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Hamburger Inklusionsbüro: Das fängt ja gut an

Speicherstadt in Hamburg

Speicherstadt in Hamburg

Wer von der Behörde etwas wissen will, bekommt patzige oder gar keine Antworten.

Ingrid Körner war bis zum Sommer 2010 Präsidentin von Inclusion Europe, der europäischen Vereinigung von Menschen mit geistiger Behinderung, und gilt als eine Pionierin auf dem Gebiet der Inklusion. Anfang Februar gab die Hamburger Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen bekannt, dass Hamburg ein Inklusionsbüro bekommt: „Die Umsetzung der UN Konvention ist eine Riesenaufgabe!“

Dazu wolle das neue Hamburger Inklusionsbüro einen Beitrag leisten. Es wird, so hieß es, Projekte und Initiativen zur Inklusion anstoßen, „Bewusstseinsbildung in der Zivilgesellschaft fördern und Lösungsbeispiele bekannt machen.“ Die Aktivitäten in dem Stadtstaat sollen stärker vernetzt werden. Organisatorisch ist das Büro als Projekt für drei Jahre beim Stab der Senatskoordinatorin angesiedelt.

Skepsis wegen Thomas Bösenberg

Zum Leiter der neuen Einrichtung wurde Thomas Bösenberg ernannt. Der ehemalige Chef von „team.arbeit.hamburg“ sagte: „Die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen hat einen Perspektivwechsel hin zur umfassenden und uneingeschränkten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben jedes Einzelnen eingeleitet. Zur Umsetzung in Hamburg werde ich gern einen Beitrag leisten.“

Die Personalie Bösenberg ließ den Blogger Gerlef Gleiss Schlimmes befürchten: „In der Hamburger ‚Behindertenszene’ ist er völlig unbekannt.“ Gleiss bezweifelte die Befähigung von Bösenberg und urteilte über dessen bisherigen Einsatz für behinderte Menschen: „Viel mehr als Spenden für Behindertenvereine zu Weihnachten kann das aber nicht gewesen sein, denn gehört, gesehen oder gelesen haben wir davon nichts!“ (ROLLINGPLANET berichtete: Welche Qualifikation braucht man eigentlich, um als Behinderten-Experte durchzugehen?).

Hat Gleiss dem neuen Mann Unrecht getan? ROLLINGPLANET wollte es wissen und hat deshalb Thomas Bösenberg direkt gefragt: Was sind denn Ihre Qualifikationen für dieses Amt? Außerdem erkundigten wir uns, wann das Hamburger Inklusionsbüro seinen Betrieb aufnimmt, wie viele Mitarbeiter beschäftigt sein werden und wie hoch das Budget ist. Eine informative Auskunft gab es nicht – stattdessen entwickelte sich folgende Korrespondenz:

Antwort an ROLLINGPLANET vom 15.2.2012:

Wir freuen uns sehr, dass Sie großes Interesse an dem neuen Hamburger Inklusionsbüro haben.

Das Büro ist zurzeit noch mit Vorbereitungen beschäftigt, so dass der Betrieb noch nicht aufgenommen worden ist.

Bitte haben Sie noch ein wenig Geduld. Wir werden uns bei Ihnen umgehend melden, wenn das Hamburger Inklusionsbüro seinen Betrieb aufgenommen hat. Dann werden wir Ihnen auch Ihre Fragen beantworten.

ROLLINGPLANET versuchte es einen Tag später, am 16.2.2012, mit einer ganz einfachen Frage, von der wir annahmen, dass sie lösbar sein müsste:

Vielen Dank für Ihre Nachricht. Wann wird denn das Hamburger Inklusionsbüro seinen Betrieb aufnehmen?

ROLLINGPLANET hakte am 21.2.2012 nach:

Da wir bisher keine Antwort erhalten haben, erlauben wir uns, noch mal nachzufragen: Wann wird denn das Hamburger Inklusionsbüro seinen Betrieb aufnehmen?

Antwort am 21.2.2012:

Ich hatte Ihnen bereits mitgeteilt, dass wir Ihnen weitere Informationen zum Hamburger Inklusionsbüro zukommen lassen werden, wenn das Büro seine Arbeit aufgenommen haben wird.

Wie wir erst heute erfahren haben, erging es der Bloggerin Inge Hannemann nicht besser. Sie hatte unabhängig von ROLLINGPLANET und bereits einige Tage zuvor Thomas Bösenberg ähnliche Fragen gestellt:

1. Zu wann übernehmen Sie das Inklusionsbüro Hamburg aktuell?
2. Welche beruflichen Erfahrungen bringen Sie aus dem Bereich der Schwerbehinderung / Behinderung mit?
3. Was verstehen Sie unter Inklusion für Hamburg?
4. Wird es eine Zusammenarbeit mit dem Jobcenter für schwerbehinderte Menschen geben?
5. Was befähigt Sie dazu, die UN-Konventionen für Hamburg umzusetzen?
6. Welche Aktionen sind für das Jahr 2012 geplant?

Auch sie wurde mit lapidaren Zeilen abgespeist:

Zurzeit werden weder von Frau Körner noch von Herrn Bösenberg weitere Details zum Inklusionsbüro bekannt gegeben. Bitte haben Sie Verständnis dafür.

Nach den vielfältigen organisatorischen Dingen, die zur Einrichtung eines Hamburger Inklusionsbüros gehören und die zu Beginn geleistet werden müssen, werden wir Sie umgehend über den inhaltlichen Stand der Projektarbeit informieren!

Offensichtlich wollen die Verantwortlichen nicht die Chance nutzen, um der frühen – und möglicherweise ja nicht berechtigten – Kritik am Hamburger Inklusionsbüro den Wind aus den Segeln zu nehmen. Immerhin: Es kann nur besser werden. ROLLINGPLANET wird geduldig darauf warten, dass sich das Büro „umgehend“ meldet, sobald es seine Vorbereitungen abgeschlossen hat.

Foto: Wikipedia/Magnus Manske. GNU-Lizenz für freie Dokumentation

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3 Kommentare

  • angelika

    geduld liebe leute die müssen doch erst einmal überlegen wie man ein barrierefreies Büro baut, da gibt es soooooooooo viel zu bedenken, weil da gibt es ja Menschen die sind blind, welche die können nicht gehen, oder die die nicht hören, die die in leichter Sprachen kommunizieren.
    Und dann muss im vorwege die Frage geklärt werden muss das alls sein bei einen Inklusionsbüro oder wo können wir da sparen????

    Vielleicht holt man auch die Baupläne vom Reichstag, da ist dann sicher gestellt, dass nicht soviele rollende Menschen auf einmal kommen.

    27. Februar 2012 at 18:17
  • Inge Hannemann

    Hallo liebes Redaktionsteam

    Vielen Dank für das Aufgreifen, der Erwähnung und der Verlinkung des Themas Inklusionsbüro Hamburg aus meinem Blog. Auch ich werde weiterhin an diesem Thema dranbleiben und es liegt auf Wiedervorlage. Es ist schon auch erschreckend, wie unbekannt das Thema Inklusion – allein das Wort – noch ist. Es scheint so, als würde die UN-Konvention „versteckt“ behandelt werden. Seit der Eröffnung des Jobcenters für schwerbehinderte Menschen in Hamburg (September 2006) wird von einem barrierefreien Zugang von der U-Bahn gesprochen. Passiert ist bisher nichts.
    Also, die Konsequenz für mich: Dranbleiben, Beobachten und bei Bedarf: Bloggen und versuchen, damit ein bisschen aufzuwecken.

    Liebe Grüße in den Süden
    Inge

    27. Februar 2012 at 19:23
  • Inge Hannemann

    Hallo Redaktionsteam

    Ich habe erneut eine schriftliche Anfrage an Thomas Bösenberg betreffend des Inklusionsbüros Hamburg gestellt. Antworten von Bösenberg finden sich hier:
    http://inge.hannemann.over-blog.de/article-klappe-die-zweite-neues-gluck-thomas-bosenberg-ubernimmt-leitung-inklusionsburo-hamburg-100431385.html
    Mit eurem Einverständnis habe ich als Link mit in den Text genommen.

    LG aus dem Norden
    Inge

    29. Februar 2012 at 13:21

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