Wie im Bollywood-Film: Gehörloses Mädchen lebte im Feindesland

Wohl mehr als ein Jahrzehnt saß die Inderin Geeta im Land des Erzfeindes Pakistan fest. Nun kehrt sie mit viel Tamtam zurück – aber wo sind ihre Eltern? Von Doreen Fiedler

Indiens Außenministerin Sushma Swaraj (l.) heute in einer Pressekonferenz mit Geeta (r.) in Neu Delhi (Foto: EPA/Harish Tyagi)

Indiens Außenministerin Sushma Swaraj (l.) heute in einer Pressekonferenz mit Geeta (r.) in Neu Delhi (Foto: EPA/Harish Tyagi)

In einem Bollywood-Erfolgsfilm mit dem Namen „Bajrangi Bhaijaan“ geht ein sechsjähriges Mädchen aus Pakistan auf einer Bahnreise im Land des Erzfeindes Indien verloren. Das gehörlose Mädchen hat Glück. Die Kleine findet einen Helden, der sie gegen alle Widerstände zu ihren Eltern nach Hause bringt. Ein ähnliches Drama hat sich wohl auch im wirklichen Leben in den zwei asiatischen Ländern abgespielt. Hauptdarstellerin in der Realität ist Geeta, eine gehörlose Frau, die heute Anfang zwanzig ist. Doch das wirklich glückliche Ende ist für die junge Inderin noch unsicher.

Geeta sei vor mehr als einem Jahrzehnt wahrscheinlich aus Indien aus Versehen mit dem Zug über die streng bewachte Grenze nach Pakistan gefahren, sagte Anwar Kazmi von der Edhi-Stiftung. Die Organisation nahm das Mädchen in ihrem Waisenhaus im pakistanischen Karachi auf. Da Geeta Hindu zu sein schien, bekam sie in dem überwiegend muslimischen Land einen kleinen Tempel zum Beten.

Als die Medien aufmerksam wurden

Woher Geeta genau stammte, blieb lange Zeit im Dunkeln. Die wohl einzigen Indizien: Sie konnte laut der Edhi-Stiftung die indische Sprache Hindi schreiben. Und habe auf eine indische Landkarte gezeigt. Erst als der Bollywood-Film in den verfeindeten Atommächten im Sommer lief, wurden die Medien auf beiden Seiten der Grenze auf das so ähnliche Schicksal aufmerksam.

In Indien spielte sich das Außenministerium schnell zum Retter auf. Erst wurde der indische Botschafter zum Waisenhaus geschickt, dann suchte das Ministerium mit Hochdruck nach Geetas Eltern. Fotos wurden laut lokalen Medien nach Pakistan geschickt. Und auf einem habe – so hieß es – Geeta ihre Familie erkannt.

Politiker nutzen die Gunst der Stunde

Am Montag schließlich landete Geeta auf dem Flughafen in Delhi. Sie bekam einen riesigen Blumenstrauß und wurde von Diplomaten in Empfang genommen. „Wir begrüßen unsere Tochter Zuhause“, twitterte Indiens
Außenministerin Sushma Swaraj. Außenamtssprecher Vikas Swarup legte nach: Geetas Herz sei immer in Indien gewesen.

Indien braucht unbedingt gute Nachrichten – das Verhältnis mit mehreren Nachbarländern ist extrem angespannt. Wenige Stunden vor Geetas Landung beschossen sich indische und pakistanische Soldaten noch an der Waffenstillstandslinie. Und in Nepal ist ein großer Teil der Bevölkerung der Meinung, dass Indien seit Wochen keine Tanklaster über die Grenze lässt, was zu großer Benzinknappheit führt.

Ihre Familie hat Geeta noch nicht gefunden. Die Männer, die sie auf dem Foto als Vater und Brüder erkannt haben wollte, seien ihr bei der Begegnung fremd gewesen, sagte Swaraj auf einer Pressekonferenz. Nun soll ein DNA-Test Gewissheit bringen. Faisal Edhi, geschäftsführender Verwalter der Stiftung, kritisierte das Vorgehen in der Zeitung „The Hindu“. Die Behörden hätten erst feststellen sollen, wer Geetas Eltern sind – und erst danach die junge Frau nach Indien holen.

(dpa)

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