""

Gallaudet Universität: Amerikas „Mekka“ für Gehörlose

Wie studieren Menschen, die nur schlecht oder gar nicht hören können? In Washington gibt es für sie eine eigene Hochschule. Von Lisa Wolf

Ben Jarashow (2.v.l.) diskutiert an der Gehörlosen-Universität Gallaudet in Washington DC mit Kommilitonen über ein Gedicht (Foto  Mirja Fiedler/dpa)

Ben Jarashow (2.v.l.) diskutiert an der Gehörlosen-Universität Gallaudet in Washington DC mit Kommilitonen über ein Gedicht (Foto Mirja Fiedler/dpa)

Wild gestikulierend steht der Dozent vor seiner Klasse. Mit beiden Händen zeichnet er Gesten in die Luft. Aufmerksam beobachtet ihn die kleine Gruppe von Studenten, die im Halbkreis um die Tafel sitzt.

Jeder kann den anderen gut sehen. Aus gutem Grund: Beinahe alle an der Gallaudet Universität in Washington sind gehörlos oder schwerhörig. Unterrichtet wird in der amerikanischen Gebärdensprache American Sign Language (ASL). Ohne Blickkontakt ist Verständigung schwierig.

Kommunikation in ASL

„Die meisten hier beherrschen ASL, was die tägliche Kommunikation einfach viel leichter macht“, sagt Christian Vogler. Obwohl er nie hören konnte, spricht der 40-Jährige gut verständlich Englisch und Deutsch. Ursprünglich kommt der Informatiker aus Hamburg.

In Washington leitet er eine Abteilung für neue Technologien, etwa Videotelefone. Während seiner Studienzeit musste er sich auch auf Literatur, Notizen und seine Mitstudenten verlassen: „Ich hatte Dolmetscher für einige meiner Klassen. Die musste ich allerdings selbst suchen und es waren auch nicht genug verfügbar.“

Christian Vogler aus Hamburg, Leiter des Technology Access Program an der Gallaudet University in Washington D.C. (Foto: Lisa Wolf/dpa)

Christian Vogler aus Hamburg, Leiter des Technology Access Program an der Gallaudet University in Washington D.C. (Foto: Lisa Wolf/dpa)

Mit der Lizenz von Abraham Lincoln

An der Gallaudet Universität ist dagegen das komplette Programm auf Gehörlose und Schwerhörige ausgerichtet. Die Universität selbst bezeichnet ihr Angebot als „weltweit einzigartig“.

US-Präsident Abraham Lincoln unterzeichnete 1864 den Beschluss, dass die ehemalige Schule Universitätsabschlüsse ausstellen darf. Etwa 1800 Studenten lernen hier, nur etwa 15 Auto-Minuten vom Weißen Haus entfernt.

An deutschen Hochschulen gibt es kaum Kurse in Gebärdensprache, Gehörlose brauchen Übersetzer. 2010 startete ein Verein den Versuch, auch in Deutschland eine spezielle Hochschule zu gründen. Für 2013 war die Eröffnung geplant, derzeit liegt das Projekt nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Hörbehinderter Studenten und Absolventen (BHSA) aber auf Eis.

Fraglich ist, ob es überhaupt genügend gehörlose Studenten in Deutschland gebe. Fraglich ist auch, ob eine eigene Uni für Gehörlose beim Ruf nach Inklusion politisch überhaupt noch erwünscht ist.

„Man gewöhnt sich an diese Umgebung“

Der Politik- und Sportstudent Keith Doane (27) und Sachiko Flores (25), Studentin für Internationale Entwicklung , unterhalten sich in der Gebärdensprache auf dem Gelände des Campus (Foto: Lisa Wolf/dpa)

Der Politik- und Sportstudent Keith Doane (27) und Sachiko Flores (25), Studentin für Internationale Entwicklung , unterhalten sich in der Gebärdensprache auf dem Gelände des Campus (Foto: Lisa Wolf/dpa)

Keith Doane wird sein Politik- und Philosophiestudium im kommenden Mai abschließen. Der 27-Jährige hat seine komplette Studienzeit an der Gallaudet absolviert. Lässig lehnt er sich im Sessel zurück, während er mit beiden Händen Gebärden formt. Manche ähneln einer Faust, bei anderen berühren sich einzelne Finger oder die ganze Hand bewegt sich in eine bestimmte Richtung.

Eine Dolmetscherin übersetzt in Lautsprache: „Manche meiner Freunde sagen, ich bin zu taub.“ Er schmunzelt. Schon seine Schulzeit verbrachte er mit Schwerhörigen oder Gehörlosen, auch seine Eltern können nicht hören. „Man gewöhnt sich schon an diese Umgebung hier, wo jeder gehörlos ist und die Kommunikation mit deinen Freunden und der Gemeinschaft sehr leicht ist“, sagt er.

Alle Aspekte des Campus-Lebens

Hauptproblem sei nicht das Hören, sondern die Kommunikation, sagt Howard Rosenblum der Nachrichtenagentur dpa. Er ist Geschäftsführer der NAD, der US-Vereinigung der Gehörlosen. Zwar hätten schwerhörige und gehörlose Studenten durch Übersetzer Zugang zu allen Universitäten.

Doch bei Gallaudet gebe es uneingeschränkten Zugang zu allen Aspekten des Campus-Lebens – „von Vorlesungen und Gruppendiskussionen über Studentenaktivitäten bis zu Gesprächen spät nachts im Wohnheim“.

Blick auf Chapel Hall auf dem Campus der Gallaudet University (Foto Lisa Wolf/dpa)

Blick auf Chapel Hall auf dem Campus der Gallaudet University (Foto Lisa Wolf/dpa)

Sachiko Flores hat zuerst an einer Uni in Texas studiert. Dort hatte sie Übersetzer in ihren Kursen. Sie spricht ebenfalls die amerikanische Gebärdensprache, nur selten setzt sie ihre Stimme ein.

„Ich möchte die Menschen damit konfrontieren, dass auch gehörlose Menschen erfolgreich sein können“, sagt sie. Gallaudet sei eine Art „Mekka“ für gehörlose Menschen, daher habe sie sich entschieden, ihre Karriere hier weiter zu verfolgen.

Viele müssen erst die Gebärdensprache lernen

Neben besonderer Ausstattung, etwa Videotelefonen, bemüht sich Gallaudet um eine intensive Betreuung. Das hat seinen Preis: Rund 16.000 Dollar (etwa 12 000 Euro) kostet ein Semester für US-Studenten, internationale Studenten zahlen rund 23.000 Dollar.

Auch ein paar Deutsche studieren hier, einige sind sogar Mentoren für Erstsemester. Wichtigste Aufgabe: Training der Gebärdensprache. Denn manche müssen erst lernen, sich in der Sprache auszudrücken, die Gallaudet so besonders macht.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • Daniel Horneber

    Fraglich ist, ob es überhaupt genügend gehörlose Studenten in Deutschland gebe. Fraglich ist auch, ob eine eigene Uni für Gehörlose beim Ruf nach Inklusion politisch überhaupt noch erwünscht ist. also ich finde Sonereinrichtungen eher Zweifelhaft

    18. November 2013 at 02:08
    • M.H.

      Aus welchem Grund finden Sie, Herr Horneber, Sondereinrichtungen zweifelhaft? Im Prinzip ist es hier doch mal wieder so, dass es Gehörlosen nicht zugetraut wird, das Abi zu schaffen und zu studieren. Und vielleicht stimmt es ja sogar, dass sie es nicht schaffen. Aber nicht aus dem Grund, weil sie zu dumm sind, sondern weil sie nicht genug gefördert und unterstützt werden. Eben weil Sondereinrichtungen als zweifelhaft angesehen und als nicht nötig befunden werden. Teufelskreis, nicht?

      19. November 2013 at 15:01

KOMMENTAR SCHREIBEN