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Olympische Spiele und Paralympics 2012: Bald schaut die ganze Welt auf die Insel. Wie wäre es eigentlich, dort zu leben und zu arbeiten? Von Heiko Kunzmann

Der Chemnitzer Jens Wilde in der Innenstadt von London (Großbritannien) vor einer Telefonzelle. (Foto: Heiko Kunzmann/dapd)

Seit fast zehn Jahren arbeitet Jens Wilde dort, wo sich London besonders multikulturell zeigt: Im ethnisch bunt gemischten Stadtviertel Kilburn, wenige Kilometer nordwestlich von Big Ben und Tower, hat der ehemalige Chemnitzer den Job, den er in Sachsen nicht fand: Der 43-Jährige hilft als Sozialarbeiter denen, die von Alkohol und Drogen loskommen wollen.

In seiner alten Heimat hat er in einem Jugendhilfeverein Ähnliches gemacht: „Ich habe mich um die Straßensozialarbeit gekümmert und vermittelt, wenn Punks und Hausbesetzer mit Behörden und Polizei Probleme hatten“, sagt er. Gern wäre er geblieben – doch ohne entsprechenden Uni-Abschluss hatte der gelernte Elektromonteur schlechte Aussichten. Zudem gab es für Sozialpädagogen um die Jahrtausendwende in Deutschland nicht ausreichend Stellen. Der Gang nach Großbritannien fiel also leicht: „Hier werden Arbeitserfahrungen sehr hoch bewertet, und Seiteneinsteiger haben es oftmals einfacher.“

Für Sachsen ein beliebtes Auswanderziel

Das Vereinigte Königreich ist für Sachsen eines der beliebtesten Auswanderziele – egal ob dauerhaft oder zeitweise. Laut Statistischem Landesamt liegt es auf Platz vier hinter der Schweiz, Österreich und den USA. 2009, 2010 und 2011 verließen 304, 220 beziehungsweise 198 Menschen Sachsen in Richtung der Insel. Großbritannien bleibt bei Arbeitssuchenden hierzulande beliebt, vor allem wegen der geringen Sprachbarriere: „Etwa fünf Prozent derer, die nach einem Job anfragen, werden dorthin vermittelt“, sagt Marion Rang von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit.

Waren um die Jahrtausendwende Sozialpädagogen und Lehrer in Großbritannien mehr gefragt als in Deutschland, seien die Mangelberufe inzwischen überall gleich: „Alle suchen Ärzte, Ingenieure und Techniker“, sagt Rang. Berufe, die hier schwierig zu vermitteln sind, seien es auch in Großbritannien. Viele, die über die ZAV einen Job im Ausland finden, kehren nach einigen Jahren zurück – zumal die Arbeitsmarktlage in Deutschland jetzt besser ist als anderswo.

Für Ralf Irmer und Cornelia Pinkert aus Freiberg war die Insel erste Wahl unter mehreren Arbeitsangeboten. Der Ingenieur hätte nach seiner Promotion an der TU Dresden auch in die Niederlande oder nach China gehen können. Großbritannien aber reizte ihn und seine Partnerin am meisten: „Wir mögen beide das Land, hatten vorher schon hier studiert und das Jobangebot war spannend“, blickt der 38-jährige zurück.

Wegen der Kinder dann doch irgendwann wieder zurück

Seit 2005 forscht er am Hauptsitz des Vodafone-Konzerns in Newbury, wie Mobilfunknetze weniger Energie verbrauchen und mehr Daten übertragen können. Pinkert wiederum hat als Juristin Arbeit bei einer deutschen Anwaltskanzlei in London gefunden. Beide sind begeistert von der südenglischen Landschaft und der Nähe des Meers, von der sprichwörtlichen englischen Höflichkeit – und vor allem den Arbeitsbedingungen. So kann Cornelia drei Tage pro Woche verkürzt von zu Hause aus arbeiten und ihre noch kleinen Söhne Friedrich und Johann betreuen.

„Ein extremer Vorteil, denn Kitas sind teuer“, sagt die 38-Jährige. „So flexible Arbeitsorganisation ist in Deutschland immer noch schwer zu finden“, sagt ihr Partner, in dessen Firma ebenfalls viele Kollegen teils von daheim arbeiten. Die Rückkehr nach Sachsen oder Deutschland ist derzeit kein Thema – vielleicht aber, wenn die Kinder in höhere Schulklassen kommen. Ein Gymnasium in Deutschland sei vom Niveau her wahrscheinlich besser als die britische Secondary School, sagt Pinkert.

Kristin Baretts ist vor vier Jahren der Liebe wegen ins südenglische Maidstone gezogen. Als sie in Brüssel lebte, lernte die Chemnitzerin ihren Mann Dan kennen. Später wurde ihm eine Stelle in der Heimat angeboten, sie ging mit. Arbeit in Deutschland zu finden wäre für Dan wegen fehlender Sprachkenntnisse schwierig – und auch für sie, glaubt Kristin. „Ich wollte gern in eine internationale Firma, und da gibt es daheim nur wenige“, sagt die junge Frau, die an der HTW Dresden „International Business“ studiert hat.

Kristin freut sich auf die Paralympics

In der Europazentrale des US-Hygieneherstellers Kimberly-Clark ist sie für Marketing und Kommunikation zuständig und mag die unkomplizierte Atmosphäre und Small Talk-Kultur der Briten. „Im Job spricht man sich mit Vornamen an, und generell sind die Leute sehr aufgeschlossen“, schwärmt sie. Die Landschaft um ihren Wohnort erinnert sie zudem an die Heimat: „Die Hügel, Felder und Wälder schauen ähnlich aus wie in Sachsen.“ Nach Jahren des Unterwegsseins – die 33-jährige lebte auch in Schweden und Spanien – hat sie das Gefühl, angekommen zu sein. Seit einigen Monaten gibt es auch Tochter Emily, für die sie derzeit zu Hause bleibt. „Eigentlich passt derzeit alles“, meint Kristin und lächelt.

Nur eines hat nicht geklappt: Trotz vieler Bewerbungen haben sie und Dan keine Olympiatickets ergattert. „Für die Paralympics aber haben wir welche“, freut sich Kristin, die Großbritannien offensichtlich als ihre neue Heimat ansieht. „Solche Sportereignisse im eigenen Land, das muss man miterleben.“

(dapd-lsc)

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