""

Gymnasialdirektoren lehnen „radikale Inklusion“ ab

Gemeinsamer Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern? Und was ist mit den Lehrern? Dazu gab es an diesem Freitag viel zu sagen.

Rainer Stein-Bastuck, Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz (Foto: BDK)

Rainer Stein-Bastuck, Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz (Foto: BDK)

Diese Woche trafen sich die Oberstudiendirektoren aus allen Bundesländern zu ihrer Frühjahrskonferenz in Karlsruhe. Dabei ging es vor allem um die „Möglichkeiten und Grenzen“ der Inklusion. „Wir sind in den Schulen weder räumlich noch personell darauf vorbereitet“, sagte im Vorfeld der Vize-Chef der Bundesdirektorenkonferenz (BDK), Hugo Oettinger zu dem Thema.

In einem kontroversen Beitrag hatte ROLLINGPLANET deshalb beklagt: Die Lehrer können das Meckern einfach nicht lassen. Nun ist die Konferenz beendet – und ROLLINGPLANET will die Ansichten der Lehrer nicht verschweigen.

Aber nicht nur in Karlsruhe (Baden-Württemberg), sondern auch in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) und Plau am See (Mecklenburg-Vorpommern) wurde an diesem Freitag das Thema Inklusion und Lehrer intensiv diskutiert.

Gymnasialdirektoren: Abfuhr für „radikale Inklusion“

Die deutschen Gymnasialdirektoren bekennen sich ausdrücklich zu der von den Vereinten Nationen geforderten Teilnahme behinderter Kinder am Regel-Unterricht. Sie lehnen aber eine „radikale Inklusion“ ohne Rücksicht auf das Kind ab. Jeder Einzelfall müsse geprüft werden.

„Inklusion ist an den Schulen ein Auftrag, allen Schülern gerecht zu werden“, sagte der Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz (BDK), Rainer Stein-Bastuck, am Freitag in Karlsruhe. Zugleich appellierte er: „Inklusion darf nicht zum politischen Zankapfel werden – es geht um die Kinder.“

In einer Resolution forderten die Direktoren genügend Personal für die Inklusion. Die Schulen müssten entsprechend qualifiziert und ausgestattet werden. „Inklusion ist ein anspruchsvoller gesamtgesellschaftlicher Auftrag und darf nicht unter Spardiktaten realisiert werden“, hieß es.

Zugleich betonten die Gymnasialdirektoren ihre Bereitschaft zur Umsetzung der UN-Konvention für die Inklusion. Danach haben Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf einen Rechtsanspruch darauf, mit anderen Kindern unterrichtet zu werden.

„Die Gymnasien übernehmen selbstverständlich gemeinsame Mitverantwortung für eine inklusive Bildung und haben dies in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen“, so die Direktoren. So seien seh-, hör- und körperbehinderte Schüler und solche mit emotional-sozialen Schwierigkeiten in Lerngruppen eingebunden und zur allgemeinen Hochschulreife geführt worden.

„Inklusion muss sich generell am Kindeswohl orientieren“, so die Direktoren. Jeder Schüler müsse an der Schule unterrichtet werden, an der er optimal gefördert werde – orientiert an individuellen Voraussetzungen, Begabungen, Bedürfnissen und dem eigenen Bildungsweg. „Wir können auf die Kompetenz der Förderschulen nicht verzichten“, so Stein-Bastuck.

Die Bundesvereinigung der Oberstudiendirektoren ist der Zusammenschluss von Direktorenvereinigungen der Bundesländer. Sie wurde 1971 gegründet. Von den rund 3000 Direktoren deutscher Gymnasien sind 2225 in der Vereinigung organisiert. Der aus dem Saarland kommende Vorsitzende Stein-Bastuck wurde am Freitag einstimmig für weitere zwei Jahre im Amt bestätigt.

Keine Schulleiter mehr wegen Inklusion?

Gleichzeitig wurde heute bekannt, dass hunderte Schulen in Nordrhein-Westfalen ohne Schulleiter dastehen. Über die Hälfte der etwas mehr als 700 leeren Chefsessel gibt es an Grundschulen. Das Problem wird sich nach Einschätzung des Lehrerverbandes Bildung und Erziehung (VBE) noch verschärfen – möglicherweise auch wegen der schwierigen Aufgabe Inklusion.

Viele der jetzigen Schulleiter gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. „Wenn eine Stelle ausgeschrieben und nicht besetzt ist, leitet der Konrektor solange die Schule“, sagte der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, am Freitag in Düsseldorf. Gibt es an einer Schule keinen Konrektor, übernimmt laut Beckmann in der Regel der dienstälteste Lehrer die Leitungsaufgaben.

Schulleiter verdienten brutto nur 400 bis 500 Euro mehr als ihr Kollegium, hätten aber viel mehr zu tun, begründete der VBE-Chef die Unattraktivität des Postens. „Nebenbei sind wir oft noch unsere eigene Sekretärin und der eigene Hausmeister, weil diese Stellen stark reduziert wurden“, sagte er.

Gerade an kleinen Grundschulen kümmerten sich Schulleiter zusätzlich oft noch um eine eigene Klasse. Durch Themen wie Inklusion und eine stärkere individuelle Förderung der Schüler seien in den vergangenen Jahren viele neue Aufgaben dazugekommen. Schulleiter und Lehrer brauchten dringend Fortbildungen. Die Budgets für solche Maßnahmen seien aber viel zu knapp bemessen, sagte Beckmann.

Landeselternrat kritisiert schleppende Umsetzung der Inklusion

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es an diesem Freitag neue Nachrichten zum Thema Inklusion. Der Landeselternrat hat ihre schleppende Umsetzung an den Schulen kritisiert. Während auf Rügen das Modellprojekt mit der entsprechenden finanziellen und personellen Ausstattung noch laufe, werde in den anderen Grundschulen des Landes das Inklusionskonzept teilweise schon praktiziert – allerdings ohne die bessere Ausstattung, sagte die stellvertretende Landesvorsitzende, Claudia Metz, am Freitag vor der Frühjahrstagung des Rats in Plau am See.

„Die Lehrer kämpfen weiter unter den bisherigen Bedingungen“, beteuerte Metz. Es sei für sie nahezu unmöglich, bei einer Klassenstärke von 28 Schülern auch noch den speziellen Bedürfnissen von ein oder zwei verhaltensauffälligen oder lernschwachen Schülern gerecht zu werden. Metz kritisierte, dass nur wenig von dem umgesetzt werde, was diverse Arbeitsgruppen auch unter Mitwirkung des Landeselternrats zur Inklusion empfohlen hatten. Sie betonte, dass der Elternrat voll hinter dem Konzept der Inklusion stehe – aber mit der richtigen personellen und finanziellen Ausstattung.

(Susanne Kupke/dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN