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Hartmut Freund „Meister aller Klassen“ im GB-Tischtennis

Der geistig behinderte Sportler hat erstmals die Nationalen Spiele der Special Olympics gewonnen. Plus Insider-Infos. Von Norbert Freund

Der geistig behinderte Hartmut Freund nimmt während des Matchs nie den aktuellen Spielstand wahr (Foto: Luca Siermann)

Der geistig behinderte Hartmut Freund nimmt während des Matchs nie den aktuellen Spielstand wahr (Foto: Luca Siermann)

Der geistig behinderte Tischtennis-Sportler Hartmut Freund aus Württemberg hat erstmals die Nationalen Spiele der Special Olympics gewonnen. Im Duell der beiden besten Spieler des Turniers gewann er das Finale in Düsseldorf gegen den Pfälzer Patrick Kilian. Freund ist damit der erste „Meister aller Klassen“ im Tischtennissport für Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland: Der Titelträger des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) ist nun auch nationaler Champion des Verbands Special Olympics Deutschland (SOD).

Wie die Verbände aufgestellt sind

Der Schwabe war in Düsseldorf zum ersten Mal bei den im zweijährigen Turnus stattfindenden Nationalen Spielen der Special Olympics angetreten. SOD ist der größte Sportverband für Menschen mit einer geistigen Behinderung in Deutschland. In der Leichtathletik-Halle des Arena-Sportparks in Düsseldorf waren in der vergangenen Woche 429 Tischtennis-Sportlerinnen und -Sportler an 40 Platten am Start. Sie spielten nur auf zwei, nicht – wie im Nichtbehindertensport – auf drei Gewinnsätze. Ansonsten galt aber grundsätzlich das gleiche Regelwerk wie sonst auch.

Die Special Olympics sind eher breitensportorientiert, der DBS, in dem überwiegend körperbehinderte Sportler aktiv sind, zielt mehr auf den Leistungssport ab. Allerdings sind in den höchsten Leistungsklassen der Special Olympics – wie beim DBS – auch Sportler am Start, die Verbandsspiele im Nichtbehindertensport bestreiten.

Freund weiß erst danach, dass er gewonnen hat

Patrick Kilian etwa startet für das erste Herren-Team des AC Thaleischweiler in der westpfälzischen Bezirksklasse. Freund spielte für den TTC Bietigheim-Bissingen in Württemberg zuletzt in einer niedrigeren Spielklasse, der Kreisklasse B. Die beiden waren noch nie gegeneinander angetreten, weil Freund im Behindertensport bisher nur im DBS und Kilian nur bei den Special Olympics aktiv war.

Am Ende entschied der deutlich schwerer behinderte Schwabe, der während des Matchs nie den aktuellen Spielstand wahrnimmt, das Finale dank der offensiveren Rückhand mit 11:9 und 11:9 für sich.

In der Altersklasse bis 29 Jahre setzte sich mit dem Pfälzer Steffen Michel ein bisher unbekannter Sportler durch, in der Junioren-Altersklasse bis 21 Jahre gewann mit dem Friedrichshafener Sebastian Rösenberg dagegen ein Sportler, der bisher schon im DBS und bei SOD aktiv war.

Während in der Herren-Konkurrenz überwiegend bekannte Gesichter der letzten Titelkämpfe des DBS oder von SOD die vorderen Plätze in den höchsten Leistungsklassen unter sich ausmachten, spielten sich bei den Damen Sportlerinnen nach vorne, die niemand so richtig auf der Rechnung hatte: in der Klasse bis 29 Jahre Nadine Gerstenberger von den Pößnecker Werkstätten in Thüringen und bei den Damen ab einem Alter von 30 Jahren Beate Heydorn von den Gemeinnützigen Werkstätten Neuss in Nordrhein-Westfalen.

Wandel von „special“ zu Inklusion

Erstmals bei den Nationalen Spielen wurde außerdem ein so genannter Unified Wettbewerb ausgespielt, bei dem jeweils ein behinderter und ein nichtbehinderter Tischtennis-Sportler ein Doppel bildeten. Nachdem die Organisatoren der Special Olympics früher stärker das Besondere (englisch: „special“) ihrer Veranstaltung im Vergleich zum Nichtbehindertensport herausgestellt hatten – etwa, dass der Leistungsgedanke bei diesen Spielen keine so große Rolle spiele wie im Nichtbehindertensport –, steht neuerdings mehr das Thema Inklusion im Vordergrund.

In diesem Zusammenhang ist offenbar auch die Kooperationsvereinbarung zu sehen, die der Chef des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), Thomas Weikert, und SOD-Präsident Gernot Mittler während der Nationalen Spiele in Düsseldorf unterzeichnet haben. In dieser geht es nach Angaben beider Verbände darum, geistig behinderten Tischtennis-Sportlern den Zugang zu Vereinen des Nichtbehindertensports zu erleichtern, gemeinsame Sportveranstaltungen zu organisieren sowie in Trainerausbildung und Medienarbeit zusammenzuarbeiten.

(Der Autor ist Journalist und gesetzlicher Betreuer von Hartmut Freund. Siehe auch unseren Bericht Ziemlich bester Freund und ziemlich beste Freunde)

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