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Gerhard Robbers: Ein ungewöhnlicher Kirchentagspräsident

Vom Evangelischen Kirchentag sollen neue Impulse für das Miteinander ausgehen – auch für Menschen mit Behinderung. Ein Gespräch mit dem Kirchentagspräsidenten.

Gerhard Robbers, Präsident des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags (Foto: Christian Charisius/dpa)

Gerhard Robbers, Präsident des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags (Foto: Christian Charisius/dpa)

Er wolle „kein Sondersüppchen kochen“, hat Gerhard Robbers einmal gesagt. Und es ist dem Präsidenten des 34. Evangelischen Kirchentags in Hamburg anzumerken, dass er es auch so meint. Große Gesten und das Rampenlicht sind seine Sache nicht. Dabei ist der Kirchentag vom 1. bis 5. Mai mit seinen mehr als 2.500 Veranstaltungen und rund 100.000 Teilnehmern ein echtes Großereignis.

Der 62-Jährige Jura-Professor erhofft sich von dem großen evangelischen Laientreffen Impulse für den Dialog zwischen den Religionen. Die Gastgeberstadt Hamburg sei dafür ein besonders geeigneter Ort, weil sie Beziehungen in die ganze Welt unterhalte und Heimat für viele Andersgläubige sei, sagte Robbers in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Alle sind angesprochen

„Wir möchten möglichst viele Menschen erreichen, nicht nur die evangelischen Glaubens, auch Katholiken, Orthodoxe, Juden, Muslime und Menschen, die sich gegen Religion entschieden haben“, so der Trierer Verfassungsrechtler.

„Wenn von diesem Kirchentag die Überzeugung ausgehen könnte, dass wir genug haben, um friedlich, gut und respektvoll miteinander zu leben – auch wenn die eine ein Kopftuch trägt und die andere nicht – das wäre schon ein Erfolg.“

Kirchentag-Schwerpunkt Inklusion

Robbers sieht Inklusion als breites Thema (Foto: Marcus Führer/dpa)

Robbers sieht Inklusion als breites Thema (Foto: Marcus Führer/dpa)

Mit dem Thema Inklusion, einem weiteren Schwerpunkt (ROLLINGPLANET berichtete: Andy Holzer: Alles Gute kommt von oben), wolle der Kirchentag vielen Menschen die Möglichkeit geben, dazuzugehören – egal ob behindert oder nicht.

Das Thema werde aber breiter gefasst. „Es geht auch um Menschen, die ausgeschlossen sind, weil sie arm oder einsam sind“, unterstrich der Kirchentagspräsident.

Einsamkeit ist ein Thema, das Robbers besonders am Herzen liegt. Es gebe eine Einsamkeit, die einem überall begegne, „wenn man nur die Augen offen hält“.

Selbstkritische Einschätzung

Nach seiner Einschätzung nimmt die Bedeutung von Religion in unserer Gesellschaft wieder zu. „Ich bin überzeugt, dass es für die Menschen in Europa und Deutschland wieder richtig wichtig wird, was mit Religion ist.“

Das Bedürfnis vieler Menschen, sich mit religiösen Fragen auseinanderzusetzen, werde von der Kirche oft nicht richtig bedient. Daher gebe es auch immer noch viele Kirchenaustritte, so Robbers, der selbst im Alter von 17 Jahren aus der Kirche ausgetreten war, ehe er mit Anfang 30 wieder zurückkehrte.

Nicht das einzige Thema, bei dem Robbers sich unkonventionell äußert. So kritisierte er im Dezember die Kirchen als Arbeitgeber. Die Kirchen müssten „in ihren Einrichtungen ein Beispiel sein und besser wirtschaften – nicht mehr Geld verdienen, sondern ein Vorbild im Umgang mit den Beschäftigten sein“, sagte Robbers der „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“. Es gebe „zu viele Betriebe, die das nicht sind.“

Kritik an der Kirche als Arbeitgeber

Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände sind mit mehr als 1,2 Millionen Beschäftigten der größte Arbeitgeber nach dem Staat. Robbers forderte die Kirchen auf, enger mit Gewerkschaften zusammenzuarbeiten. „Mich macht betroffen, dass es über Jahrzehnte zwischen Kirche und Gewerkschaft eher Konfrontation gab als das Bewusstsein, dass man sich gemeinsam um Behinderte, Alte, Junge oder Verschuldete kümmern muss“, sagte er.

Bisher handeln die Kirchen Tarife in eigenen Kommissionen aus und verbieten Streiks und Aussperrungen. Im November hatte das Bundesarbeitsgericht dagegen Streiks in Kirchen erlaubt, wenn die Gewerkschaften nicht an Tarifverhandlungen beteiligt sind. Wie Robbers sagte, will der Kirchentag im Mai in Hamburg Konzepte entwickeln, „in denen Gewerkschaften und Kirchen künftig partnerschaftlicher zusammenarbeiten“ können.

Der Evangelische Kirchentag will Kirche anders zeigen

„Kirchentage sind auch deshalb so wichtig und so erfolgreich, weil es dort die Möglichkeit gibt, Kirche auch anders zu erleben, offener, vielfältig und in einer besonderen Art, die oft auch anders ist“, meinte Robbers. „Kirchentage sind ein Zeichen für die Zeit und nehmen auf, was die Menschen bewegt. Hier werden auf vielen verschiedenen Ebenen Impulse gesetzt.“

(RP/Carola Große-Wilde, dpa)


Zum Themenschwerpunkt Glaube und Religion


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