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Geist ist geil: Deutsche finden Lesen erotisch. Kann das stimmen?

Sexkolumnistin Paula Lambert verrät, warum sie lieber mit Männern ins Bett geht, die Bücher lesen.

Man muss ja nicht immer an den Rollstuhl gefesselt sein: Ein Buch tut es auch, hier Sexkolumnistin Paula Lambert (Foto: Börsenverein des Dt. Buchhandels e.V./Jan von Holleben)

Man muss ja nicht immer an den Rollstuhl gefesselt sein: Ein Buch tut es auch, hier Sexkolumnistin Paula Lambert (Foto: Börsenverein des Dt. Buchhandels e.V./Jan von Holleben)

Fast zu schön, um wahr zu sein: Angeblich empfinden 59,4 Prozent aller Befragten Bücherlesen als aufregend. Was jedoch überrascht: 15,6 Prozent aller Befragten bezeichnen das Bücherlesen an sich als erotisch. Besonders hoch ist der Wert bei der „digitalen“ Generation der 20- bis 29-Jährigen. In dieser Altersgruppe stufen 21,4 Prozent der Befragten das Bücherlesen als erotisch ein.

Das jedenfalls behauptet eine aktuelle Studie im Rahmen der Kampagne „Vorsicht Buch!“, einer bundesweiten Initiative der deutschen Buchbranche, die im März 2013 ihren Auftakt auf der Leipziger Buchmesse hatte.

Eine Auswirkung von Shades of Grey, Crossfire & Co.? Oder doch eine Entwicklung, die durch Bücherlesen sinnliches Kopfkino wiederentdeckt, weil es eben das größte Sexualorgan des Menschen anspricht – das Gehirn? Deutschlands bekannteste Sex-Kolumnistin Paula Lambert erklärt im Interview, wie es sich aus ihrer Sicht mit Buch und Erotik denn genau verhält.

Interview mit Paula Lambert: „Bücher helfen, die Persönlichkeit zu entwickeln“

Im Rahmen der Kampagne „Vorsicht Buch!“ werden in regelmäßigen Abständen Zahlen rund ums Bücherlesen erhoben. Dabei kam heraus, dass 15,6 Prozent aller Deutschen Lesen erotisch finden. Hättten Sie damit gerechnet?

Es gibt ja weniges, was erotischer ist, als ein Mensch, der sein Gehirn benutzt. Lesen ist auch deshalb so sexy, weil es, anders als Fernsehen, eine aktive Tätigkeit ist und die Fantasie anregt. Und deshalb wirken geschriebene erotische Szenen auch länger nach. Die maximale Stimulation.

Was bedeutet das fürs wahre Leben?

Einem Menschen ohne Bücher ist nicht zu trauen. Ich habe ein paar Mal mit Männern angebandelt, die Lesen für reine Zeitverschwendung hielten – diese Herren waren wirklich Zeitverschwendung.

Wie erklären Sie sich, dass in der Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren der Wert mit 21,4 Prozent sogar am höchsten ist? Auch bei den 14- bis 19-Jährigen sowie bei den 30- bis 49-Jährigen steht Lesen als erotischer Nervenkitzel hoch im Kurs.

Bücher helfen, die Persönlichkeit zu entwickeln. Mit Anfang Zwanzig, das wissen wir aus schmerzlicher Eigenerfahrung, ist es besonders wesentlich, sich in irgendeine Richtung zu orientieren. Nichts hilft mehr, als Träume, Frustration und totale Planlosigkeit mit Wissen und Träumen zu füttern, die man in Büchern findet.

Was macht Ihrer Meinung nach die Erotik beim Bücherlesen aus? Ist es ausschließlich der Inhalt der Bücher oder ist das Lesen an sich ein erotisches Erlebnis?

Das Lesen an sich ist schon ein intimer Akt. Das erklärt auch, warum so viele Menschen am liebsten auf der Toilette lesen – ein Ort, an dem man idealerweise nicht gestört werden kann. Aber der Inhalt ist natürlich wesentlich. Worte dringen viel mehr ein als bloße Bilder. Und lösen größere Spannung aus.

Was sind Ihre Tipps für einen heißen Abend mit Buch?

Wer liest, hat eine größere Chance, am gleichen Abend noch mit seinem Partner intim zu werden als jemand, der sich vorher vom Fernseher volldröhnen lässt.

Hatten Sie eine bestimmte Situation mit einem Buch, die Sie als besonders anregend empfunden haben? Inwiefern?

Als ich das „Zirkuskind“ von John Irving gelesen habe – darin liest der Protagonist seiner Frau aus James Salters „Ein Spiel und Zeitvertreib“ vor, woraufhin die Ehe einen neuen erotischen Spin erfährt. Das hat mich sehr angesprochen, witzigerweise mehr als Henry Miller oder Anais Nin, deren Lektüre ja direkt ins Lustzentrum geht, ohne noch wild Haken zu schlagen.

Wie viel erotische Kraft und Potenzial sehen Sie in Büchern, und muss es zwangsläufig erotische Literatur sein?

Manchmal fühlt man sich beim Lesen plötzlich so verbunden mit den Figuren, dass sich fast so etwas wie eine Liebesbeziehung entwickelt. Dazu muss der Inhalt gar nicht erotisch sein. Es gibt einen Menge Charaktere, die ich sehr gerne mal in echt kennenlernen würde. Smilla zum Beispiel, eine tolle Person. Schwierig, aber interessant und komplex.

Wie erklären Sie sich den Erfolg von Shades of Grey, Crossfire & Co.? Denken Sie, der große Erfolg hat dazu beigetragen, dass so viele Menschen Bücherlesen als erotisch empfinden?

Diese Bücher zielen auf die Instinkte ab, deshalb sind sie so ein Erfolg. Geschrieben sind sie sehr uninteressant, finde ich zumindest. Mich vergnügt dieser Mangel an Sprachwitz überhaupt nicht.

Vielen Dank für das Interview.

(ots)

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