""

„Gedankenkraft-Technologie noch in weiter Ferne“

Toyota und Parlee haben „Prius X Parlee“ vorgestellt – ein Fahrrad, dessen Gangschaltung sich mit der Kraft der Gedanken bedienen lässt. Können Behinderte jetzt auf diese Technologie hoffen?

Torrance, Kalifornien (pte). – Der Fahrer trägt dazu einen mit entsprechenden Sensoren ausgerüsteten Helm, der Gehirnströme misst. Ein Prozessor am Rad verarbeitet die überlieferten Signale und ändert bei erkanntem Kommando die Übersetzung der Tretbewegungen. Der Fahrer kann die Kommunikation mit einer iPhone-App trainieren. Experte Raul Rojas vom Informatik-Institut der Freien Universität Berlin (City News) sieht darin eine Demonstration des Forschungsstands und erläutert, welche Hürden die Technologie noch zu nehmen hat.

Grundlagenforschung

Das ergonomisch ausgereifte und ästhetisch hochwertige Fahrrad des Autobauers Toyota und des Fahrradherstellers Parlee lässt das Herz vieler Zweiradfreunde höher schlagen. Die Aussichten, in absehbarer Zeit selbst mit dem Gefährt auf Bergen oder durch Häuserschluchten zu verkehren, sind jedoch gering. Toyota und Parlee planen keine kommerzielle Produktion des Hightech-Vehikels.

Die gerade für Behinderte hochspannende Technologie ist laut Expertenmeinung leider noch weit davon entfernt, im Alltag eingesetzt werden zu können.

„Hier geht es um Grundlagenforschung, nicht um die Anwendung im Alltag“, stellt Rojas fest. Er selbst forscht im Bereich der Gedankensteuerung und leitete das Projekt „Brain Driver“ der FU Berlin, das die Technik in Autos zum Einsatz brachte. Probanden konnten mit ihren Gedanken Gas, Bremse und Lenkrad eines computergesteuerten Pkw kontrollieren. „Alltagstauglich ist die Technik noch lange nicht“, so der Wissenschafter.

Konzentration und Kompatibilität

In der Forschung arbeitet man daran, ein großes Manko zu beheben. Die Mess-Apparaturen arbeiten nicht bei allen Menschen gleich gut. Die Ursachen dafür können sehr verschieden sein und reichen von der Beschaffenheit der Kopfhaut, der Dicke des Schädelknochens bis hin zu möglichen Unterschieden im Gehirn selbst. Ziel ist es, universelle Sensoren zu entwickeln, die gute Ergebnisse bei der großen Mehrheit der Testpersonen erzielen.

Ein weiterer Stolperstein ist die Anstrengung, die derzeit für die Bedienung eines gedankengesteuerten Systems nötig ist. „Das erfordert sehr viel Konzentration“, schildert Rojas. „Es ist schwer, das länger als 15 Minuten durchzuhalten.“ Trotzdem ist man wesentlich weiter als vor zehn Jahren, sagt er im pressetext-Gespräch. Damals, als die Technologie noch in den Kinderschuhen steckte, benötigte man wesentlich kompliziertere Sensoren und deutlich mehr Übungszeit als heute.

In zehn Jahren in den Haushalt

Professionell eingesetzt wird heute fast ausschließlich die Messtechnik. So werden beispielsweise die Hirnströme von Flugzeugpiloten im Simulator erfasst, um Stressreaktionen und Müdigkeit zu beobachten und zu analysieren. Im Heimbereich kommen aktuell nur Systeme zum Einsatz, die Behinderten Menschen bei bestimmten Tätigkeiten helfen, die sie manuell nicht ausführen können. Für Wachkoma-Patienten ist das Verfahren oft die einzige Chance zur Kommunikation mit der Außenwelt. Doch auch hier stößt man auf das Problem, dass die eingesetzten Sensoren längst nicht bei allen Menschen brauchbaren Output liefern.

„In zehn Jahren“, schätzt Rojas, „wird es kommerzielle Geräte für Behinderte geben.“ Neben der Bedienung von Computern und On-Screen-Tastaturen wäre auch die Umrüstung von Haushalten denkbar, so dass etwa Lichtschalter auch auf Gedankenkommandos reagieren.

Foto (priusprojects.com): Prius X Parlee: Per Gedankenkraft den Gang einlegen

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN