Guten Morgen, der verurteilte Killer Oscar Pistorius ist frei

Hausarrest in Luxusvilla statt Knast: Der Fall des ehemaligen Paralympics-Stars reißt am Kap alte Wunden auf. Von Ralf E. Krüger

Anneliese Burgess, Sprecherin der Familie Pistorius, tritt vor die Presse (Foto: EPA/Kim Ludbrook)

Anneliese Burgess, Sprecherin der Familie Pistorius, tritt vor die Presse (Foto: EPA/Kim Ludbrook)

„Der verurteilte Killer Oscar Pistorius ist frei“ – Millionen Südafrikaner wachten am frühen Dienstagmorgen mit diesem Satz auf, als sie ihr Radio einschalteten. Nach fast genau einem Jahr ist der einst gefeierte Sportstar im Schutze der Nacht – und somit etwas früher als geplant – aus dem Gefängnis in Pretoria freigekommen. Das enorme Medieninteresse holte ihn am Morgen ein, als sich Reporter aus dem In- und Ausland vor der Luxusvilla seines Onkels Arnold drängelten. „Oscar ist hier, und Oscar ist mit seiner Familie zusammen“, sagte Familiensprecherin Anneliese Burgess. Vor dem Haus stand ein Wächter, die Fenster waren blickdicht verhangen.

Nur wenige Straßenzüge entfernt hatte am Vorabend der deutsche Botschafter Walter Lindner in seiner Residenz einen Empfang für eine niedersächsische Delegation gegeben, als der beinamputierte Sprinter zeitgleich im Diplomatenviertel Waterkloof unterwegs war. Zuvor hatten sich die Zellentore für ihn geöffnet – 363 Tage nach seinem Haftantritt im Gefängnis Kgosi Mampuru II in Pretoria. Der einstige Spitzenathlet, der am Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hatte und wegen fahrlässiger Tötung zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, sitzt den Rest der Strafe nun in Hausarrest ab (ROLLINGPLANET berichtete).

Enormes Medieninteresse: Die Villa von Oscar Pistorius’ Onkel im Visier der Presse (Foto: EPA/Kim Ludbrook)

Enormes Medieninteresse: Die Villa von Oscar Pistorius’ Onkel im Visier der Presse (Foto: EPA/Kim Ludbrook)

„Reeva bleibt tot“

Die Steenkamp-Familie hat nur ein Jahr Gefängnis für den Tod ihrer Tochter als unzureichend bezeichnet. Am Dienstag hielt sich die Anwältin der Familie, Tanya Koen, aber mit Kritik weitgehend zurück. „Ob Oscar Pistorius nun einen Tag früher entlassen wurde oder nicht, ist (für die Familie) ohne Bedeutung: Reeva bleibt tot“, sagte sie. Der Aufbau einer Stiftung für missbrauchte Kinder und Frauen sei für die Familie Steenkamp nun wichtiger. Doch in Rundfunksendungen oder in sozialen Netzwerken gab es schnell Empörung über „reiche Weiße“, die sich mit teuren Anwälten die – wenn auch begrenzte – Freiheit eines luxuriösen Hausarrests leisten könnten.

Dabei wird auch auf das angenehme Ambiente der Villa verwiesen, die Berichten zufolge 27 Zimmer haben soll. Der Fall dürfte in Südafrika einer öffentlichen Debatte Vorschub leisten, die die weiterhin gähnende Kluft zwischen Arm und Reich am Kap zunehmend kritisch beleuchtet. Auch wenn sich am Kap längst eine schwarze Mittelschicht herausgebildet hat, gehören weiße Südafrikaner in der Regel weiterhin zum wohlhabenden Teil der Bevölkerung.

Schwarz und Weiß

„Mein Glaube in unsere Fähigkeit, eine nicht-rassistische Gesellschaft aufzubauen, schwindet von Tag zu Tag“, schrieb der einflussreiche schwarze Intellektuelle Aubrey Matshiqi am Dienstag in einem Kommentar für die Tageszeitung „Business Day“ und prangerte den „lächelnden Rassismus“ einer weißen Privilegiengesellschaft an. Es ist eine Debatte, die zunehmend Studentenproteste im Lande befeuert. Die hatten sich zunächst an einer geplanten Studiengebührenerhöhung entzündet, zielt aber zunehmend auf eine Gesellschaft, die armen, talentierten Schwarzen weniger Chancen einräumt als reichen Weißen.

Oscar Pistorius am 17. Oktober 2014 vor Gericht (Archivfoto: EPA/Kevin Sutherland)

Oscar Pistorius am 17. Oktober 2014 vor Gericht (Archivfoto: EPA/Kevin Sutherland)

Dieser Kritik sieht sich auch Pistorius ausgesetzt, der nun unter den Augen einer interessierten Öffentlichkeit sein Leben neu ordnen muss. Er wird zudem strenge Auflagen erfüllen müssen – angefangen bei einem kompletten Alkoholverbot über Sozialstunden bis zur Pflicht, eine Arbeit anzunehmen. Selbst um Mitternacht könnten Aufseher unangemeldet an der Haustür klingeln, um etwa sofortige Blut- oder Urintests einzufordern. Zudem stellt sich das Problem seiner Sicherheit in einem Land, das mit statistisch 49 Fällen von Mord und Totschlag pro Tag ohnehin schon eine hohe Kriminalstatistik hat.

Die Strafe könnte noch höher ausfallen

Der frühere Paralympics-Star, der einst Sportgeschichte geschrieben hat, tötete seine Freundin mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür. Im Prozess gab er an, dahinter Einbrecher vermutet zu haben. Im Oktober 2014 wurde er dafür zu fünf Jahren Haft verurteilt. Weil er sich in Haft gut geführt hat, darf er nun den Rest der Strafe in Hausarrest verbüßen.

Doch könnte der bis zu den Todesschüssen wohl berühmteste Behindertensportler der Welt bald wieder in die Haft zurückkehren. Denn am 3. November steht die Berufung der Staatsanwaltschaft zur Verhandlung an. Sie möchte ein härteres Urteil. Ihm könnte eine Haftstrafe von 15 Jahren drohen.

(dpa)

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