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Georg Fraberger: Wenig Leib, viel Seele

Ein Psychologe ohne Arme und Beine behandelt Patienten mit Depressionen – und ist auf der Suche nach dem dritten Element. Von Ulrike von Leszczynski

Der Psychologe Georg Fraberger in der Lobby eines Hotels in Berlin (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Der Psychologe Georg Fraberger in der Lobby eines Hotels in Berlin (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Georg Frabergers Hand ist aus rutschfestem Plastik – eine Prothese. Sein einziger Fuß, an der Hüfte angewachsen, steuert den Rollstuhl mit eingebautem Mini-Computer. Und doch passt der 39-jährige Österreicher nicht in das Klischee eines schwerbehinderten Mannes ohne Arme und Beine.

Fraberger ist Psychologe an der Uniklinik Wien und hat ein Buch über die Seele geschrieben. Er hat das auch getan, weil viele seiner Patienten mit einem perfekten Körper, Geld und Gut unglücklicher sind als er. Es ist ein nachdenkliches Buch geworden – und eine Ermutigung.

Gesellschaftliche Wertvorstellungen überschreiten

Begonnen hat alles mit „Harold und Maude“, dem Film über die große Liebe zwischen einem jungen Mann und einer alten Frau. Als Georg Fraberger ihn vor vielen Jahren sah, war er fasziniert. „Weil dort zwei Menschen alle Grenzen der gesellschaftlichen Wertvorstellungen überschreiten und trotzdem Glück empfinden“, sagt er.

"Harold and Maude" mit Ruth Gordon und Bud Cort wurde 1971 gedreht.

„Harold and Maude“ mit Ruth Gordon und Bud Cort wurde 1971 gedreht.

Der Film war für ihn ein Anstoß, Psychologie zu studieren. Heute fühlt er als jemand, der jenseits der Norm ein glückliches Leben führt. „Auch wenn sich viele das nicht vorstellen können“, sagt er.

Frabergers Rollstuhl surrt leise. „Nicht, dass mein Leben problemlos ist“, betont er. Er braucht viel Hilfe. Und doch strahlt er die Sicherheit eines Menschen aus, der sein Leben liebt – seinen Beruf, seine Frau Susanne, die Kinder. Das jüngste, Gregor, drei Monate alt, schläft im Kinderwagen neben dem Rollstuhl. Gregor hat Arme und Beine und sein Vater ist froh, dass das so ist. Doch er hätte sich auch für ein behindertes Kind entschieden.

Das dritte Element

Ohne Leib mit Seele BuchFraberges Buch heißt „Ohne Leib, mit Seele“, es ist seine Lebensgeschichte und die Geschichte einer Entdeckung. „Früher habe ich gedacht, alles, was ein nicht perfekter Körper nicht kann, muss der Verstand übernehmen“, sagt der promovierte Psychologe. „Und das ist dann das, was einen Menschen ausmacht.“

Dann arbeitete er in der Neurologie und erlebte Menschen, die erkennbar keinen Verstand mehr hatten – aber immer noch eine starke Persönlichkeit. Das war der Anfang von Frabergers These, dass es neben Körper und Geist noch etwas Drittes geben muss, das Entscheidende. Er nennt es Seele.

Der Psychologe erhebt keinen Anspruch darauf, nach Freud etwas Neues entdeckt zu haben, vielleicht ist es eine modernere Fassung. Für ihn ist die Seele das Element, das Menschen antreibt – jenseits von Körper und Geist, übergeordnet sogar. Etwas, das scheinbar mühelos große Energien freisetzen kann. Auch, wenn sich das naturwissenschaftlich noch nicht belegen lässt.

Auf der Suche nach der Seele

Fraberger findet, dass sich die westliche Gesellschaft heute zu wenig mit dem Thema Seele beschäftigt – und zu viel mit Statussymbolen und vermeintlichen Idealen bis hin zum Top-Model. Er ist geradezu entsetzt. „Erstmals erleben wir in der Masse Menschen, die alles haben. Einen Beruf, eine Familie, Haus und Geld“, sagt er. „Und trotzdem fühlen sich so viele wert- und kraftlos.“

Die Hand des 39-jährigen Österreichers ist aus rutschfestem Plastik - eine Prothese. Der einzige Fuß, an seiner Hüfte angewachsen, steuert den Rollstuhl mit eingebautem Mini-Computer. (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Die Hand des 39-jährigen Österreichers ist aus rutschfestem Plastik – eine Prothese. Der einzige Fuß, an seiner Hüfte angewachsen, steuert den Rollstuhl mit eingebautem Mini-Computer. (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

In diesem Ausmaß habe es auch Burn-out-Phänomene früher nicht gegeben, meint er. Allein schon, weil es das Ausmaß an Wohlstand und Frieden nicht gab. „Heute haben wir den Luxus, dass die Sinnfrage essenziell ist“, sagt Fraberger. Doch noch zu wenige befragten ihre Seele: Ist das, was ich tue, wirklich erfüllend für mich?

Auch Dankbarkeit gehört zum Leben

Wenn er auf sein Leben schaut, spricht Fragberger viel von Glück – und vom Sinn. Von seinen Eltern, die ihn als überzeugte 68er-Generation ohne Berührungsängste annahmen und ihm gemeinsam mit seinen Brüdern ohne Druck Raum für Entwicklung ließen. Eine Art Flower-Power, die ihm den Mut und die Kraft gab, sich in seinem Inneren nicht anders zu fühlen als Geschwister und Freunde.

Fraberger erzählt von Heidelberger Ärzten, die nach dem Contergan-Skandal ohne Scheu mit seiner schweren Behinderung umgingen. Als sei sie normal. Dabei ist er gar kein Contergan-Fall, er ist zu jung dafür. Bis heute ist es ein Rätsel, warum Arme und Beine fehlen.

Seine Liebe begann mit einer Lüge

Im Rückblick sieht Fraberger sich in eine günstige Zeit hineingeboren. Behinderte Kinder hätten es heute schwerer, glaubt er. Der Leistungsdruck sei viel größer. Die Karriereplanung beginne oft schon in der Grundschule. Das strahle zurück bis hin zur Präimplantationsdiagnostik.

Ihre heutigen Möglichkeiten findet Fraberger „toll“. Eine Entscheidungshilfe sieht er darin aber kaum. „Der Wert eines Menschen lässt sich nicht berechnen.“ Niemand könne wissen, was für ein Kind er bekomme, welche Talente und welche Persönlichkeit es haben wird – ob nun behindert oder nicht.

Als Georg Fraberger eine Partnerin suchte, stellte er sein Porträt ins Internet: dunkle Haare, freundliche braune Augen, ein offenes Gesicht. Er beschrieb sich als 1,80 Meter groß, muskulös, sportlich, 80 Kilo. Erst nach zwei Stunden skypen mit einer Frau hat Fraberger mehr von seinem Körper gezeigt, 1,12 Meter, Prothese, Armstumpf und Rollstuhl. Die Gesprächspartnerin von damals ist heute seine Frau.

Georg Fraberger: Ohne Leib, mit Seele, Ecowin Verlag, 184 Seiten, ISBN 3711000347, 21,90 Euro.

(dpa)


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5 Kommentare

  • Andrea Bröker

    Nunja, Bauarbeiter wäre als Beruf auch mit vollständiger Inklusion etwas schwierig. 😉

    8. November 2013 at 10:41
  • Markus Balkenhol

    Sehr sympathisch was er so sagt!

    8. November 2013 at 13:09
  • Man Nebel Fred

    Der hats wahrscheinlich drauf! Sein Buch ist auf meiner Leseliste.

    8. November 2013 at 15:03
  • Emilie Schwarz

    Herr Fraberger!
    Gratuliere zu ihren offenen Ausagen, zum Leben mit einer behinderung. Ja ich finde es schön, über die Seele als Element zu Sprechen. Es freut mich einen Menschen zu wissen der genauso denkt, wie ich,mit meiner Behinderung.
    Ich werde mir das Buch sofort besorgen.

    11. November 2013 at 18:45
  • Emilie Schwarz

    Habe heute Sonntag ihr Buch bereits fertig gelesen, in vielen ihrer Lebensschritten haben sie mich überzeugt, dass wir unsere Behinderungen eher mit dem Seelenvermögen
    besser ertragen gelernt haben, aber nicht nur. Auch ich habe wunderbare Eltern gehabt die mich mit genug Leitung gewähren haben lassen, und das vor fast 80 Jahren.
    Gratuliere zum Buch und Wünsche Ihnen und ihrer Familie weiterhin viel Erfolg und Gottes Segen!

    24. November 2013 at 15:43

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