Goalball: Das blinde Vertrauen

An diesem Mittwoch startet das Bundesfinale von „Jugend trainiert für Paralympics“. Besuch bei „Bayern München des Goalballs“ – eine Mannschaft, die in Berlin unbedingt den Titel holen will.

Goalball am Überregionalen Förderzentrum SEHEN in Neukloster, Mecklenburg-Vorpommern: Sergej (rechts) versucht, den Ball zu halten. (Foto: Frank Molter)

Goalball am Überregionalen Förderzentrum SEHEN in Neukloster, Mecklenburg-Vorpommern: Sergej (rechts) versucht, den Ball zu halten. (Foto: Frank Molter)

Der glänzend-rutschige Hallenboden sieht aus wie frisch gebohnert. Ein dezentes Holzaroma liegt in der Luft. Laura, einen großen, blauen Gummiball unter dem Arm, ist der Geruch in diesem Moment ziemlich gleichgültig. Ihre ganze Konzentration gilt den nächsten zwei, drei Schritten. Ganz langsam trippelt sie rückwärts. Die blonde Schülerin streckt ihren Arm nach hinten aus, bis sie die Querstange des Tores spürt – angekommen. Dann prescht Laura nach vorn, holt aus und schleudert den Ball quer durch die Halle. Laura ist sehbehindert und spielt Goalball. Ab Mittwoch, 27. April, geht es dann für sie und ihre Mannschaft um die Wurst.

Es ist ein trister Dienstagnachmittag im April, als sich diese Szenerie unzählige Male wiederholt und dabei viel Erhellendes mit sich bringt: für die Goalball-Mannschaft des Überregionalen Förderzentrums Sehen (ÜFZ) in Neukloster nahe Wismar. In der altehrwürdigen Turnhalle am Jahnsportplatz, Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und ein Gemälde einer Sportstätte, bereitet sich die ÜFZ-Mannschaft akribisch auf das Frühjahrsfinale „Jugend trainiert für Paralympics“ (JTFP) in Berlin vor. Der Wettbewerb ist für die Goalball-Cracks aus Mecklenburg-Vorpommern das Highlight des Jahres. Und deshalb soll in dieser Woche auch der Titel her.

Darauf kommt es beim Goalball an

Ob es damit an der Spree klappen wird, hängt im großen Maße auch von Christina Erpen ab. Zweimal wöchentlich bittet die Landestrainerin ihre Schützlinge zum Training. Mit Argusaugen verfolgt Erpen die Einheiten, denen sie vor das eigentliche Spiel ein ausgedehntes Aufwärmprogramm mit Seilspringen und Rutschübungen stellt. „Es ist beim Goalball sehr wichtig, in die Streckung zu kommen. Dafür muss der Körper unter Spannung stehen. Und um das zu erreichen, braucht man neben Technik und Leidenschaft auch eine gute Athletik“, erklärt Erpen. Sie will diesmal nichts dem Zufall überlassen. In Berlin hat das ÜFZ etwas gutzumachen. Im vergangenen Jahr hatte man das Bundesfinale knapp gegen Nürnberg verloren.

Christina Erpen unterrichtet am ÜFZ lebenspraktische Fertigkeiten. 2001 wurde sie auf Goalball aufmerksam und hat die Sportart seitdem an der Landesblindenschule am Neuklostersee etabliert. Auch Judo, Rhönradturnen und Basketball stünden bei den Schülern hoch im Kurs. „Aufgrund unserer vielen Erfolge ist der Nachschub innerhalb der Goalball-Mannschaft aber immer recht hoch“, sagt die 54 Jahre alte Rehabilitationslehrerin. Erfreulich für Erpen: Knapp 25 der etwa 85 Schüler spielen Goalball. Der Ertrag an guten Spielern ist dementsprechend hoch. Regelmäßig stellt das ÜFZ Athleten für die Junioren-Nationalmannschaft, die 2015 Weltmeister wurde. Außerdem verstärken sie den VfL Blau-Weiß Neukloster, der in dieser Saison als jüngstes Team in der Bundesliga mit von der Partie ist. Das Team ist im Nachwuchsbereich praktisch das „Bayern München des Goalballs“. „Das kann man auf jeden Fall so stehen lassen“, sagt Erpen.

So entstand die Sportart

Goalball wurde nach dem zweiten Weltkrieg für Kriegsblinde entwickelt und gehört zu den paralympischen Mannschaftssportarten. Um an internationalen Wettbewerben teilnehmen zu dürfen, darf die Sehkraft der Spieler maximal zehn Prozent betragen. National darf pro Team ein Normalsehender auf dem 18 mal neun Meter großen Feld stehen. Hier versuchen je drei Spieler eines Teams, einen mit drei Glöckchen präparierten Ball ins neun Meter breite, gegnerische Tor zu werfen. Die verteidigende Mannschaft versucht den Ball abzuwehren, indem sich die Spieler diesem in den Weg werfen. Um Chancengleichheit zwischen den Akteuren herzustellen, tragen alle Spieler eine Dunkelbrille. Für ihre Aktionen brauchen sie blindes Vertrauen. Sie müssen sich auf Markierungslinien auf dem Boden, ihre Intuition und Mitspieler sowie ihr Gehör verlassen können. Allerdings: Je schneller der Ball geworfen wird, desto schwieriger ist es, ihn mit dem Gehör zu orten.

Zum vierten Mal werden die Goalballer neben Tischtennis und Rollstuhlbasketball in dieser Woche beim Frühjahrsfinale von „Jugend trainiert für Paralympics“ in Berlin dabei sein. 2015 nahmen in diesen drei Sportarten 137 Kinder und Jugendliche aus elf Bundesländern am Bundesfinale teil. Der unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Joachim Gauck stehende Schulmannschaftswettbewerb wird seit 2013 zeitgleich mit den Finals von „Jugend trainiert für Olympia“ ausgetragen.

Die Sponsoren

Als Hauptsponsor beider Schulsportwettbewerbe unterstützt die Deutsche Bahn die Förderung von jungen Nachwuchstalenten und setzt so ein Zeichen für die Integration von Kindern mit und ohne Behinderung über den Sport. Insofern hat die Deutsche Bahn auch die Anreise für die mehr als 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit und ohne Behinderung zum Bundesfinale in Berlin organisiert, die gemeinsam das Bild in Deutschlands Zügen am 26. April mit Sicherheit etwas bunter als gewöhnlich gestalten werden.

Die Deutsche Behindertensportjugend (DBSJ) und die Deutsche Schulsportstiftung kümmern sich nach erfolgreicher Anreise um den reibungslosen Ablauf in Berlin. Das Frühjahrsfinale von „Jugend trainiert für Paralympics“ richtet sich an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung sowie Schulen für blinde und sehbehinderte Schüler. Die Wurzeln des ÜFZ Neukloster gehen auf die 1864 gegründete Großherzoglich-Mecklenburgische Blindenanstalt zurück. Heute werden in der August-Bebel-Allee Kinder und Jugendliche heilpädagogisch, pflegerisch und psychosozial betreut. Träger der Einrichtung ist der Landkreis Nordwestmecklenburg.

Es gibt schon echte Stars der Szene

Zurück beim ÜFZ-Ensemble neigt sich das muntere Trainingsspielchen dem Ende entgegen. Noch einmal lässt Christina Erpen ihre Trillerpfeife erklingen – Penalty! Ole ist eine regelwidrige Aktion unterlaufen. Nun muss er als einziger Spieler seiner Mannschaft einen Strafwurf des Gegners abwehren. Kein Wunder, dass der 13-Jährige in dieser Phase etwas aufgeregter ist als sonst – irgendwie hibbelig, wie man hier sagen würde. „Ich kann nicht so gut hören, deshalb ist Goalball noch schwieriger für mich“, erzählt er später. Jetzt steht er Danny gegenüber, ausgerechnet dem besten Spieler des ganzen Teams, der im vergangenen Jahr Junioren-Weltmeister wurde.

Laura schaut sich das Ganze entspannt von der Auswechselbank aus an, wo sie sich gerade eine kleine Verschnaufpause gönnt. Das Training ist für sie gut gelaufen. In einem der letzten Spielzüge hatte sie gleich doppelt Erfolg. Erst wehrte sie einen Ball ab, und anschließend erzielte sie ein weiteres Tor. Sie gehört an diesem Nachmittag zum siegreichen Team. Ginge es nach ihr, dürfte es so für sie und das ÜFZ Neukloster auch beim Finale in Berlin laufen. Aber bis es soweit ist, wird weiter am Feinschliff gearbeitet, Laura noch unzählige Male Frau Erpens Trillerpfeife hören und den blauen Gummiball durch die schöne Sporthalle am Jahnsportplatz werfen.

(RP/PM/DBS)

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