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Genug gejammert: Warum Inklusion ein neues Selbstverständnis der Lehrer erfordert

Behindertenverband „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“: Die Aufgabe ist kein „Selbstläufer“. Ein Blick nach Baden-Württemberg.

Kirsten Ehrhardt mit ihrem Sohn Henri, der das Down-Syndrom hat und dessen „Fall“ im vergangenen Jahr bundesweit für Schlagzeilen sorgte. (Foto: Uwe Anspach/dpa)

Kirsten Ehrhardt mit ihrem Sohn Henri, der das Down-Syndrom hat und dessen „Fall“ im vergangenen Jahr bundesweit für Schlagzeilen sorgte. (Foto: Uwe Anspach/dpa)

Die Integration behinderter Kinder auf allgemeinen Schulen (Inklusion) muss aus Sicht der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ (LAG) wieder stärker in den Fokus rücken. „Bislang haben wir den Eindruck, dass schulische Inklusion nicht sehr weit vorne auf der Agenda der Landesregierung steht“, sagte die Elternberaterin der LAG, Kirsten Ehrhardt, der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart.

Als Beispiel nannte sie, dass Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) kürzlich damit gedroht hatte, mangels Lehrerstellen unter anderem die Inklusion im Schuljahr 2017/2018 auf Eis zu legen. Dann wurde sie sich mit Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne) doch über die Finanzierung einig. Ehrhardt: „Inklusion ist kein Selbstläufer.“

„Es geht um Normalität“

Vor diesem Hintergrund sei die Fachkonferenz des Kultusministeriums zur Inklusion an diesem Montag in Stuttgart wichtig. Sie dürfe aber kein „Jammer-Forum“ werden. „Das Thema wird zur Zeit nämlich aus unserer Sicht zu sehr auf das Fehlen der Sonderpädagogen und das Klagen darüber reduziert“, sagte Ehrhardt.

Inklusion sei eine Aufgabe von Schulentwicklung insgesamt und damit aller Lehrer. Zu oft würden die für die allgemeinen Schulen ausgebildeten Lehrer die Verantwortung für die Inklusion auf die Sonderpädogagen abschieben, die mit ihnen im Tandem unterrichten. Inklusion und Umgang mit Heterogenität verlangten aber ein neues am Team orientiertes Verständnis des Lehrerberufs.

„Lehrer müssen verstehen, dass sie nicht mehr Einzelkämpfer sind, die abends allein den Unterricht vorbereiten“,

sagte Ehrhardt. Sie ist Mutter von Henri, der als behinderter Junge bundesweite Bekanntheit erlangt hatte, weil seine Eltern ihn auf einem Gymnasium hatten anmelden wollen, was umstritten war. Derzeit besucht der Schüler mit Down-Syndrom die sechste Klasse einer allgemeinen Realschule in Walldorf. „Ich bin einfach nur jeden Tag glücklich, dass er diesen Weg gehen darf“, betont seine Mutter.

Für sie sei Inklusion nicht nur der im Fall ihres Sohnes passende Unterricht, sondern das „Gesamtpaket“. Dazu gehörten die Klassenkameraden, das Umfeld der Schule und die Gemeinschaft am Ort: „Es geht um Normalität – mit so viel Unterstützung wie notwendig.“

(dpa)

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