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Hallo! Hallo! Hallo! Hören Sie doch mal zu! Hier! Hallo! Kommt der Krach-Report!

„Ruhig bleiben?“ Unter diesem Motto steht der diesjährige Tag gegen Lärm am 24. April. Für Alltag und Beruf: ROLLINGPLANET nennt Fakten und Tipps.

Das kann ins Ohr gehen: Zu viel Lärm (Foto: Benjamin Thorn/pixelio.de )

Das kann ins Ohr gehen: Zu viel Lärm (Foto: Benjamin Thorn/pixelio.de )

So viele (fast) taube Menschen gibt es

Nach Angaben der Medizinischen Hochschule Hannover leben in Deutschland rund 15 Millionen Menschen mit behandlungsbedürftiger Schwerhörigkeit. An Mittwoch (26.4.2013), dem 16. Tag gegen Lärm, werben Verbände und Krankenkassen bundesweit für mehr Ruhe.

Immer mehr Lärm in Deutschland

Dem Umweltbundesamt zufolge nimmt die Lärmbelästigung in Deutschland zu. Experten kritisierten die unzureichende Umsetzung einer EU-Richtlinie zum Lärmschutz.

„54 Prozent aller Deutschen fühlen sich durch Straßenverkehr belästigt“, sagte der Abteilungsleiter Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt, Uwe Brendle, mit Blick auf die jüngste Studie seiner Behörde zu diesem Thema.

Demnach wird jeder dritte Deutsche nach eigenen Angaben vom Lärm des Schienenverkehrs gestört und jeder fünfte von dem der Flugzeuge. Daneben spiele auch die Geräuschkulisse der Nachbarn eine wichtige Rolle, von der sich 42 Prozent der Deutschen belästigt fühlten. „Der berühmte Laubbläser, der Rasenmäher und Feiern im Garten gehören dazu“, sagte Brendle. Außerdem störe Industrielärm etwa 32 Prozent der Deutschen.

Der Arbeitsring Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik (ALD) kritisierte die unzureichende Umsetzung der europäischen Richtlinie zum Umgebungslärm in Deutschland. „Lärmaktionspläne sind nicht fristgerecht vorgelegt worden“, sagte ALD-Leiter Michael Jäcker-Cüppers.

In München etwa gebe es bislang nur einen Entwurf, obwohl dieser bereits 2008 hätte beschlossen werden müssen. Selbst in ambitionierten Städten dauere die Umsetzung zu lange. In Berlin etwa sei die Zahl der stark vom Lärm belasteten Menschen seit 2008 nur von 340.000 auf 300.000 reduziert worden.

In Ballungsräumen hört man schlechter

Zuviel Dauerrauschen: Menschen in Ballungsräumen hören tendenziell schlechter als Bewohner weniger dicht besiedelter Regionen. Das geht aus der Auswertung von rund 120.000 Hörtests in deutschen Städten hervor (ROLLINGPLANET berichtete: Der Wohnort entscheidet, wie gut Ihr Ohr funktioniert).

Am besten hören Menschen nach diesen Tests in Oldenburg, Koblenz, Fürth, Osnabrück und Darmstadt. Die hintersten der 50 Plätze belegen unter anderem Bottrop, Oberhausen, Duisburg und Gelsenkirchen. Damit hört man im Ballungsraum Ruhrgebiet besonders schlecht. Großstädte wie Berlin (25), Hamburg (29) und München (35) lagen im Mittelfeld.

Vielen Jugendlichen droht später Hörgerät

Viele Jugendliche haben bereits als Berufsanfänger kein intaktes Gehör mehr. „Ohne weitere Präventionsmaßnahmen wird ein Drittel der jungen Leute heutigen Erkenntnissen zufolge im Alter von 50 Jahren ein Hörgerät brauchen“, sagte der Sprecher der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) Joachim Förster in Berlin.

Jungen Menschen seien die Lärmgefahren oft nicht bewusst. Bei Konzerten, in Clubs oder mit MP3-Playern werde zu häufig laute Musik gehört.

Lärm im Büro – die reinste Hölle

Der Lärmpegel in Großraumbüros wird für manche Arbeitnehmer zur echten Belastung. Ob sich jemand besonders gestört fühlt, hängt stark von der individuellen Lärmempfindlichkeit ab. „Das ist durchaus sehr unterschiedlich“, sagt Gert Notbohm, Lärmexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA).

Manche fühlen sich schon gestört, wenn andere den Lärm noch gar nicht als solchen wahrnehmen. Bei einem Geräusch sind sich aber alle einig: Wenn Informationsfetzen ins Ohr dringen, lenkt das ab. „Wenn es nur ein Rauschen ist, stört es nicht so, wie wenn einzelne Geräusche herausstechen“, so Notbohm.

Gegen diese einzelnen Geräusche helfen am besten: andere Geräusche. Zum Beispiel Musik, mit der sich die Betroffenen über Kopfhörer von den Informationsfetzen abschirmen. „Dann ist der Schallpegel zwar der gleiche, aber es ist weniger störend“, erklärte Notbohm.

Das Prinzip Geräusche mit Geräuschen überdecken lebt auch davon, dass Menschen komplette Stille nicht zwangsläufig besser vertragen als ein Hintergrundrauschen. „Totale Stille hat auch etwas Beunruhigendes“, sagte Notbohm. Sie sei relativ lebensfern. Selbst auf dem Land gebe es ständig Geräusche, vom Vogelzwitschern bis zum Pfeifen des Windes.

Einer Studie der Universität Chicago zufolge entstehen kreative Ideen bei moderatem Hintergrundlärm sogar besser. So erbrachten die Probanden bis zu einer Lautstärke von 70 Dezibel bessere kreative Ergebnisse als bei 50 Dezibel. Für die meisten Großraumbüros sind das gute Nachrichten: Dort werden 60 Dezibel oft überschritten – „aber man kann trotzdem zurechtkommen“, so Notbohm.

Zu laut ist allerdings kontraproduktiv. Vor allem bei Aufgaben, die eine hohe Konzentration erfordern: „Je höher die Konzentrationsanforderung ist, desto besser ist es für die meisten Leute, wenn es stiller ist“, sagte Notbohm. Ohrstöpsel sind dann die einfachste Lösung.

Schwieriger ist der Versuch, Kommunikationsregeln für das Büro aufzustellen. Gespräche unter Kollegen sollten wenn möglich in die Kaffeeküche verlegt werden. Außerdem können sich die Kollegen auf einen Zeitraum einigen, in dem Telefonate tabu sind – soweit das eben geht.

Zusätzlich können Meditation und Autogenes Training helfen. Denn: „Es hängt ein bisschen von einem selbst ab“. Wer sich sagt: „Ich schalte meine Ohren ab“ und sich klar macht: „Ich bleibe mit meiner Aufmerksamkeit bei dem, was ich tue“, könne die Gespräche der Kollegen teils ausblenden.

Beschweren sich mehrere Kollegen über zu starken Lärm im Großraumbüro, stimme wahrscheinlich mit der Akustik etwas nicht, so Notbohm. Dann könne über den Betriebsrat angeregt werden, das Büro schalldämpfend umzugestalten.

Natur statt Disco für Lärmarbeiter

Es kreischt, wummert und dröhnt: Manche Berufstätige sind täglich so großem Lärm ausgesetzt, dass sie Gefahr laufen, schwerhörig zu werden. „Betroffen sind Metallbauer und Schreiner, aber auch Berufsmusiker oder Mitarbeiter in Diskotheken“, sagt Prof. Hans Drexler.

Um ihre Ohren zu schützen, sollten sich Lärmarbeiter in ihrer Freizeit zum Ausgleich am besten in möglichst ruhigen Umgebungen aufhalten. „Statt in die Diskothek gehen sie lieber raus in die Natur“, rät der Experte von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin. Auf lautes Musikhören über Kopfhörer verzichten sie am besten ganz. Das Ohr brauche Regenerationszeiten.

Lärmschwerhörigkeit ist nach wie vor die häufigste Berufskrankheit in Deutschland, teilt der Verband der Betriebs- und Werksärzte mit. Rund vier Millionen Beschäftigte in Deutschland seien in ihrem Job einer gesundheitsgefährdenden Lärmbelästigung ausgesetzt, schätzt der Verband und beruft sich dabei auf Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

„Das Gefährliche ist, dass die Betroffenen die Schwerhörigkeit oft erst bemerken, wenn es schon zu spät ist“, so Prof. Drexler. Meist nehme die Hörfähigkeit schleichend über die Jahre ab. Sind die Hörzellen einmal abgestorben, bilden sich keine neuen. Wichtig sei deshalb, dass betroffene Arbeitnehmer regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gehen und Hörtests machen. So können sie eine Verschlechterung früh erkennen und gegensteuern.

Außerdem sollten Arbeitnehmer an lauten Arbeitsplätzen möglichst einen Gehörschutz tragen. Aber auch der Arbeitgeber ist gefragt: In sehr lauter Umgebung sollte das Personal alle paar Stunden rotieren. Darüber hinaus sei es am besten, wenn Lärm von vorneherein verhindert wird und möglichst leise Geräte angeschafft werden.

(RP/Lea Sibbel, Kristin Kruthaup, dpa)

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