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Hallo Herr Grube, Frau Dr. Arnade wartet auf ihren Anruf

Die Deutsche Bahn verweigert einer Rollstuhlfahrerin die erforderliche Einstieghilfe.

Einstieghilfe der Deutschen Bahn – falls Personal vorhanden ist

Einstieghilfe der Deutschen Bahn – falls Personal vorhanden ist

Die Protagonisten:


Rüdiger Grube

GrubeChef der Deutschen Bahn. Der Babo (steht nicht nur für Bahnboss, sondern ist das Jugendwort 2013 für Boss) ruft hin und wieder höchstpersönlich unzufriedene Kunden an, beispielsweise den Berliner Rollstuhlfahrer und Aktivisten Krauthausen. Oft ruft er aber auch nicht an, wenn ein Opfer nicht prominent ist, nicht öffentlichkeitswirksam wie Krauthausen twittert, sondern devot sein Schicksal hinnimmt wie etwa der 33-jährige blinde Passagier Björn Heinig, der 40 Euro Bußgeld bezahlen sollte, weil er keinen Platz in der zweiten Klasse fand und sich deshalb vorübergehend in die erste Klasse setzte, ohne um Hilfe zu rufen, wie die Deutsche Bahn betonte.

Deutsche Bahn

DeutscheBahnLogoDeutsches Transportunternehmen. Behauptet immer, sie tut ganz viel für behinderte Menschen. Leider kommt immer wieder mal „eine unglücklichen Verkettung von Umständen, die so eigentlich nicht vorkommen sollten“ (Babo Grube zu von dem Mobilitätsservice vergessenen Krauthausen) dazwischen oder irgendein/e pflichtbewusste/r Schaffner/in wie im Falle von Heinig. Manchmal belässt es die DB auch nicht beim Bußgeld, sondern ruft die Polizei, um einen behinderten Kunden an die frische Luft zu setzen. Das Unternehmen glaubt aber immer noch, dass es besonders freundlich und serviceorientiert ist und niemanden diskriminiert.

Dr. Sigrid Arnade

Dr. Sigrid ArnadeGeschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. – ISL in Berlin und eine der wichtigsten Akteurinnen der deutschen Behindertenpolitikszene. Fällt also eher in die Behindertenpromi-Kategorie Krauthausen als in die Ichergebemich-Kategorie Heinig. Arnade hat dummerweise Multiple Sklerose und einen Rollstuhl, weshalb sie latent gefährdet ist, ein potentielles und nun auch tatsächliches Opfer der DB zu werden. Fährt wie Krauthausen wegen vieler Termine viel Zug. Kann nun als behindertenprominente Vielfahrerin erwarten, dass Babo sie demnächst anruft.

Der Sachverhalt:

Pünktlich zum Nikolaustag hat die Bahn Knecht Ruprecht vorgeschickt und einer Arnade eine gewünschte Einstiegshilfe abgelehnt. Sie will Anfang nächster Woche nach einer Vortragsveranstaltung in Bad Bevensen, an der sie als Referentin teilnimmt, weiter nach Kassel zu einem anderen Termin reisen.

Dass sie nicht wie andere Geschäftsleute einfach in den Zug steigen kann und vor jeder Bahnreise längere Telefonate mit der Mobilitätszentrale erledigen muss, davon soll hier nicht berichtet werden. Bad Bevensen jedenfalls ist eine Kleinstadt nördlich von Uelzen, liegt an der Bahnstrecke Hannover–Hamburg und besitzt deshalb auch einen Bahnhof. Die Bahnsteige sind laut Aussage der Deutschen Bahn sogar barrierefrei erreichbar, aber „leider“ gibt es dort kein Servicepersonal. Deshalb könne Arnade von dort nur mit Nahverkehrszügen abfahren, die eine fahrzeuggebundene Einstiegshilfe besitzen.

Dies führt jedoch dazu, dass der Intercity-Zug der Bahn, der auch in Bad Bevensen hält und mit dem Arnade reisen will, nicht benutzt werden kann, da er eine solche Einstiegshilfe nicht besitzt. „Ich muss also erst mit einem Nahverkehrszug zu einem anderen Bahnhof mit Servicepersonal fahren“, kritisiert Arnade. „Das bedeutet für mich in der Konsequenz, dass ich 20 Minuten länger fahren und einmal zusätzlich umsteigen muss. Das ist eine nicht hinnehmbare Ungleichbehandlung gegenüber den anderen Kundinnen und Kunden der Bahn und eine Diskriminierung!“. Dies widerspreche dem Konzept der angemessenen Vorkehrungen in der UN-Behindertenrechtskonvention.

ROLLINGPLANET empfiehlt Babo: Rufen Sie doch mal an. Irgendeine Ausrede wird Ihnen schon einfallen. Eine unglückliche Verkettung von Umständen geht immer.

(RP/PM/Fotos: dpa/privat)

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6 Kommentare

  • Peter

    Die Deutsche Bahn ist einerseits weiter als vor 20 Jahren, mit dem Mobilitätsservice. Andererseits ist sie in den 70er Jahren und im Deutschtum gefangen. Dieser Schwachsinn mit der 48-Stunden-Voranmeldung, dieser ganze Organisationswahn ist so nervtötend, dieses ewige Bangen, ob es dann doch klappt mit dem Ein- und Aussteigen ist absolut unnötiger bürokratischer Mist.

    6. Dezember 2013 at 13:14
  • Nikole Müller

    nun ja….es soll auch bahnhöfe /behnderte jenseits der grossen bahnhöfe geben , die ne mobilitätshilfe haben (sollten )..nur, da fragt eben kein mensch , wie diese behinderten mobil sein können /sollen . mit der bahn …gar NICHT , den es interessiert die bahn herzlich wenig , diese menschen gehören offenbar nicht zu den gewünschten kunden der bahn , obwohl das fahrentgeld ja gezahlt ist /wird … ergo , sind die meisten behinderten UNGWOLLT residenzpflichtig 🙁 🙁 oder müssen umwege , mit der „kirche ums dorf “ in kauf nehmen ,mit anderen öffendlichen verkehrsmitteln , sollten sie mal ihren ort verlassen müssen ..und das risiko , irgendwo /irgendwie auf der strecke zu „stranden „ist ungleich höher . aber, was solls …behinderte haben im strassenbild eben nichts verloren , erinnern sie doch an die MÖGLICHKEIT , das es jeden treffen kann und wer will schon immer dran erinnert werden 🙁 🙁

    6. Dezember 2013 at 14:02
  • Ulrich Ahrendt

    Also ganz ehrlich, mich nervt das ständige Gejammer über die Bahn. Ich fahre oft zwischen Mannheim und Berlin hin und her, im Rhein Neckar Gebiet sowieso und hab mich letztens sogar nach Frankreich getraut. Ich hatte einfach noch nie ein wirkliches Problem, wurde noch nie vergessen und die Anmeldung kann innerhalb von 1 min passieren, man muss nur sämtliche Angaben parat haben. Ich habe letztens einen Zug verpasst und musste schnell einen anderen nehmen, und hatte dann auch kein Problem. Hier wird dramatisiert…

    PS. Das mit dem fehlenden Servicepersonal ist allerdings wirklich mies. Das geht mir auch manchmal so, aber dann ist die Fahrt wenigstens kostenlos…

    6. Dezember 2013 at 14:45
  • Ottmar Amm

    So leid mir das in diesem Fall für Dr.Arnade auch tut,
    aber das ist „business as usual“ bei der DB.
    Ottmar Amm, Rollstuhlfahrer und DB-Nutzer

    6. Dezember 2013 at 16:47
  • Helge Blankenstein

    Zum Thema DB gehen bei uns permanent Informationen ein. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass es sich dabei nur in ganz wenigen Fällen um positive Meldungen handelt.

    Wir führen ständig eigene Test durch und stellen immer wieder fest, dass die Situationen zum überwiegenden Teil negativ verlaufen. Es stellt, und hier möchte ich auf den Kommentar von Herrn Ahrendt eingehen, selbstverständlich keinen wirklichen Schadensersatz dar. Vielmehr müssen Betroffenen sehr häufig, einen Zusatztag einplanen und dafür Übernachtungen finanzieren. Das betrifft besonders Menschen die im ländlichen Bereichen wie im obigen Bericht angegeben, wohnen oder anfahren möchten. Außerdem besteht der Anspruch auf kostenlosen Fahrten, lässt man einmal eventuelle Kosten für die Wertmarke außer acht, nur für Nahverkehrszüge. Dies bedeutet, dass man sehr lange Fahrtzeiten hat und häufig Umsteigen muss. Durch häufiges Umsteigen besteht ein hohes Risiko, dass sich die Fahrten verzögern.
    Zusätzlich besteht das Risiko, dass durch technische Störungen zusätzliche Umstiege notwendig werden. Hier bestehen ebenso Reiseverzögerungen.

    Weiter haben wir feststellen müssen, dass geplante und bestätigte Leistungen nicht, oder so zeitverzögert erbracht werden. Privatbahnen müssen für die Nutzung der Bahnhöfe zahlen. Kaufen damit auch die Mobiltätsleistungen ein. Diese werden aber häufig durch die DB verweigert.

    Vor allen ist fraglich welches betriebswirtschaftliche Konzept die DB mit der aktuellen Preisgestaltung verfolgt. Hier spreche ich die baulichen Leistungen der Bahnhöfe und deren Zugänge an. Hier werden nicht selten hohe Geldbeträge verbaut und verzichtet damit auf bessere Zugänge zu den Bahnsteigen und den Zügen. Nicht selten werden innerhalb weniger Monate nochmals riesige Geldbeträge investiert um die geschaffenen Barrieren zu mindern. Selten werden diese ganz beseitigt.

    Besonders „verwerflich“ ist es, wenn sich DB-Verantwortliche vor der Presse profilieren indem sie kundtun, dass man einen Mio.-Betrag gegenüber der Planung eingespart hat. Wenige Minuten später, auf Nachfrage durch eine Gruppe Betroffener aussagen, dass die Barrierefreiheit aufgrund Baukosten nicht erfolgen konnten.

    Helge Blankenstein
    Institut Impuls

    6. Dezember 2013 at 19:26
  • Isabell Zintl

    Tja…. Seit mehreren Monaten fahren mehrere ICE auf der Strecke von Bonn nach Wien. In jedem ist die Behinderten-Toilette DEFEKT!!!!! Zudem bin ich auf die Reise geschickt worden:
    Von Bonn nach Wetzlar! Mir wurde bis Koblenz geholfen. Das Personal sagte im Zug von Koblenz nach Wetzlar, dass es mir beim Ausstieg in Wetzlar helfen würde, da dort kein Service vorhanden ist. Der Zug stand in Wetzlar und vom Schaffner fehlte jede Spur. Schließlich trugen mich zwei Passagiere aus dem Zug.
    Das ist eine Frechheit.

    22. Dezember 2013 at 18:50

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