 im kalifornischen Stanford.

Von dort wechselt er Ende der 1980er Jahre an die Ostküste nach Princeton. Nächste Station ist New York: Dort baut er zunächst am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center die Abteilung für Zelluläre Biochemie auf, später wechselt er zur Columbia University.

Seit 2008 arbeitet er in Yale. Die vielen Wechsel seien eng mit dem Bestreben von Rothman verbunden, „seine Position Zug um Zug zu verbessern“, sagt Franz-Ulrich Hartl, Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried.

„Er wird den Preis sehr genießen“

Rothman entdeckt am Cancer Center eine bislang unbekannte Gruppe von Membranproteinen und entwickelte daraus 1993 seine Snare-Hypothese zur Signalübertragung, die großen Einfluss auf das Fachgebiet hat. Rothmans Arbeit sei nicht nur wichtig für das Verständnis der Kommunikation von Nervenzellen, sondern auch der Ausschüttung von Hormonen in anderen Organen, sagt Hartl.

„Er wird den Preis sehr genießen“, glaubt er, „und die Reputation dazu nutzen, seine Abteilung weiter auszubauen.“

Randy Schekman: Wegen einer Familientragödie Wissenschaftler geworden

Randy Schekman (Foto: PNAS)

Randy Schekman (Foto: PNAS)

In der vergangenen Woche war Randy Schekman noch zum Wandern im Schwarzwald. Mit Freunden hatte er ein paar Tage ausgespannt. Das Wetter sei herrlich gewesen, hatte er am Telefon durchgegeben. Jetzt ist Schekman Träger des Medizin-Nobelpreises. Er selbst habe nicht mit dieser Auszeichnung gerechnet, sagt er. Doch von Vielen war er vor der Bekanntgabe als einer der Favoriten für den Preis gehandelt worden.

Zur Biochemie kam der heutige Nobelpreisträger, als seine Schwester im Teenageralter an Leukämie starb. Er spielte mit dem Gedanken, Mediziner zu werden, entschied sich aber nach einem Aufenthalt in einem Labor in Edinburgh endgültig für sein Fach.

Schekman machte 1975 in Stanford seinen Doktor bei Arthur Kornberg, Medizin-Nobelpreisträger von 1959. Direkt im Anschluss ging er an die University of California in Berkeley, wo er 1989 die Professur für Molekular- und Zellbiologie übernahm.

„Sympathisch, unkompliziert und unheimlich flink“

In Berkeley gelangen ihm seine wichtigsten Entdeckungen. Mithilfe von Hefekulturen erforschte er die Bewegung von Proteinen in höheren Zellen. Spätestens seit er 2002 den Lasker Award für medizinische Grundlagenforschung erhielt, galt er als Anwärter für den Nobelpreis. Erst am vergangenen Donnerstag bekam er in Frankfurt/Main zudem die renommierte Otto-Warburg-Medaille.

Kollegen beschreiben den US-Forscher als „sympathisch und unkompliziert“. „Er ist ein kleiner Bursche, unheimlich flink im Denken», sagte Wiedmar Tanner, Zellbiologe an der Universität Regensburg, wo Schekman 2005 die Ehrendoktorwürde verliehen bekam.

Der US-Amerikaner sei auch jenseits des Labors „ein unheimlich gebildeter und politisch interessierter Mensch“, ergänzte Tanner. „Als er in Regensburg war, wurde in Rom gerade Joseph Ratzinger als neuer Papst ausgerufen. Randy war darüber leicht entsetzt. Und obwohl Ratzinger ja aus Regensburg kommt, wusste dieser kleine Amerikaner viel besser über den Mann Bescheid als wir.“


Themenschwerpunkt Nobelpreis für Medizin 2013
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