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Gefährliche Stammzellzauberei gegen Parkinson, Lähmungen, Krebs und Autismus

Trotz Verbots boomen in China Stammzellkuren und medizinische Scharlatanerie. Verzweifelte Patienten – auch aus Deutschland – fallen auf Versprechungen rein und greifen tief in die Tasche. Von Andreas Landwehr

Patienten im Flur des Krankenhauses

Zhongshan Hospital in Wuhan (Foto: Flickr/Jackie Hai)

„Wir nehmen Stammzellen, um bei der Behandlung von Autismus zu helfen“, wirbt Doktor Li vom Zhongshan Hospital in der zentralchinesischen Metropole Wuhan. „Die Stammzellen werden der Nabelschnur von Neugeborenen entnommen, und wir injizieren sie den Patienten. Auf natürliche Weise suchen sie sich ihr Ziel.” Alles ganz einfach. „Es gibt weder eine Abstoßung, noch biochemische Reaktionen des Körpers – auch keine Folgeschäden oder Gen-Mutationen, nichts dergleichen”, beteuert die Ärztin am Telefon.

Dann erzählt sie noch kurz die Geschichte von einem Kind, dem es heute viel besser gehe. Und, dass die Therapie rund 20 000 Yuan (2470 Euro) koste.

“Medizin im Blindflug“ – siehe Jörg Immendorf

Viele Krankenhäuser in China versprechen derartige Stammzellzauberei – auch bei Parkinson, Alzheimer, Lähmungen und Krebs, wie Recherchen der Nachrichtenagentur dpa ergaben. Die Sache hat nur einen Haken: Die Behandlungen sind in China nicht nur verboten – es gibt auch keine wissenschaftlich belegten Studien, wie oder ob sie überhaupt helfen. Im Gegenteil: Ärzte warnen eindringlich vor gesundheitlichen Schäden durch medizinische Scharlatanerie.

„Es ist irrwitzig zu behaupten, dass Stammzellbehandlung am Menschen sicher wäre”, warnt Doktor Chen Lei vom Nationalen Zell-Zentrum in Peking. Es sei „Medizin im Blindflug”: Alles sei ungeprüft. Chen Lei weiß von schweren Komplikationen oder Folgeerkrankungen wie Tumorbildungen. „Die Abwehrreaktionen und die Wirksamkeit sind ungewiss.” Doch ist ihm klar, was das Geschäft antreibt: „Es ist eine riesige Versuchung für jene verzweifelten Patienten und ihre Familien.”

Tausende Patienten – auch aus dem Ausland – fallen auf Versprechungen rein und greifen tief in die Tasche, um in ihrer Not experimentelle Behandlungen in China auszuprobieren. Ein prominenter Fall war der bekannte deutsche Künstler Jörg Immendorf, der die unheilbare Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) hatte und sich 2005 in Peking auch embryonale Stammzellen ins Gehirn injizieren ließ. Ohne Erfolg. Er starb 2007.

“Viele Patienten mit zerebralen Lähmungen“

Doktor Li im Zhongshan Hospital gibt sich selbstsicher, wohl wissend, dass viele Kranke nach dem letzten Strohhalm schnappen. „Wir haben auch viele Patienten mit zerebralen Lähmungen.” Die Behandlung einer vom Gehirn ausgehenden Lähmung koste rund 30 000 bis 40 000 Yuan (3700 bis 4900 Euro). Auf die Frage, ob sie denn überhaupt eine Lizenz dafür hätten, sagt Doktor Li: „Wir behandeln seit zwei Jahren mit Stammzellen. Das könnten wir doch nicht tun, wenn es verboten wäre, oder?”

Genau hier liegt das Problem. Bislang wurde keine Therapie genehmigt. Auch hat das Gesundheitsministerium in Peking im Januar alle Behandlungen oder klinischen Versuche ausdrücklich verboten. Trotzdem machen viele Kliniken munter weiter. Das Problem ist dem Ministerium bekannt. Alle laufenden Stammzellkuren „seien nicht erlaubt”, sagt Yin Shike vom Ministerium. Die Entwicklung scheint außer Kontrolle zu sein. „Was glauben sie, warum wir diese Vorschriften erlassen haben?”

Die Werbung, wundersame Erfolgsgeschichten und die Existenz der Stammzellabteilungen in großen, renommierten Krankenhäusern verleihen eine „Aura der etablierten Akzeptanz”, warnt das britische Wissenschaftsmagazin „Nature”. Außerdem spielten solche Kliniken vor, gute Beziehungen zu hohen Politikern oder führenden Wissenschaftlern zu unterhalten, um ihre Reputation zu unterstreichen.

Vorsicht vor Militärkrankenhäusern

In dem Geschäft mit der Hoffnung werben gerade Militärhospitäler, die nicht dem Gesundheitsministerium unterstehen, um zahlungskräftige Kunden. „Bisher dürfen nur Militärkrankenhäuser Stammzelltherapien vornehmen”, behauptet am Telefon eine Ärztin des General Hospital des Militärkommandos von Jinan (Provinz Shandong). In ihrem Krankenhaus könnten sogar einige Arten von Krebs behandelt werden. „Es ist möglich.” Kostenpunkt: 20 800 Yuan, umgerechnet 2570 Euro. „Die Gesamtkosten hängen vom individuellen Patienten ab.”

Selbst Parkinson-Patienten könne geholfen werden. „Es gibt weder Gegenreaktionen, noch Folgeschäden”, behauptet die Ärztin auch hier wieder. Eine Parkinson-Behandlung im Militärhospital koste 50 000 Yuan (6180 Euro). „Normalerweise braucht der Patient zwei, drei Monate, um sich zu erholen, ist dann aber in einem sehr guten Zustand”, gibt die freundliche Ärztin vor, die am Telefon auch nur Li heißen und die Namen der behandelnden Stammzell-Experten lieber nicht nennen will: „Kommen Sie besser mal vorbei.”

(dpa)

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