Gehörlose und Hörende, Gebärden und Gospel

Deutschlands größter Gebärdenchor „Visuelle-Gebärden“ tritt zum ersten Mal mit dem Nürnberger Gospelchor auf. Von Judit Nothdurft

Der Nürnberger Gebärdenchor „Visuelle-Gebärden“

Am 1. Juli 2012 wird Kirchenrat Pfr. Joachim Klenk nach 20 Jahren Gehörlosen-Seelsorgetätigkeit verabschiedet. Im Rahmen des Festgottesdienstes präsentiert die „Visuelle-Gebärden-Kantorei-Bayern“, diesmal vertreten durch den Nürnberger Gebärdenchor, ein vielfältiges Programm. So werden Gebärdenlieder, Gebärdenpoesie sowie Gospel und Gebärden aufgeführt.

Für Hörende im Publikum werden die Gebärdenlieder mit tonaler Komposition besonders interessant sein. „Mit der Musik schlägt der Gebärdenchor eine Brücke, also Inklusion im wahrsten Sinne des Wortes“, so Kirchenrat Klenk. Um die Gebärdeninhalte verständlich und erlebbar zu machen, werden Textauszüge projiziert. So wird die Veranstaltung für Mitwirkende und Zuschauer barrierefrei.

Zum Festakt werden mindestens 400 Besucher, unter anderem Vertreter der Kirche und der Politik, erwartet. Obwohl der Gospelchor und der Gebärdenchor Nürnberg schon einige gemeinsame Projekte hatten, ist dieser Auftritt am 1. Juli eine Premiere, da sie zum ersten Mal vor so einem großem Publikum gebärden-singen werden.

Wie eine Idee von der Schweiz nach Bayern kam

Die ersten Anfänge des Gebärdenchors gehen in die 1970-er Jahre zurück. Der damalige Pfr. Volker Sauermann brachte von einem Studienaufenthalt in Zürich die Idee mit nach Bayern. In den letzten fünf Jahren wurde diese Tradition wieder verstärkt aufgenommen.

Inzwischen ist der Nürnberger Gebärdenchor „Visuelle-Gebärden“ der größte Gebärdenchor in Deutschland. Die professionellsten Mitglieder traten sogar 2010 in München beim ökumenischen Kirchentag im Rahmen des Schlussgottesdienstes vor ca. 80.000 Besuchern auf der zentralen Bühne auf.

Die größte Entwicklung hat der Chor in den letzten fünf Jahren gemacht. Nicht nur die Teilnehmerzahl hat zugenommen (heute 25 Mitglieder), sondern auch die Gestaltung der Gebärdenlieder ist anspruchsvoller geworden. Früher wurden vorwiegend Lieder aus den hörenden Gottesdiensten adaptiert und in Gebärdensprache übersetzt. Heute werden Gebärdenlieder selbst entworfen und z.T. auch schließlich von Komponisten vertont.

“Gebärdenchöre sind Inklusions-Orte“

„Die Zukunft wird sicher auch stark durch Inklusionsbemühungen geprägt sein. Gebärdenchöre sind aus unserer Perspektive Inklusions-Orte, nur diesmal Inklusion aus dem Blick gehörloser und hörgeschädigter Menschen gedacht.“, meint Kirchenrat Pfr. Klenk.

Dem guten Ruf des Gebärdenchors auch im Ausland ist zu verdanken, dass extra zu diesem Anlass Gehörlose aus Schweden anreisen, um ein gemeinsames Gebärdenlied mit dem Nürnberger Gebärdenchor aufzuführen.

Der Gebärdenchor besteht aus Ehrenamtlichen, die überwiegend gehörlos sind. Die wenigen hörenden Mitglieder kommen meist aus gehörlosen Familien oder haben Freunde aus diesem Kulturkreis. Sie möchten hier ihre Begeisterung für Gebärden und Gebärdenlieder ausleben. Ein weiteres Highlight des Tages ist die Präsentation eines neuen Gebärdenliederbuches. Zum ersten Mal erscheint in Deutschland ein Gebärdenliederbuch mit Erklärungen und Darstellungen zu traditionellen und neuen Gebärdenliedern für Gottesdienste. Das Buch will informieren, Mut machen und motivieren. Bereits jetzt wird über eine englische Übersetzung nachgedacht.

Für Besucher

Der Festgottesdienst findet am Sonntag, 01. Juli 2012 um 14 Uhr in der Egidienkirche, Nürnberg statt. Ort der Veranstaltung: Egidienkirche, Egidienplatz 33, 90403 Nürnberg

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