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Geht doch: Eine Blinde im Sanitätseinsatz

Beim Thema Ehrenamt gelten Menschen mit Behinderung vor allem als Empfänger. Doch das ändert sich. Von Sebastian Kunigkeit

Ohne zu zögern läuft Bettina Wirth durch den Korridor. „Sechs Stufen, dann eine Stufe“, sagt sie, und geht die Treppe hinunter. Wer die resolute Frau in der Rot-Kreuz-Jacke hier beobachtet, käme nicht auf die Idee, dass sie blind ist. Zumal, wenn sie sich einen der großen Sanitätsrucksäcke über die Schulter wirft.

Die 45 Jahre alte Sehbehinderte ist seit kurzem ehrenamtlich Sanitäterin des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Würzburg. Künftig wird sie zum Beispiel bei Großveranstaltungen kleine Verletzungen versorgen. „Das ist für uns auch ein bisschen Neuland“, sagt Kreisbereitschaftsleiter Stefan Schwarz.

Sozialpädagoge Philipp Stemmer-Zorn vom Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung in Hamburg, der zum Engagement von Behinderten forscht, sagt: „Lange Zeit wurden Menschen mit Behinderung vor allem als Empfänger von ehrenamtlichen Hilfeleistungen gesehen.“ Das ändere sich langsam.

Nicht nur blind, sondern auch noch humorvoll

Viele können nicht glauben, dass sie fast nichts mehr sieht: Bettina Wirth (Foto: BRK/Stefan Schwarz)

Viele können nicht glauben, dass sie fast nichts mehr sieht: Bettina Wirth (Foto: BRK/Stefan Schwarz)

Wirth kam nicht blind zur Welt. Vermutlich war ein nicht erkannter Scharlach im Alter von sechs Jahren der Grund dafür, dass ihr Augenlicht sich nach und nach eintrübte. Entdeckt wurde die Sehbehinderung erst fünf Jahre später. „Ich habe das anscheinend sehr gut kompensiert. Kaschiert“, sagt sie. Heute hat Wirth eine Restsehkraft von weniger als zwei Prozent. Das sei wie ein Puzzle, wo man nur den Rand sehe.

„Zum Glück geben die Verletzten ja meist Laut.“ Solche humorvollen Sätze sagt sie oft: Ein anderes Mal erklärte sie Kollegen, einen Druckverband könne sie nach all den Übungen inzwischen sogar blind anlegen. Das ist nicht nur so dahingesagt – Ausbildungsleiter Timo Hofmann erzählt, ihre Prüfer hätten nicht glauben wollen, dass sie kaum noch etwas sieht.

Ihre Kollegen berichten, wie schnell Wirth sich im BRK-Haus zurechtfand und die Wege verinnerlichte, um bei Blutspendeterminen zu helfen. Auch bei Basketballspielen war sie schon im Einsatz. Im Sommer steht das Würzburger Volksfest Kiliani an. Die Sanitäter arbeiteten stets im Team, erläutert Sanitäter Michael Schwarz. „Da ergänzt man sich gegenseitig. Bettinas absolute Stärke liegt in der Betreuung, wie sie auf die Menschen zugeht.“

„Unsicherheit, man könnte etwas falsch machen“

Beim Druckverband würde Wirth also eher den Arm halten und die Arterie abdrücken. „Ich kann ihn aber auch selbst anbringen.“ Auch einen Bruch könne sie schienen, berichtet sie.

Elke Runte, Sprecherin des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds, sagt: „Man muss einfach immer gucken, welche Aufgaben man als blinder Mensch übernehmen kann.“ Vereine und Organisationen seien bei diesem Thema meist offen.

Die von Deutschland ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention garantiert Teilhabe – auch in der Freizeit. Forscher Stemmer-Zorn sagt: „Das Bild von Menschen mit Behinderung hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt.“ Er geht jedoch davon aus, dass viele Organisationen nach wie vor zurückhaltend sind, wenn Behinderte sich engagieren wollen. „Das hat auch mit der Unsicherheit zu tun, man könnte etwas falsch machen oder die Leute überlasten.“

Wirth sagt, beim BRK fühle sie sich sehr gut aufgehoben – „und ich versuche, mit meinen Fähigkeiten beizutragen“. Sie scherzt: Sorgen, dass sie künftig einen Rettungswagen fährt, müsse sich niemand machen.

(dpa)

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1 Kommentar

  • Andrea Bröker

    Ehrenamt und Behinderte gehören schon immer zusammen. Man denke nur an die vielen Selbsthilfevereine, in denen sich Betroffene ehrenamtlich für andere Betroffene einsetzen.

    23. Januar 2014 at 12:17

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