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Hallo Herr Deutsche-Bahn-Chef-Grube, Sie dürfen mal wieder anrufen

Ihr Fahrgast war leider nicht nur blind, sondern auch devot. Für Ihre Schaffnerin war das ein echtes Erfolgserlebnis.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube (Foto: dpa)

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube (Foto: dpa)

Deutsche Bahn-Chef Rüdiger Grube, berichtete ROLLINGPLANET erst vor einigen Tagen, ruft öfter mal Kunden persönlich an, die von seinem Unternehmen – nun ja, wir sagen es mal gaaaanz vorsichtig: nicht gar so freundlich – behandelt worden sind. Jüngst beispielsweise den Berliner Rollstuhlfahrer und Aktivisten Raul Krauthausen, der anderthalb Stunden zu spät zu einem Termin rollte, weil ihn der angebliche Mobilitätsservice der DB vergessen hatte.

Heute darf Grube wieder in seiner Funktion als Kundentröster zum Telefon greifen (finden wir jedenfalls): Eine seiner Kontrolleurinnen hat einem blinden Gast 40 Euro Bußgeld wegen Schwarzfahrens abgeknöpft. Wie der WDR berichtet, war der 33-jährige Björn Heinig mit dem Regionalexpress von Mühlheim/Ruhr nach Gütersloh unterwegs. Da er in der zweiten Klasse keinen Sitzplatz fand, setzte er sich nach eigener Aussage vorübergehend in die erste Klasse. Er wollte dort nur so lange sitzen bleiben, bis in der zweiten Klasse ein geeigneter Platz für ihn frei wurde.

Alles nach Vorschrift: Entschuldigung nicht erforderlich

Kurz vor Bochum wurde er dann kontrolliert. „Die Zugbegleiterin hatte aber nur wenig Verständnis für die Probleme des blinden Fahrgastes“, so der WDR. Ihre Begründung: Der Mann dürfe mit seinem Schwerbehindertenausweis nur in der zweiten Klasse kostenlos fahren.

Herr Grube wird allerdings Heinig nicht anrufen. Die Deutsche Bahn hat angekündigt, sich für den Vorfall nicht entschuldigen zu wollen, da Heinig die Zugbegleiterin nicht um Hilfe gebeten habe. Das kommt davon, wenn Menschen mit Behinderung klaglos tun, was ihnen gesagt wird. Ein Fehlverhalten der Schaffnerin liege daher nicht vor, sagte ein Unternehmenssprecher. Da hat er recht: Im Arbeitsvertrag steht bestimmt nicht drin, dass man devote Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, unaufgefordert fragen soll, ob man helfen kann. Wohin kämen wir da! Wir wollen doch nicht den real existierenden Darwinismus im Kampf un die kostbaren Bahnplätze abschaffen!

Wir hätten da eine Idee

Aber zumindest das Bußgeld will die Bahn zurückerstatten. Und auch das Personal soll künftig besser geschult werden, sagt der Bahnsprecher: „Wir wünschen uns mehr Fingerspitzengefühl in solchen Einzelfällen.“

Das wünschen wir uns von ROLLINGPLANET auch. Aber bevor wir uns nun alleine auf den armen Herrn Grube und seine fleißige Mitarbeiterin stürzen (und ihr das Erfolgserlebnis, einen Schwarzfahrer überführt zu haben, nehmen), wenden wir uns hilfesuchend an alle nichtbehinderten Menschen: Wenn ein blinder Mensch durchs Abteil irrt, wäre das nicht eine prima Idee, ihm Ihren Platz anzubieten?

(RP/Aufmerksam geworden durch unsere Leserin Monika Schwaiger)

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1 Kommentar

  • georg merklein

    das wuerde alles nicht passieren, wenn die bahn ein bisschen zum denken faehig waere. in den hauptverkehrszeiten setzt sie normale eisenbahnwagen ein, komischerweise in verkehrsarmen doppelstoeckige. kein wunder, wenn man keinen platz findet. ich habe diesbezueglicherweise auch schon aerger bekommen, ich kann wegen meiner schwerbehinderung an meinem bein nicht die ganze fahrt ueber stehen. es gibt in den regionalbahnen umklappbare vierersitzreihen fuer schwerbehinderte, die aber sehr schlecht als solche ausgeschildert sind und sich somit leute daraufsetzten, die dort nichts zu suchen haben. die sturheit des auf dem hohen ross sitzenden bahnpersonals ist uebrigens nichts neues…

    4. Dezember 2013 at 22:46

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