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Hansine Dampf in allen Gassen will in den Bundestag

Geringe Chancen, aber kämpferischer Einsatz: Die Rollstuhlfahrerin Angelika Stoof wagt den Wahlkampf. ROLLINGPLANET begleitete sie beim Schluss­spurt. Von Lothar Epe

Wahlstand der „Unabhängigen Bürger“ mit Angelika Stoof, die wegen einer Polio-Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen ist. (Foto: Privat)

Wahlstand der „Unabhängigen Bürger“ mit Angelika Stoof, die wegen einer Polio-Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen ist. (Foto: Privat)

„Ich stehe nie alleine am Wahlstand, wenn ich versuche, Bürger für unsere politischen Ziele zu gewinnen“, sagt Angelika Stoof. (Foto: Privat)

„Ich stehe nie alleine am Wahlstand, wenn ich versuche, Bürger für unsere politischen Ziele zu gewinnen“, sagt Angelika Stoof. (Foto: Privat)

Gerade entdeckt Angelika Stoof mal wieder die Möglichkeiten. Der Bundestagswahlkampf befindet sich auf der Zielgeraden und Angelika Stoof ist mitten drin statt nur dabei. Sie nimmt jetzt, vor dem kommenden Sonntag, wenn bundesweit 61,5 Millionen Menschen zur Abgabe ihrer Stimme aufgerufen sind, noch mal so richtig Fahrt auf. Im Straßenwahlkampf will die ambitionierte Rollstuhlfahrerin, die mit zwei Jahren an Polio erkrankte, möglichst viele unentschlossene Wähler vom politischen Konzept der „Unabhängigen Bürger“ (UB) – eine Wählervereinigung, die es so nur in Schwerin gibt – überzeugen. Einfach wird das nicht, um es vorsichtig auszudrücken, und die Konkurrenz ist groß: 42 Parteien – so viele wie noch nie – mit insgesamt 4.828 Bewerberinnen und Bewerbern wollen in das Parlament. Mit einem Drittel stellen Frauen die Minderheit dar. Ein Thema, mit dem sich Stoof auskennt.

Ein Tipp von der Hausärztin

Die 61-Jährige ist in Schwerin kein unbeschriebenes Blatt. Seit Jahren wird sie in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern als politische „Hansine Dampf in allen Gassen“ wahrgenommen. Die seit 41 Jahren verheiratete Mutter von zwei erwachsenen Kindern arbeitet dort in zahlreichen politischen Gremien. Die Vorsitzende des Behindertenbeirates der ältesten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns will schließlich selbst gestalten.

Angelika Stoof ist Vorsitzende des Behindertenbeirates von Schwerin. (Foto: Privat)

Angelika Stoof ist Vorsitzende des Behindertenbeirates von Schwerin. (Foto: Privat)

Die Entscheidung, jetzt für die „Unabhängigen Bürger“ in den Wahlkampf zu ziehen, hat sich die ehemalige Herrenmaßschneiderin nicht leicht gemacht. Sie müsse sich ja schon wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit die Kräfte gut einteilen, sagt die schwerbehinderte Bundestagskandidatin. Dennoch sei ausgerechnet ihre Hausärztin als erste mit der Idee um die Ecke gekommen, sie solle doch bei der Bundestagswahl für die UB antreten. Die Fraktion der Wählergemeinschaft habe sie anschließend in mehreren Diskussionen erst überzeugen müssen.

Im Juli war es dann so weit, Stoof verkündete ihre Kandidatur: „Aus der täglichen Arbeit im Ehrenamt kenne ich viele soziale Problemstellungen. Dagegen will ich etwas unternehmen und den vermeintlich Schwachen unserer Gesellschaft eine starke Stimme geben. Alters- und Kinderarmut, soziale Isolation, unbezahlbarer Wohnraum und Barrieren aller Art sind Zustände, die ich nicht hinnehmen möchte. Dabei ist mir die Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen für Menschen mit und ohne Behinderungen in allen Lebensbereichen eine besondere Herzensangelegenheit.“

Zu DDR-Zeiten im Heim groß geworden

Die Unabhängigen Bürger, die schon seit 2009 mit immerhin fünf Mandaten von insgesamt 45 Sitzen im Schweriner Stadtrat vertreten sind, unterstützen Stoof im Straßenwahlkampf, wo sie nur können, lobt die Kandidatin. „Ich stehe nie alleine am Wahlstand, wenn ich versuche, Bürger für unsere politischen Ziele zu gewinnen“, so die Rollstuhlfahrerin. Immer sei jemand von der Fraktion an ihrer Seite. „Wir machen das alles gemeinsam“, betont Stoof, die zu DDR-Zeiten als Kind im Heim aufwuchs.

Auf der politischen Agenda von Stoof stehen eine ganze Reihe von Anliegen. Fast alle haben etwas mit „Soziales“ oder „Behinderung“ zu tun. Insbesondere das Thema Barrierefreiheit ist ihr wichtig: „Ich will, dass möglichst viele bezahlbare barrierefreie Wohnungen gebaut werden“. Überhaupt nicht verstehen kann die engagierte Lokalpolitikerin, warum staatliche Schulen, Straßen und Gehwege eines so reichen Landes wie der Bundesrepublik in einem derart erbärmlich Zustand seien. „Da müssen wir unbedingt ran“.

Bettschuhe für Mitglieder gehäkelt

Ebenfalls ein wichtiges Thema für Stoof ist die Vermeidung und Beseitigung von Altersarmut und Isolation älterer Menschen. „Ich will aber mit meiner Kandidatur auch dazu beitragen, die NPD zu verhindern“, betont Stoof. Auch die AfD hält sie für nicht wählbar. „Die haben mir zu viele rechte Politiker in ihren Reihen“, sagt Stoof.

Eines ihrer zahlreichen Ehrenämter liegt der Ostdeutschen besonders am Herzen. Seit 2010 leitet Stoof eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Kinderlähmungsfolgen. Den Grund für ihr dortiges Engagement erklärt sie vor allem so: „Viele Mitglieder würden vereinsamen, gäbe es die Gruppe nicht.“

Trotz ihres politischen Engagements will die UB-Frau ihre Hobbys nicht vernachlässigen, wie sie betont. Sie kümmert sich auch heute noch gerne um Handarbeiten. „Zu Weihnachten habe ich für jedes Mitglied der Selbsthilfegruppe ein Paar Bettschuhe gehäkelt.“ Sollte Stoof es trotz ihrer eigenen und berechtigten Skepsis in den Bundestag schaffen, könnte sie diese Fürsorge auch allen Mitgliedern ihrer Fraktion zugute kommen lassen. Man muss kein besonders begnadeter Wahrsager zu sein, um zu behaupten: Viel Arbeit wird da nicht auf sie zukommen. Dennoch zeigt sich Stoof entschlossen: „Es gehört zur Demokratie, für Ziele zu kämpfen.“

Etwas gemütlicher als der Wahlkampf auf der Straße: Angelika Stoof in ihrem Büro. (Foto: Privat)

Etwas gemütlicher als der Wahlkampf auf der Straße: Angelika Stoof in ihrem Büro. (Foto: Privat)

(RP)

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