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Genitalverstümmelung im Kamerun: Brustbügeln gegen Sex

In dem Land erleiden viele Mädchen eine Tortur, die sie ein Leben lang verfolgt. Von Anne Mireille Nzouankeu und Carola Frentzen

Die 27 Jahre alte Jeanne Bella steht vor einem Gebäude in Yaoundé, Kamerun. Im Alter von zehn Jahren wurden ihre Brüste "gebügelt". (Foto: Anne Mireille Nzouankeu/dpa)

Die 27 Jahre alte Jeanne Bella steht vor einem Gebäude in Yaoundé, Kamerun. Im Alter von zehn Jahren wurden ihre Brüste „gebügelt“. (Foto: Anne Mireille Nzouankeu/dpa)

„Ich war elf Jahre alt, als meine Mutter begann, meine Brust mit heißen Steinen zu massieren“, sagt Raissa Nana. Damals zeigten sich gerade die ersten Anzeichen der Pubertät bei der Kamerunerin: Aus dem Kind wurde eine Jugendliche, deren Busen zu wachsen begann.

„Jeden Abend gingen wir in die Küche und Steine wurden in kochendes Wasser geworfen und dann mehrmals auf meine Brust gedrückt“, erinnert sich die heute 31-Jährige. Wut blitzt noch heute in ihren Augen, als sie sagt: „Es war so heiß, dass ich geschrieen habe und meine Tanten mich festhalten mussten.“

„Brustbügeln“ ist weit verbreitet

Die im westafrikanischen Kamerun weit verbreitete Praxis, von der Raissa hier berichtet, heißt „Brustbügeln“ – und ist eine weitgehend unbekannte, schmerzhafte und sehr folgenschwere Form der Genitalverstümmelung. Auch in Togo, Guinea, Nigeria und Tschad kommt diese Art der Körpermodifikation vor, jedoch seltener als in Kamerun.

Aber warum soll der Busen nicht wachsen? „Die Mütter wollen nicht, dass ihre Töchter schon in jungen Jahren sexuell aktiv sind, schwanger werden und dann die Schule verlassen“, erklärt der Anthropologe und Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Flavien Ndonko. „Sie scheinen nicht zu verstehen, wie traumatisch das Brustbügeln ist. Das ist eine sehr schmerzhafte Prozedur.“

Unter anderem werden heiße Mahlsteine fest auf die Brüste der Mädchen gedrückt und hin und her bewegt. Eine andere Variante sind Pressverbände etwa aus heißen Handtüchern, die zusammen mit erhitzten Steinen um den Brustkorb gelegt werden.

Aufklärungskampagne zeigt Erfolge

Einer neuen Studie der GIZ zufolge sind mindestens zwölf Prozent der weiblichen Bevölkerung in Kamerun betroffen. Experten hatten zuvor 6000 Mädchen und Frauen im Alter zwischen 10 und 82 Jahren interviewt.

Immerhin, die Zahlen sind rückläufig, denn landesweite Aufklärungskampagnen haben Wirkung gezeigt. Als die GIZ das Brustbügeln 2006 erstmals empirisch untersuchte, waren noch 24 Prozent aller Mädchen betroffen.

Tatsächlich wird einer kamerunischen Regierungsstudie aus dem Jahr 2011 zufolge ein Viertel aller Mädchen vor dem 16. Lebensjahr schwanger. Bis 2009 wurden sie danach sofort vom Schulunterricht supendiert. Das hat sich mittlerweile geändert: Um das Brustbügeln unter Kontrolle zu bekommen, dürfen die werdenden Mütter nun bis kurz vor der Entbindung weiter am Unterricht teilnehmen. So hat es das Erziehungsministerium entschieden.

Eine Tradition mit gefährlichen Folgen

Auch Vergewaltigungen sind häufig: Vier Prozent aller Mädchen und Frauen werden in Kamerun mit Gewalt zum Sex gezwungen. Beim Versuch den Töchtern Bildung zu ermöglichen und Missbrauch zu ersparen, gerät den Müttern die Pein des Brustbügelns zur Nebensache.

Das bestätigt auch Raissas Mutter Emilienne: „Die Tradition wird von den Müttern auf die Töchter übertragen, ich selbst habe es auch durchlebt“, sagt sie. „Ich habe es für Raissa getan, weil ich nur das Beste für sie will.»

Die Folgen sind sowohl physischer als auch psychischer Natur. Zehn Prozent aller Fälle von Brustkrebs in Kamerun sind auf das Brustbügeln zurückzuführen. Auch normales Stillen ist später kaum noch möglich.

„Zudem bekommen die Mädchen Zysten, Infektionen oder asymetrische Brüste, die sie traumatisieren und zu psychologischen Problemen und sexueller Frustration führen können“, sagt Sarah Ako, die Sprecherin der kamerunischen Hilfsorganisation RENATA.

„Brüste sind ein Geschenk Gottes“

Die NGO führt zusammen mit den zuständigen Behörden des Landes Aufklärungskampagnen gegen die Verstümmelungspraxis durch und macht sich für die Benutzung von Verhütungsmitteln und Kondomen stark, um ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Der Slogan lautet „Bügele keine Brüste, sie sind ein Geschenk Gottes“.

Denn die gewünschte Wirkung der flachen Brüste bleibt oft aus. Bestes Beispiel ist Raissa selbst. „Mich hat es nicht davor geschützt, mit 16 ein Kind zu erwarten. Ich musste die Schule abbrechen“, sagt sie. „Dutzende andere Mädchen, die ich kenne, waren auch mit 17 schwanger.“

Viele von ihnen arbeiten heute für RENATA, um den künftigen Generationen klar zu machen, dass Brustbügeln eine Art von Gewalt gegen Frauen ist, die gestoppt werden muss.

„Ich hoffe, dass kein Mädchen jemals solche Schmerzen durchstehen muss», sagt Jeanne Bella, die sich der Prozedur im Alter von zehn Jahren unterziehen musste. „Ich würde das meinen Kindern niemals antun und bin heute für RENATA tätig, damit dieses Phänomen endlich ein Ende hat.“

(dpa)

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3 Kommentare

  • Jan Kajnath

    Einfach furchtbar, aber wieder zeigt sich: Aufklärung hilft! Und auch die Männer sollten eingebunden werden, um ihnen zu zeigen was ihre Mütter ihren Schwestern antun um sie vor der ungezügelten Lust der Männer zu schützen!

    25. Oktober 2013 at 11:42
  • Heidi

    Ich war schon oft in Afrika und habe die Schönheit dieses Kontinents und die Warmherzigkeit der Menschen lieben gelernt. Mir fällt es schwer zu verstehen wieso einige Kulturen dort mit so großer Brutalität gegen ihre Kinder vorgehen. Nur Aufklärung und das Ende der Armut kann da raus helfen.

    26. Oktober 2013 at 09:22
  • Achim Wolf

    Genitalverstümmelung ist zur Hauptsache ein Problem in Ländern, in denen die Männer Frauen unterdrücken, rücksichtslose Machos sind und sich selbst beweisen wollen, wie potent und männlich sie angeblich sind. Der Männlichkeitswahn wiederum ist ein Grund für das weltweite Bevölkerungswachstum, das insgesamt zur grössten Bedrohung der Menschheit geworden ist.

    Unsere Initiative für weltweite Geburtenregelungen stärkt auch die Rechte der Frauen und Mädchen, wie das Recht auf körperliche und psychsiche Unversehrtheit, sowie das Recht auf freie Entscheidung über Nachkommenszeugung und Schwangerschaft.

    Berichten Sie daher über die folgende Kampagne bei change.org für weltweite Geburtenregelungen und unterstützen Sie diese mit Ihrer Unterschrift, in Ihrer Zeitschrift und auch auf Ihrer Homepage: http://chn.ge/1bSmBDH

    Mit freundlichen Grüßen
    Achim Wolf

    20. November 2013 at 08:02

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