Geschäftsidee Inklusion: Alles klar? Alles klar!

Zwei Initiatoren aus Österreich erklären, wie sie unter anderem mit einem Übersetzungsbüro für Texte in leicht verständlicher Sprache erfolgreich sind. Von Max Kramer

Walburga Fröhlich und Klaus Candussi haben atempo gegründet (Foto: Marija Kanizay)

Walburga Fröhlich und Klaus Candussi haben atempo gegründet (Foto: Marija Kanizay)

Heute eine etwas andere Erfolgsgeschichte aus dem Kapitalismus. Sie beginnt nicht in Silicon Valley, sondern in Graz. Sie handelt nicht davon, wie sich die Welt möglichst schnell erobern lässt, sondern davon, wie man wenigstens ganz langsam seinen Platz darin findet.

Vor 15 Jahren gründen Klaus Candussi und Walburga Fröhlich atempo, ein Non-Profit-Unternehmen in Graz (Österreich), das zunächst maßgeschneiderte Ausbildungen für junge Menschen anbietet. In der Folge kommen Dienstleistungen hinzu, die allesamt einem besonderen Prinzip folgen: Die Arbeit geschieht von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen. Ein mutiger Schritt – zumal damals „Inklusion“ noch weniger offene Ohren fand als heute.

Unter der Marke capito werden Texte in leicht verständliche Sprache übersetzt oder Webseiten überprüft. Menschen mit Handicap testen selbst, ob ein Manuskript oder eine Internetseite barrierefrei ist. Um die Qualität der Leistung zu betonen, gelang es den beiden Sozialprofis, die Methode vom TÜV zertifizieren zu lassen – weltweit einzigartig, wie sie betonen. Waren es anfangs Behörden, die sich von capito Broschüren neu schreiben ließen, setzen heute mehr Unternehmen wie Banken und Versicherungen auf leicht verständliche Informationen.

Angebot ausgebaut

Ein weiteres Angebot ist nueva, das die Qualität von Wohnhäusern und Werkstätten für Menschen mit Behinderung überprüft. Zu den Kunden zählen Stadtregierungen und kommunale Sozialhilfeträger. Für diese Beratungen werden Menschen mit Behinderung in einem zweijährigen Programm zu Fachkräften ausgebildet und erhalten danach einen Arbeitsplatz als Experten, die selbst Gebäude vor Ort unter die Lupe nehmen und kontrollieren, ob das jeweilige Objekt behindertengerecht eingerichtet ist.

Die Evaluatoren (schwieriges Wort! ROLLINGPLANET einfach: Menschen, die etwas sach- und fachgerecht beurteilen und bewerten) führen Interviews, werten Daten aus und veröffentlichen diese auf der Webseite. So können Menschen mit Behinderung, ihre Angehörigen sowie Anbieter und Behörden die Angebote miteinander vergleichen.

Social Franchise-System auch in Deutschland

atempo gibt diese Ideen in einem sogenannten Social Franchise-System weiter, das laut Candussi und Fröhlich mittlerweile auf 21 Mitglieder im deutschsprachigen Raum angewachsen ist. Mit jedem neuen Partner entstünden bis zu zehn neue Arbeitsplätze – vor allem für Menschen mit Behinderung, wie die Lizenzgeber betonen. „Auch in anderen Ländern wird unsere Idee immer stärker nachgefragt, wir wollen aber homogen und step by step (Schritt für Schritt) wachsen“, sagt Fröhlich gegenüber ROLLINGPLANET und gibt mit einem Augenzwinkern zu: „Träumen darf aber erlaubt sein!“

Der Name ist dabei Programm: Der Begriff „atempo“ bezeichnet in der Musik die Rückkehr zum Ausgangstempo. Soll heißen: Jeder Mitarbeiter darf und soll je nach Möglichkeiten in seiner eigenen Geschwindigkeit arbeiten und lernen. Da ist es nur konsequent, dass der Grad der Behinderung kein Ausschlusskriterium darstellt: „Wer welches Handicap hat, spielt letztlich eine untergeordnete Rolle. Inklusion heißt für uns, dass alle Menschen gleichberechtigt miteinander leben, lernen und arbeiten, egal ob mit oder ohne Behinderung“, so Candussi.

Unabhängiger und selbstbewusster

Atempo-Ausflug (Foto: atempo)

Atempo-Ausflug (Foto: atempo)

Beide beobachten einen Wandel bei den Mitarbeitern mit Handicap, die durch ihre Tätigkeit ein deutlich stärkeres Selbstbewusstsein entwickeln: „Sie fühlen sich wertgeschätzt und merken, dass sie ,trotz‘ Behinderung einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten können“, so Fröhlich. Dass sie Geld für ihre Arbeit erhalten, ermöglicht einen weiteren, wichtigen Aspekt: Autonomie. „Viele unserer Mitarbeiter waren ein Leben lang komplett abhängig von anderen. Dies ändert sich zumindest teilweise durch ihr Einkommen.“

Dass eine solche Tätigkeit nicht immer ohne Probleme abläuft, ist klar. Fröhlich: „Geduld ist für unser Anliegen sehr wichtig. Aber es lohnt sich definitiv, unser Leben wird durch diese Arbeit in vielerlei Hinsicht bereichert und gleichzeitig geerdet. Inklusion ist nicht ganz leicht, aber eine spannende Herausforderung!“

Noch ein langer Weg

Dass für Inklusion zwei Seiten einen Schritt aufeinander zu machen müssen, liegt für Candussi und Fröhlich auf der Hand: „Einerseits ist es notwendig, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Andererseits müssen aber auch die Menschen mit Handicap viel öfter den Mund aufmachen und ihre Mitmenschen mit Themen wie Barrierefreiheit konfrontieren.“

Um dem Ziel einer inklusiven Gesellschaft näher zu kommen, müsse ein Umdenken stattfinden: „Wir müssen dem Irrglauben entgegentreten, dass nur Menschen mit Handicap Inklusion brauchen. Nein! Unsere ganze Gesellschaft braucht sie, da letztlich jeder von Rollenvielfalt und gegenseitigem Verständnis profitiert.“

atempo scheint zu beweisen: Mit langem Atem, viel Engagement und konkretem Handeln ist Inklusion keine Illusion, sondern eine Bereicherung für alle – und manchmal sogar eine funktionierende Geschäftsidee.

Webseite: atempo

(RP)

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