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Gehörlose verlieren Arbeitsplätze aufgrund mangelnder Unterstützung bei der Kommunikation

Die Lage bei der Arbeitsassistenz ist dramatisch, wie eine Veranstaltung in Stuttgart aufzeigte. Von Judit Nothdurft

Podiumsdiskussion in Stuttgart (Foto: Nothdurft)

Podiumsdiskussion in Stuttgart (Foto: Nothdurft)

Anlässlich des Internationalen Tages der Gehörlosen hat der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg e.V. am 14. September 2013 Betroffene, Politiker und Experten zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.

Über zweihundert Besucher kamen in das Bürgerhaus Botnang nach Stuttgart, um die Diskussion über die dramatische Lage der Arbeitsassistenz zu verfolgen. Der große Andrang zeigte auch, dass nicht nur das Thema, sondern auch die kompetenten Ansprechpartner von den Organisatoren richtig ausgewählt wurden.

Nach den Begrüßungsworten des Vorsitzenden des Landesverbandes Wolfgang Reiner folgte eine dynamische Präsentation des Geschäftsführers Daniel Büter mit wichtigen Eckdaten zur Arbeitsassistenz:

Die Situation in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg leben ca. 37.000 Menschen mit Hörbehinderung, von denen 8.000 gehörlos sind. Es gibt nur 60 Gebärdensprachdolmetscher, das heißt 133 Gehörlose müssen sich einen Dolmetscher teilen, benötigt werden aber etwa 250 Dolmetscher.

Bei der Schilderung vom Bedarf, Antragsverfahren und Finanzierung wurde allen Besuchern schnell klar, dass zum Beispiel das monatliche Leistungsbudget von maximal 1.000 EUR niemals für die Kosten für Gebärdensprachdolmetschern, Schriftdolmetschern und Telefonvermittlungsdiensten mit Dolmetschern ausreicht.

Der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg e.V. kommentiert diese Situation: „Arbeitsassistenz ist eine wichtige begleitende Hilfe für Arbeitnehmer. Sie bedeutet Chancengleichheit. Ohne Assistenz haben wir keinen Kontakt zu Hörenden und wir fühlen uns isoliert.“

Antragsteller darf Gutachten nicht einsehen

Die Podiumsdiskussion begann mit den „Kostenträgern“ Karin Kimmich-Protz (KVJS), Elisabeth Loffl (IFD) und Walter Tattermusch, dem stellvertretenden Behindertenbeauftragten der Stadt Stuttgart.

Karin Kimmich-Protz schilderte den Ablauf des Antragsverfahrens für eine Arbeitsassistenz. Nachdem der Betroffene einen Antrag beim KVJS gestellt hat, prüft ein Fachberater vom IFD am Arbeitsplatz den Umfang des Bedarfes und erstellt ein Gutachten, das die Antragssteller nicht einsehen dürfen (!).

Anhand dessen entscheidet die KVJS über die Höhe des Arbeitsassistenzbudgets. Oft deckt das genehmigte Budget nicht den Bedarf. „Unsere Hände sind gebunden“, so Kimmich-Protz, da die Kosten für die Arbeitsassistenz 50 Prozent der Bruttoeinnahmen des Antragstellers nicht übersteigen dürfen.

Monatelanges Warten bis zur Entscheidung

Die Genehmigung dauert oft mehrere Monate. Um diese zu beschleunigen, wurde eine Antragstellung bereits vor Aufnahme einer Beschäftigung vorgeschlagen. Wie in solch einem Fall der Bedarf der Arbeitsassistenz eines gehörlosen Arbeitnehmers realistisch eingeschätzt werden kann, blieb offen.

Um die Kostenträger zur besseren Einsicht zu gewinnen, betonte Marcel Karthäuser, 2. Vorsitzender des Landesverbandes der Schwerhörigen Baden Württemberg e.V. „eine Arbeitsassistenz stabilisiert das Arbeitsverhältnis, daher ist es wichtig, sie weiter auszubauen“.

Diskussionsrunde mit Politikern

In der darauffolgenden Diskussionsrunde konnten die eingeladenen Politiker Thomas Poreski (MdL, Bündnis90/Grüne), Werner Raab (MdL, CDU), Jochen Haußmann (MdL, FDP), Florian Wahl (MdL, SPD) Stellung beziehen. Spontan stieß die gehörlose Politikerin Julia Probst von der Piratenpartei zu der Runde.

Thomas Poreski betonte, dass die Arbeitsassistenz einheitlich und bedarfsgerecht gestaltet sein muss und die notwendigen Finanzmittel bereitzustellen sind. „Wir müssen die Gesetze so anpassen, dass sie zur Demographie passen“.

Dazu wie eine Erhöhung des Arbeitsassistenz-Budgets finanziert werden kann, kamen verschiedene Vorschläge, z.B. die Erhöhung der Ausgleichsabgabe oder Einführung eines Inklusionszuschlags. „Alleine sagen, dass wir mehr Geld brauchen, hilft nicht. Wir brauchen genaue Zahlen, dann kann die Regierung überlegen, wie man sie es finanziert“, brachte es Werner Raab auf den Punkt.

Bei Ausbildung von Dolmetschern muss etwas passieren

Die Landtagsabgeordneten waren sich einig, dass bei der Ausbildung von Gebärdensprachdolmetschern, etwas passieren muss. „Wir müssen hier auf die Ebene einer Hochschulausbildung kommen“, so Wahl (SPD).

Je mehr Leute Gebärdensprache verstehen und anwenden, umso besser ist dies, meinte Werner Raab (CDU). Und auch beim Antragsverfahren muss geprüft werden, so Haußmann (FDP), wie es langfristig verkürzt werden kann.

Anschließend würde von der politischen Seite ausdrücklich gewünscht, mit dem Landesverband im ständigen Dialog zu bleiben, um den Informationsfluss aufrecht zu erhalten.

„Wir brauchen technische Lösungen“

In der letzten Diskussionsrunde äußerten sich die Vertreter von Dolmetschern und Telefonvermittlungsdiensten zu der Problematik Dolmetschermangel. „Wir brauchen technische Lösungen“, so Michaela Nachtrab von VerbaVoice, „damit ein Dolmetscher nicht für jede Kleinigkeit vor Ort sein muss“.

Rita Wangemann (Telesign) machte darauf aufmerksam, „egal welche technische Lösung bevorzugt wird, sie steht oder fällt mit der Qualität der Internetverbindung“.

Um Dolmetschereinsätze sinnvoll und finanziell attraktiv zu planen, wird jetzt bei Doppelbesetzungen über technologische Lösungen nachgedacht. So könnte man zum Beispiel einen Co-Dolmetscher über VerbaVoice per Laptop zuschalten. Auch über die Fahrkostenhöhe wurde diskutiert, denn diese wird genauso hoch (mit 75 Euro pro Stunde) abgerechnet wie der Einsatz.

Gebärdensprachdolmetscher sind existentiell

Als Schlusswort wies die Dolmetscherin Rita Wangemann, auf die existentielle Bedeutung des Einsatzes von Gebärdensprachdolmetschern hin. „Gehörlose verlieren Arbeitsplätze auf Grund von Mängeln in der Kommunikation und bekommen keine mehr.“

Die Moderatorin Christine Linnartz führte die dreistündige Podiumsdiskussion neutral und sehr souverän. Während der ganzen Veranstaltung sorgten vier Gebärdensprachdolmetscher und zwei Schriftdolmetscher für die barrierefreie Kommunikation für hörende und gehörlose Gäste.

Nach einem reichhaltigen Buffet fand die Veranstaltung mit der Theateraufführung „Söhne Hiobs“ (ein Theaterstück von Mathias Schäfer) einen gelungenen Ausklang.

(RP)

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