Gold nach Eklat: Heinrich Popow triumphiert über 100 Meter

Der Sprinter hat trotz des Psychokrieges mit Wojtek Czyz Nerven behalten und Wort gehalten: „Meine Antwort gebe ich ihm im Finale.”

Heinrich Popow nach seinem Triumph über 100 Meter in der Klasse T42 (Foto: dpa)

Es war DER Psychokrieg der Paralympics, als Wojtek Czyz vor dem Finale über 100 Meter die verbale Keule herausholte: Mit Blick auf Heinrich Popow und dessen Ottobock-Prothesen sagte er, er habe eine große Portion „Wut im Bauch“ – und der Grund dafür laufe neben ihm auf der Tartanbahn.

Der Vorwurf lautete „Technik-Doping“. „Wenn man sich so einen Vorteil verschafft, dann ist das für mich kein paralympischer Sport, sondern einfach eine Materialschlacht. Dann gewinnt nicht mehr der beste Athlet, sondern der mit dem besten Material. Wenn das der Fall ist, dann gute Nacht“, beklagte sich Czyz, dass Ottobock ihm nicht das gleiche Rennwerkzeug (künstliches Kniegelenk) zur Verfügung gestellt hatte (ROLLINGPLANET berichtete: Paralympics: Psychokrieg zwischen Wojtek Czyz und Heinrich Popow).

Vermutlich hat nun der Athlet sowohl mit der besten Leistung als auch dem besten Material Gold geholt: Der Leverkusener Heinrich Popow ließ der Konkurrenz über 100 Meter keine Chance und heimste das 17. deutsche Gold bei den Paralympics in London ein. Seine Siegerzeit: 12,40 Sek. Motzki Czyz (12,52 Sek.) holte vor 80.000 Zuschauern im Olympiastadion Bronze hinter Scott Reardon (12,43 Sek.) aus Australien. Immerhin: Gemeinsam ging das Trio auf die Ehrenrunde.

Motzki Czyz gibt nicht nach

Popow nach seinem Triumph: „So einen Tag wie heute erwischst du nur ganz selten. Heute hat einfach alles gepasst: die Bahn, die Fans, die Stimmung. Mental war ich stark. Aber dass ich so stark bin, das habe selbst ich nicht gedacht.“ Vom Psychokrieg wollte er nichts mehr wissen: „Der Abend ist zu schön für negative Gedanken. Wir können gern die nächsten drei, vier Jahre über Prothetik reden, aber heute Abend möchte ich erstmal feiern“, sagte Popow und fügt in der Debatte hinzu: „Auch wenn ich mir einen Propeller ans Bein schraube, das macht mich noch nicht zum Sieger. Körper und Prothese müssen perfekt zusammenarbeiten.“

„Heinrich hat die richtige Antwort gegeben. Diese Debatte hatte nichts mit Fairness zu tun, völlig unnötig“, sagte Behindertensport-Präsident Friedhelm Julius Beucher nach dem Rennen. Czyz wiederholte nach seinem Bronzelauf seine Kritik und bemängelte die fehlende Kontrolle der Prothesen durch das Internationale Paralympische Komitee: „Ich bin seit zehn Jahren Behindertensportler. Kein Offizieller hat sich je meine Prothese angeschaut.“

Popow war bereits im Vorfeld als Gold-Kandidat gehandelt worden. Nach Bronze in Athen und Silber in Peking ist der Sieg in London Popows erste Goldmedaille bei den Paralympics. Popow: „Ich habe alles auf diesen einen Lauf gesetzt. Das harte Training und die gute Vorbereitung mit meinem Trainer Karl-Heinz Düe haben sich ausgezahlt!“

Mit dem Sieg in London ist Popow einer der erfolgreichsten Sprinter in der Klasse der Oberschenkelamputierten. Insgesamt holte er bereits sieben paralympische Medaillen. Der 29-Jährige weiß schon, wie es weitergeht: „Das Ziel ist ganz klar Rio. Ich werde weiter angreifen. Aber jetzt wird erst mal gefeiert.“

(dpa/dapd/RP)


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