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Glasknochen, Ladykiller, Schmerz: Petrucciani und ein Leben gegen die Zeit

Als er 1999 starb, war er gerade einmal 36 Jahre alt und ein gefeierter Ausnahmepianist – „trotz“ seiner Behinderung. Heute kommt der Dokumentarfilm „Michel Petrucciani – Leben gegen die Zeit“ in die Kinos. Er zeigt die vielen Gesichter eines kleinen Mannes, der ganz groß war.

Mit Roger Willemsen (undatiert)

In einer ebenso unterhaltsamen wie berührenden Doku erinnert Regisseur Michael Radford (für „Der Postmann“ preisgekrönt) an den Menschen und Künstler Michael Petrucciani. Die Collage alter und neuer Interviews mit Petrucciani, seinen Musikerkollegen, Frauen, Freunden und Verwandten enthält Material von Roger Willemsen, der als Mitproduzent auftritt. Mit Auftritten in „Willemsens Woche“ von Oktober 1994 bis Juni 1998 war der Musiker in Deutschland einem breiten Publikum bekannt geworden.

Das Grab von Michel Petrucciani auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris

Der in Südfrankreich geborene Petrucciani, der Glasknochen hatte und kleinwüchsig war, hatte seinen ersten Auftritt mit 13 Jahren. 1982 zog er nach Kalifornien und spielte in der Gruppe von Charles Lloyd, mit dem er unter anderem beim Montreux Jazz Festival auftrat und mit dem er in der Folge intensiv zusammenarbeitete. Im selben Jahr erhielt er den Prix Django Reinhardt. Das war der Beginn einer internationalen Karriere.

Am 6. Janar 1999 starb Michel Petrucciani an einer Lungenentzündung, die er sich bei einem Schneesturm in New York zugezogen hatte.

Der Film erntet positive Kritiken. So schreibt filmstarts.de:

Bei seiner Geburt brach sich Michel Petrucciani alle Knochen. Die Ärzte machten seiner Mutter wenig Hoffnungen, dass ihr Sohn, der an der Glasknochenkrankheit und infolgedessen Kleinwuchs litt, besonders alt werden würde. Auch er selbst schien sich von Anfang an keinen Illusionen hinzugeben. Geduld gehörte deshalb nicht gerade zu seinen herausragenden Charaktereigenschaften. Petrucciani wusste, dass ihm nicht viel Zeit bleibt, um ein Lebenswerk auf die Beine zu stellen – und so widmete er all seine Konzentration, Leidenschaft und Beharrlichkeit der Musik, speziell dem Jazz, den er am Klavier bis zur Vollendung trieb. Petrucciani ließ nichts aus und lebte ein schnelles und erfülltes Leben, während die Zeit gegen ihn arbeitete. Nicht zu Unrecht ist eine unheilvoll tickende Uhr ein wiederkehrendes – und nicht gerade subtiles – Leitmotiv in Michael Radfords routinierter Dokumentation „Michel Petrucciani – Leben gegen die Zeit“ über die musikalische Ausnahmeerscheinung.

Als junger Mann (undatiert)

Ganz gleich, ob Petrucciani zu klein für die Welt oder die Welt zu klein für ihn und seine unbändige Kraft war: Der Franzose bleibt ein Mann der Widersprüche und eine faszinierende Persönlichkeit. In Aufnahmen und Fotografien, die ihn als Kind zeigen, wirkt er, als wäre er früh erwachsen geworden. Seine Augen strahlen die Traurigkeit eines alten Mannes aus. Dennoch verliert sein Gesicht niemals seine Jugendlichkeit. Immer wieder blitzt ein liebenswerter und hellwacher Schalk in seinen Augen auf. Mit einer Selbstverständlichkeit (und Arroganz), wie sie nur ein von sich selbst überzeugtes Genie haben kann, spricht er von seinen Erfolgen und der Achtung der ganz Großen, die er sich schon als Teenager erarbeitet hat. Sein Leben, so macht es zumindest den Anschein, war ein Stürmen und Drängen auf eigene Kosten – er hat sich selbst zerstört, um seine Ziele zu erreichen.

Immer wieder, so das Magazin, habe die enge Verbindung von Musik und Schmerz Petruccianis Spiel ausgemacht: „Obwohl es so leicht und geschwind erschien, war es doch immer mit der Gefahr einer schweren Verletzung verbunden. Mehrmals hat sich Petrucciani beim Spiel die Finger gebrochen. Oft überstand er die Auftritte nur mit enormer Willenskraft.“

Seine Geliebten, die in dem Film zu Wort kommen, charakterisieren Petrucciani als Mann, der seine Behinderung zwar nicht verheimlichen konnte, sich jedoch keinesfalls über sie definieren und kein Mitleid ernten wollte. Trotz seines Handicaps war Petrucciani „ein Ladykiller vor dem Herren und ließ nichts anbrennen.“ Einer mit vielen Gesichtern indes: er war nicht nur charmant, sondern auch depressiv und kaltschnäuzig – so das Urteil seiner Frauen.

Große Fotos: polyband. Kleines Foto: Wikipedia/Saruman. Gemeinfrei.

Trailer

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