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Handbike-Trophy: „Bis Hundert, dann fahre ich nur noch den Halbmarathon“

Das weltweit größte in ein Läuferevent integrierte Handbikerennen startet zum 10. Mal beim BMW Berlin-Marathon. Eine Jubiläums-Bilanz von Jörn Kreinberg.

Sieger Errol Marklein (r.) beim Zieleinlauf 2004 (Foto: Foto Norbert Wilhelmi))

Sieger Errol Marklein (r.) beim Zieleinlauf 2004 (Foto: Foto Norbert Wilhelmi))

Der 40. BMW Berlin-Marathon findet auch dieses Jahr wieder am letzten Septemberwochenende am Sonntag, 29. September 2013, statt. Die Veranstaltung besteht aus einem Rennen für Inlineskater (42,195 km) und einem Mini-Marathon (4,2195 km) für Kinder und Schüler sowie dem Marathonlauf für Rollstuhlfahrer, Power-Walker und Läufer. Der Lauf gehört neben den Veranstaltungen in New York, Chicago und London zu den größten und neben London und Chicago zu den schnellsten Marathonläufen der Welt.

Handbike-Trophy: Wie alles anfing

Wir schreiben das Jahr 2004, und der Handbikesport hat einen immer größeren Zulauf an Athleten und Athletinnen. Was fehlt, ist eine Rennserie, in der die Sportler ihre Wettkämpfe vor großem Publikum austragen können. Das soll durch die neu ins Leben gerufene Handbike-Trophy geändert werden.

Sieben Marathons haben sich die Organisatoren der H-T ausgeguckt und Verhandlungen mit den Verantwortlichen der großen Städtemarathons aufgenommen. Das war am Anfang nicht ganz einfach, weil dieser zusätzliche Wettbewerb doppelt so schnelle Zeiten wie das Läuferfeld erreicht. Das hat natürlich auch immer logistische Konsequenzen, und die Frage der Sicherheit musste gründlich analysiert werden.

Am Ende konnten alle Hindernisse beseitigt werden, und zur großen Freude der Handbikeszene durften sie neben den Marathons in Bonn, Hamburg, Düsseldorf, Mannheim, Köln, und Frankfurt, am 26. September 2004 auch beim 31. Berlin Marathon starten. Damit wurde eine Erfolgsgeschichte eingeläutet, wie sie bis heute ihresgleichen sucht.

2004: Marklein gewinnt die Premiere

Schon im ersten Jahr kommen 105 HandbikerInnen durchs Ziel. Allerdings sind die äußeren Bedingungen nicht gerade ideal. Dauerregen begleitet die Athleten bei ihrem ersten Wettkampf in Berlin. Sieger Errol Marklein (GER) gewinnt in der Zeit von 1:17:02 Std. Bei den Frauen dominiert die Niederländerin Monique van der Vorst.

2005: Weltrekord bei den Tetras

Beim zweiten Start sind die Wetterbedingungen dann optimal. Highlights sind der Weltrekord in der Tetraklasse vom Österreicher Christoph Etzlstorfer. Mit 1:28:05 Std. war das im Jahr 2005 eine „Hammerzeit“. Andrea Eskau (GER) kann hier erstmals die Niederländerin Monique van der Vorst (NED) schlagen.

2006: Das Ende der Ära Marklein

Sportlegende und Sopur-Pionier: Errol Marklein (Foto: Sunrise Medical)

Sportlegende und Sopur-Pionier: Errol Marklein (Foto: Sunrise Medical)

Alle warten gespannt auf das Duell zwischen den Top Favoriten Wim Decleir (BEL) und Errol Marklein (GER). Der hat angekündigt, seine Jahrzehnte lange, erfolgreiche Wettkampfkarriere in Berlin zu beenden. Aber schon beim Start wird das Rennen entschieden. Marklein hat so intensiv für seinen letzten Marathon trainiert, dass er schon beim Start den Antrieb seines Handbikes zerlegt – Decleir gewinnt.

Am 6. Oktober 2006 beendet Marklein offiziell seine internationale Sportkarriere beim Handbike Marathon in Köln. Der mehrfache Paralympicssieger und Orgamitglied der Handbike-Trophy kommentiert heute als Co-Moderator kompetent die Handbikerennen beim Berlin Marathon.

2007: Wim Declair wiederholt seinen Triumph

Der 34. Berlin Marathon ist mit 160 Zielankünften der bis dato größte Handbikemarathon in der Hauptstadt. Das durch viel Taktik geprägte Rennen kann wiederum Wim Decleir für sich entscheiden. 15 weitere Fahrer kommen nur wenige Sekunden getrennt durchs Ziel. Hier konnte man erkennen, dass immer mehr Handbiker mit großem Trainingsfleiß versuchten, den Platzhirschen Paroli zu bieten.

2008: Bernd Jeffré unter der magischen Zeit

1:11:03 Std. war der Streckenrekord aus dem Jahr 2006. Bernd Jeffré (GER) pulverisierte diese Zeit mit 1:05:44 Std. und bleibt erstmals beim Berlin Marathon deutlich unter den bis dahin magischen 1:10:00 Std.

2009: Der legendäre Spruch

Bis zum Jahr 2008 starteten die HandbikerInnen mit ihren Adaptivbikes (werden an einen normalen Rollstuhl montiert), Liegebikes und Kniebikes gemeinsam und wurden zusammen gewertet. 2009 setzt sich international die Erkenntnis durch, dass Kniebikes und Liegebikes unterschiedliche Sportgeräte sind. Das offizielle Regelwerk wird angepasst. Folgerichtig werden auch beim Berlin Marathon nur noch Liegebikes und Adaptivbikes gewertet.

Bei diesem Berlin Marathon 2009 sagt der damals 82-jährige Berliner Handbiker Wilfried Bertram auf die Frage, wie lange er denn noch Marathon fahren wolle, den legendären Satz: “bis Hundert, dann fahre ich nur noch den Halbmarathon“. Und er ist auf dem besten Weg, sein Versprechen wahrzumachen, bis heute startet der mittlerweile 86-Jährige beim Berlin Marathon mit seinem Adaptivbike.

Bei den Männern siegt Torsten Purschke (GER) und bei den Frauen die ins Liegebike gewechselte Monique van der Vorst (NED), die ein Jahr später durch ihre angebliche „Wunderheilung“ in der Presse für Schlagzeilen sorgte.

In den Schlagzeilen (hier von "Bild"): Monique van der Vorst

In den Schlagzeilen (hier von „Bild“): Monique van der Vorst

2010: Zwei deutsche Fahrer liefern sich Spitzenduell

Bernd Jeffré und Vico Merklein zeigen großen Sport. Von Anfang an setzen sich die beiden deutschen Nationalmannschaftsfahrer vom übrigen Feld ab und fahren alleine gegen den Wind und ohne den anderen eine Chance zu lassen. Merklein gewinnt den Sprint und zum ersten Mal in Berlin. Die Schweizerin Ursula Schwaller (SUI), kurz vorher in Kanada Doppelweltmeisterin geworden, siegt überlegen im Frauenwettbewerb.

2011: Vico Merklein mit großer Klappe – er hält Wort

Ursula Schwaller gewinnt auch 2011, dieses Mal mit Streckenrekord/Liegebike und das, obwohl der Bowdenzug ihrer Bremse gerissen war. Vico Merklein kündigt einen neuen Streckenrekord an und setzt diese Vorhersage eindrucksvoll mit 1:04:12 Std. um.

2012: Merklein und ein Strauß für seine Oma

Vico Merklein (Foto: ARD)

Vico Merklein (Foto: ARD)

Drei Wochen nach den Paralympics stehen 3 x Gold-, 3 x Silber- und 5 x Bronze-Medaillen in den Reihen der 151 HandbikerInnen an der Startlinie des 39. BMW Berlin-Marathon. Der Fokus liegt auf Rafal Wilk, der kurz vorher in London bei den Paralympics zwei Mal Gold gewonnen hatte und Vico Merklein, der Silbermedaillengewinner, der sein Tripple in Berlin anvisiert. In einem packenden Rennen setzt sich Vico Merklein im Sprint vor Rafal Wilk durch.

Bei der Pressekonferenz sagt der gebürtige Berliner Merklein: „Es war schon schwer, sich nach den Paralymics noch einmal zu motivieren, aber ich habe es auch für meine Heimatstadt Berlin getan. Jetzt fahre ich zu meiner Oma nach Babelsberg. Die bekommt den Siegerstrauß, denn den kann man nicht kaufen“.

Den Frauenwettbewerb gewinnt die paralympische Silbermedaillen Gewinnerin Karen Darke (GBR). Auch nach dem Rennen hat sie es eilig. Darke hat nur noch einen Rückflug kurz nach Rennende bekommen. Aber um in Berlin dabei sein zu können, nimmt sie diesen Stress auf sich. Das zeigt einmal mehr, welch großen Stellenwert der Berlin Marathon bei den HandbikerInnen hat.

2013: Mehr geht nicht

Großereignis in Berlin: Läufer nach dem Start (Foto: BMW BERLIN-MARATHON/Jiro Mochizuki)

Großereignis in Berlin: Läufer nach dem Start (Foto: BMW BERLIN-MARATHON/Jiro Mochizuki)

In Berlin zu starten, bei dem weltweit größten in ein Läuferevent integriertes Handbikerennen, ist der Wunsch vieler HandbikerInnen aus aller Welt. In diesem Jahr wurde die Anmeldung bei 181 Athleten aus 20 Nationen geschlossen. Aus den Anfragen ist zu entnehmen, es wären gerne noch mehr gekommen. Wie bei den Läufern, ist allerdings die Anzahl der Startplätze limitiert.

In diesem Jahr ist der 40. BMW Berlin-Marathon gleichzeitig das 10. Handbikerennen und das finale Abschlussrennen 2013 der Rennserie Handbike-Trophy. Mehr geht nicht!

Und es kommt wieder zum Showdown zwischen den Top HandbikerInnen dieser Welt. Da sind der Pole Rafal Wilk mit Doppelgold in London, Vico Merklein (GER), der in diesem Jahr Weltrekord mit 00:58:56 Std. beim Heidelberg Marathon fuhr, sowie Bernd Jeffré (GER), Arkadiuzs Skrzipinski (POL), Walter Ablinger (AUT) und Torsten Purschke (GER).

Bei den Frauen gelten die Marathon Weltrekordhalterin/Liegebike Silke Pan (GER) zusammen mit Paralympics-Bronzemedaillengewinnerin Svetlana Moshkovich (RUS) und der zweimaligen Berlin-Siegerin Ursula Schwaller (SUI) als aussichtsreiche Kandidatinnen auf den Sieg.

Traditionell veranstaltet die Handbike-Trophy nach ihrem finalen Rennen für alle Teilnehmer dieser beliebten Rennserie ihre Abschlussfeier mit Preisverleihung, Tombola, Bildershow und Buffet. Nähere Informationen auf der Website: www.handbike-trophy.de

(RP)

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