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Hallo Frau Merkel, Natalie Dedreux würde sich gerne mal länger mit Ihnen unterhalten

Die junge Frau mit Down-Syndrom hat im Bundestagswahlkampf viele Menschen bewegt – mit einer einzigen Frage, die sie der Kanzlerin stellte. Von Christoph Driessen

Natalie Dedreux sagte: „Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben.“ (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Natalie Dedreux sagte: „Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben.“ (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Natalie Dedreux hat mit Angela Merkel gesprochen. Vergangene Woche, in der ARD-„Wahlarena“. „Frau Merkel“, hat sie gesagt, „Sie sind Politikerin. Sie machen Gesetze.“ Wie finde sie es dann, dass in Deutschland neun von zehn Babys mit Down-Syndrom nicht zur Welt kämen. „Ein Baby mit Down-Syndrom darf bis wenige Tage vor der Geburt abgetrieben werden.“ Merkel musste schlucken. Denn Natalie Dedreux hat selbst das Down-Syndrom (ROLLINGPLANET berichtete).

Mittlerweile ist die 18-Jährige zurück in ihrer Heimatstadt Köln. Sie sitzt im Garten des Caritas-Cafés „Querbeet“, in dem sie seit 1. September eine Ausbildung macht, und denkt nochmal an die Sendung. Sie hat festgestellt, dass da ein paar Leute zugeschaut haben, wenn auch „nicht so megamäßig viele“. Eine Nachbarin stand am nächsten Tag mit Blumen vor der Tür. „Wir haben dann sogar ein Glas Alkohol getrunken.“

„Ich bin rausgerannt“

Natalie kann nicht genau sagen, wann ihr zum ersten Mal richtig klar geworden ist, dass sie sich von anderen Menschen unterscheidet. „Ich fühlte mich schon immer ein bisschen anders“, sagt sie. Was sie dagegen noch genau weiß, ist, wie sie auf das Thema Abtreibung aufmerksam wurde. „Das war 2016, durch ,24 Wochen‘.“ Ein Film über eine Mutter, die sich dazu entschließt, ihr Kind mit Down-Syndrom im sechsten Monat abzutreiben. „Ich habe geweint“, erzählt Natalie. „Ich bin rausgerannt. Ich kann das nicht verstehen, warum die das machen.“

In der Sendung mit Merkel hat sie gesagt: „Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben.“ Merkel sagte dazu unter anderem, dass viele Eltern große Angst hätten, ein behindertes Kind zu bekommen. Sie wüssten oft nicht, wie gut sie unterstützt werden könnten.

Natalie hat eine inklusive Gesamtschule besucht. Jetzt arbeitet sie im Café „Querbeet“: Sie backt Kuchen, kocht, spült, trocknet ab und bügelt. Zwei Jahre dauert die hauswirtschaftliche Ausbildung.

Natalie Dedreux will Journalistin werden

Wie stellt sie sich ihre Zukunft vor? Darauf kommt ohne einen Moment des Überlegens die Antwort: „Ich würde gern mit einem Freund zusammenziehen.“ Und im Beruf – will sie da weiter in einem Café arbeiten? „Nein“, sagt sie entschieden, „ich will zum ,Ohrenkuss‘.“ Die Arbeit für diese Zeitschrift, in der alle Texte von Menschen mit Down-Syndrom geschrieben werden, macht ihr großen Spaß. Deshalb steht für sie fest: Sie will Journalistin werden.

Ihr Interesse an Politik wurde vor zwei Jahren durch die Flüchtlinge geweckt. Heute verfolgt sie im Fernsehen und im Internet viele Themen, von der Lage in der Türkei bis zur Unterdrückung von Frauen in Saudi-Arabien. Sie kann leidenschaftlich darüber erzählen – und sich noch leidenschaftlicher darüber aufregen. Natalie Dedreux ist eine Frau mit Temperament. Gar keine Frage, dass sie am Sonntag zur Wahl geht.

Beim „Ohrenkuss“ ist die Idee aufgekommen, dass sie ihre neuen Kontakte ins politische Berlin für ein Interview mit Angela Merkel nutzen könnte. Glaubt sie, dass das klappt? Lautes Lachen. „Nein! Die hat doch keine Zeit.“ In dem Punkt ist sie ganz Realistin. Aber sie hat auch Hoffnungen, Träume: „Dass die Spätabtreibungen aufhören. Und die Flüchtlinge Hilfe bekommen.“

(dpa)

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