Funtastische Sache: Cheerleader und Inklusion

ROLLINGPLANET-Interview: Wie sich die Golden Spirit Cheerleader aus Wetzlar für Behindertensport und gegen Rassismus einsetzen.

Cheerleader

"Amazing Spirit" aus Wetzlar

Die Golden Spirit Cheerleader des FunTastic Sports Wetzlar e.V. sind eine der erfolgreichsten Cheerleader-Gruppen Deutschlands. Sie treten regelmäßig bei den Heimspielen des Deutschen Meisters und Champions-League-Siegers RSV Lahn-Dill (Rollstuhlbasketball) auf – und haben nun den ersten Wheelchair Partner Stunt hierzulande eingeführt. Der 2. Vereinsvorsitzende Dennis Schneiderat, M.A., erklärt im Interview, was das genau ist und warum Cheerleading auch eine soziale Herzensangelegenheit ist.

Die Erfolge der Golden Spirit Cheerleader

Interview: „Gegen Rassismus und Ausgrenzung“

Dennis Schneiderat, 2. Vorsitzender FunTastic Sports Wetzlar e.V.

Dennis Schneiderat, 2. Vorsitzender FunTastic Sports Wetzlar e.V.

Bei Ihnen geht es richtig ernst zu. In Ihrem Leitbild steht: „Den demokratischen und humanistischen Traditionen fühlen wir uns verpflichtet und wenden uns entschieden gegen jede Form von Rechts- und Linksextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Intoleranz.“ Was haben denn Cheerleader mit solchen Prinzipien zu tun, die wir im übrigen sofort unterschreiben?

Wie in unserem Leitbild formuliert versteht sich FunTastic Sports Wetzlar als Heimat für seine Mitglieder. Der Verein will Begegnungsstätte sein und den Austausch zwischen den unterschiedlichen Personengruppen und Altersstufen fördern. Wir meinen: sich begegnen, sich engagieren, Anlaufstellen schaffen heißt, ein Stück Heimat geben.

Heimat ist aber ein großes Wort.

Die Golden Spirit Cheerleader (GSC) und all ihre Mitglieder sehen sich als Familie. Wir reden liebevoll immer von der GSC-Familie. Wie in jeder „normalen“ Familie pflegen auch wir verschiedene Umgangsformen und Traditionen. Die Einbeziehung von Menschen mit Migrationshintergrund ist integraler Bestandteil unseres Vereinskonzeptes. Wie schon gesagt: Extremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Intoleranz haben keinen Platz in unserer Familie.

Was muss man mitbringen, um von Ihrer Familie aufgenommen zu werden?

Cheerleading ist ein absoluter Teamsport, deshalb ist eine regelmäßige Teilnahme am Training, bei Auftritten und im Trainingscamp Pflicht.

In unseren Team-Rules sind folgende Anforderungen festgeschrieben: Disziplin und Konzentration im Training, Respekt den Trainern und Teammitgliedern gegenüber, Angst überwinden und Vertrauen untereinander, keine Scheu vor neuen und unbekannten Aufgaben.

Wie viele Cheerleader hat Ihr Verein?

Unser Verein beheimatet mittlerweile rund 130 Cheerleader in sechs Teams.

Was fasziniert Mädchen und junge Frauen daran, bei Ihnen mitzumachen?

Bei den Golden Spirit Cheerleadern ist es der Zusammenhalt des einzelnen Teams sowie der uneingeschränkte Wille, bei Meisterschaften erfolgreich zu sein. Cheerleading ist mittlerweile weit mehr, als nur knapp bekleidet auf dem Footballplatz zu stehen. Cheerleading fasziniert durch seine Vielseitigkeit. Gefragt sind mittlerweile nicht nur Aussehen und tänzerisches Talent. Vielmehr gewinnen Teamgeist, turnerische Elemente sowie kraftraubende Pyramiden an Bedeutung.

Wie oft trainieren Sie?

Derzeit trainieren unsere sechs Cheerleader-Teams an fünf Tagen in der Woche, um sich auf Meisterschaften und Auftritte vorzubereiten. In den Zeiten vor Meisterschaften ist es durchaus möglich, dass auch häufiger trainiert wird.

Erzählen Sie uns doch etwas über den RSV Lahn-Dill…

Die Zusammenarbeit mit dem RSV Lahn-Dill besteht seit der Saison 2009/10. In der Regel treten wir auf zirka 15 Heimspielen des RSV Lahn-Dill mit mehreren Teams auf. Erfahrungsgemäß sind wir jeweils mit rund 25 bis 30 Cheerleadern vor Ort.

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Durch unsere Mitarbeit im Sportkreis Wetzlar entstand frühzeitig ein sehr guter Kontakt zu dem Manager des RSV Lahn-Dill, Andreas Joneck, der aufgrund unserer Auftritte beim Handballbundesligisten HSG Wetzlar auf uns aufmerksam wurde. Wir haben nicht lange gezögert und uns auf eine langfristige Zusammenarbeit geeinigt.

Was kostet es, wenn man Ihre Cheerleader-Gruppe für eine Veranstaltung bucht? Muss Herr Joneck mit einem großen Scheck wedeln?

Das kommt ganz auf den vereinbarten Auftritt oder die gewünschten Aktionen an. In der Regel bewegen wir uns hier in einem Rahmen zwischen 100 und 300 Euro.

Sie haben nun den Wheelchair Partner Stunt eingeführt? Was ist das genau?

Eine Cheerleaderin steht auf den Schultern eines Rollstuhlahrers

Erstmals in Deutschland: Wheelchair Partner Stunt

Wheelchair Partner Stunt verbindet in einer beeindruckenden Art und Weise beide spektakulären Sportarten. Beim Wheelchair Partner Stunt geht es darum, dass Personen im Rollstuhl in die Tanzeinlagen der Cheerleader eingebunden werden und Teil der jeweiligen Choreographie sind. Während der Rollstuhlfahrer dabei als so genannte „Base“ fungiert, hat der agile Flyer alle Möglichkeiten, sich akrobatisch zu betätigen. Ergänzt wird das Team von einer zweiten „Base“, die lediglich behilflich ist, den Flyer sicher zu Boden zu führen.

Bisher ist nur ein Team aus England bekannt, dass Wheelchair Partner Stunt ausübt. Wir meinen, auch in der europäischen Hauptstadt des Rollstuhlbasketballs, Wetzlar, muss es ein solches Team geben.

Haben sich schon Rollstuhlfahrer gemeldet?

Wir stehen in engem Kontakt zum RSV Lahn-Dill und sind guter Dinge, dass wir zu Beginn der neuen Saison im Herbst 2012 mit dieser atemberaubenden Aktion eine neue Sparte des Cheerleading zeigen können. Erste Anfragen seitens Rollstuhlfahrer haben uns bereits erreicht.

Wie schaffen es denn die Spieler des RSV Lahn-Dill, sich zu konzentrieren und ständig ihre Heimspiele zu gewinnen, obwohl Ihre Mädchen auftreten?

(sehr ernst) Rollstuhlbasketball erfordert ebenso wie Cheerleading eine professionelle Einstellung und 100-prozentige Konzentration auf das Spiel beziehungsweise den Auftritt. Nach den Spielen ist genügend Zeit, um sich gegenseitig auszutauschen.

Sie sind aber ein strenger Familienpapa. Was viele nicht wissen: Als Cheerleader 1898 in den USA erfunden wurden, durften nur Männer mitmachen. Inzwischen sieht das ganz anders aus. Gibt es bei Ihnen auch männliche Cheerleader?

Ja, und ich bin einer davon. Aber Spaß beiseite: Cheerleading erfreut sich, nicht nur in unserem Verein, einer immer größeren Beliebtheit bei Männern. In unserem Senior-Team sind mittlerweile vier Männer und in unserem Junior Team ein Junge aktiv. Unser Trainer Paul Spieß ist sogar Mitglied der Cheerleading Nationalmannschaft und hat erfolgreich an den beiden vergangenen Weltmeisterschaften 2009 in Bremen und 2011 in Hong Kong teilgenommen.

Was sollten wir sonst noch über Ihren Verein wissen?

"Lunatic Spirit" ist ein weiteres Team des Vereins

FunTastic Sports Wetzlar e.V. bietet Freunden und Interessenten des Cheerleading sowie Trendsportarten, die bisher noch nicht in Vereinen organisiert werden konnten, einen Platz, ihre weniger bekannte Sportart auszuüben. Jedem soll die Möglichkeit gegeben werden, bei den „FunTastic Sports Wetzlar e.V.“ mit einer eigenen Abteilung ein Zuhause zu finden. Der Verein beheimatet aktuell neben der Abteilung Cheerleading eine Abteilung Hip Hop, Parkoursport (Anm.d.Red.: Teilnehmer müssen Hindernisse überwinden, ehe sie das Ziel erreichen) sowie Zumba (Anm.d.Red.: Tanz-Fitness-Programm, das von lateinamerikanischen Tänzen inspiriert ist). All jene, die sich solchen Sportarten verschrieben haben, steht die Tür zu diesem Verein offen.

Ferner ist Gastfreundschaft ein wichtiger Bestandteil unseres Vereinslebens. FunTastic Sports Wetzlar e.V. ist an einem freundschaftlichen Verhältnis zu Nachbarn, anderen Vereinen sowie in der Jugendarbeit tätigen Institutionen interessiert. Die traditionell gute Zusammenarbeit mit der Stadt Wetzlar soll weiter gepflegt werden. Insbesondere mit dem Nachbarschaftszentrum Westend, der Caritas, der HSG Wetzlar, dem RSV Lahn-Dill und der Sportjugend Hessen mit dem Programm „Integration durch Sport“ pflegen wir ganz besondere Kooperationen.

Vielen Dank für dieses Interview.

Übrigens: Lara von den Golden Spirit Cheerleadern ist Kandidatin bei unserem Modelwettbewerb MISS ANGEL 2012.

Webseite: www.funtastic-sports-wetzlar.de

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4 Kommentare

  • Petra Weiß

    Gerade die Sportart Cheerleading ist darauf angewiesen,Sportler mit völlig unterschiedlichen „Staturen“ in einem Team zu vereinen. Wir brauchen die kräftigen als Base, die drahtigen als Tumbler und die kleinen leichten als Flyer. Eine Ausgrenzung auf Grund von körperlichen Attributen wird es in einem verantwortungsvoll geführten Verein niemals geben. Sollte einer unserer Sportler sein Team verlassen müssen, ist dies ausschliesslich entweder seiner nicht vorhandenen sozialen „Kompetenz“ geschuldet oder es liegt eine grobe Missachtung unserer Team-Rules vor. Übrigens: eines unserer Teammitglieder ist auf Grund einer Behinderung kleinwüchsig, na und, sie liebt ihren Sport und ist ein super Flyer. Wir würden sie nicht missen wollen.

    Im übrigen würden wir uns freuen, wenn sich viele Eltern etwas mehr um die gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung für ihre Kinder bemühen würden. Die Kinder hätten ein leichteres Leben.
    P. Weiß
    1. Vors.

    29. Mai 2012 at 19:21
  • Stefan

    Ich verstehe nach dem Interview Cheerledading als Sport. Da ist es m.E. normal, wenn es „Kriterien“ gibt. Ich hätte als „Base“ auch nicht gerne ein Schwergewicht auf meinen Schultern. Es ruft doch auch niemand „Diskriminierung“, wenn jemand, der ein paar Pfunde zu viel hat, nicht beim 100-Meter-Sprint als erste durchs Ziel kommt.

    29. Mai 2012 at 13:44
  • Brigitte

    Bei dem Kommentar von Gerhard fühle ich mich erinnert an Deutschland sucht den Superstar, wo wirklich unzählige, völlig talentfreie Kids glauben, dass sie das Zeug dazu haben, in der Unterhaltungsbranche in die Top 10 zu gelangen. Und wer ist der Böse ? Die Jury- vorneweg Herr Bohlen, der es wagt, mit einer-
    tja- zugegebenermaßen nicht immer feinfühligen Wortwahl die Kinder darauf hinzuweisen, das das, was Papa, Mama oder Freunde ihnen erzählt haben, eben nicht wahr oder gefragt ist.
    Auch so ein Problem der in meinen Augen überstrapazierten Inklusions-Debatte. Recht auf Teilhabe- ja selbstverständlich ! Heißt aber doch nicht, dass jeder alles machen darf und kann, oder liege
    ich da so falsch ? Nicht jeder Rollifahrer, der einmal einen Basketball in der Hand halten kann, wird automatisch in der ersten Mannschaft des RSV Lahn-Dill mitspielen dürfen… ist das Mobbing ?
    Soweit ich weiß, ist es auch die Pflicht eines jeden Trainers- schon allein auch in der Verantwortung den anderen Teammitgliedern gegenüber-für eine Homogenität der Gruppe zu sorgen. Und wir sprechen doch hier nicht vom Strickkurs in Hinterhugelhapfing, sondern von einem Hochleistungssportverein…

    29. Mai 2012 at 12:33
  • Gerhard

    „Wie schon gesagt: Extremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Intoleranz haben keinen Platz in unserer Familie.“

    Das ich nicht lache: Kinder, die – in den Augen der Verantwortlichen – kein Idealgewicht haben, werden ausgegrenzt und rausgeekelt!!!!!!!!!!!!

    28. Mai 2012 at 19:35

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