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Heidi Kirste: Die arme Frau im Rollstuhl lebt immer noch

Hamburgs Olympiabotschafterin spricht über Inklusion im Rollstuhlbasketball, Bundestrainer Glinicki und ihre Lieblingsspielerin. Von Frank Heike

Da haben wir tief im Archiv gewühlt: Heidi Kirste am 12. Dezember 2002 beim Training in Hamburg  – und heute sieht sie eigentlich fast noch genauso aus... (Foto: Ulrich Perrey/dpa)

Da haben wir tief im Archiv gewühlt: Heidi Kirste am 12. Dezember 2002 beim Training in Hamburg – und heute sieht sie eigentlich fast noch genauso aus… (Foto: Ulrich Perrey/dpa)

Heidi Kirste hat dazu gelernt. Ende der Neunziger Jahre ging sie als vermeintliche Exotin im Behinderten-Leistungssport einigen Frauenzeitschriften und Fernsehsendern auf den Leim. Und ließ sich auf sogenannte Homestories ein, bei denen die Journalisten möglichst dicht bis zur Wohnzimmer-Couch vordringen. Sie dachte, sie würde aus dem Leben einer Frau erzählen, die sich dem Rollstuhlbasketball verschrieben hat. Doch geschrieben und gedreht werden sollten Mitleids-Geschichten: „So nach dem Motto: Die arme Frau im Rollstuhl, jetzt ist das Leben sicher vorbei.“

So etwas würde die 36-Jährige nicht mehr mitmachen, und wenn ihre jungen Rollstuhlbasketballerinnen beim Hamburger SV sie fragen, wie sie den Medien entgegentreten sollen, antwortet sie: „Möglichst offen. Aber redet über Sport. Und macht klar, dass die Behinderung ein Teil Eures Lebens ist, aber nicht der wichtigste.“

Fahnenträgerin bei den Paralympics 2000

Hamburgs Olympiabotschafterin Kirste trug im Jahr 2000 die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier der Paralympics in Sydney. Vier Jahre später beendete sie ihre Laufbahn nach 215 Länderspielen. Mit dem aktuellen Bundestrainer der Damen, Holger Glinicki, hat sie, die seit einem Reitunfall im Alter von 14 Jahren im Rollstuhl ist, noch beim Hamburger SV gespielt, sie sagt: „Holger und ich sind Urgesteine des Rollstuhlbasketballs.“

Nebenbei arbeitet sie als Pressesprecherin des Hamburger Rollstuhlbasketballs. Im Hauptberuf vermisst sie bei Meyra Rennrollstühle. So ein Stück kann bis zu 7000 Euro kosten und ist Handarbeit: „Verstellen kann man daran nichts mehr.“

Das große Vorbild: Holger Glinicki, Nationaltrainer der Damen und Bundesliga-Coach des Hamburger SV – hier beim Gruppenspiel bei den Paralympics gegen die USA im August 2012  (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Das große Vorbild: Holger Glinicki, Nationaltrainer der Damen und Bundesliga-Coach des Hamburger SV – hier beim Vorrundenspiel bei den Paralympics gegen die USA im August 2012 (Foto: Daniel Karmann/dpa)

„Guck mal, der kann ja gehen“

Immer wieder staunen nicht kundige Zuschauer, wenn im Spiel Rollstuhlfahrer aus dem Sportgerät springen und dem Ball hinterherlaufen: „Guck mal, der kann ja gehen“, heißt es dann. Im Ligenbetrieb spielen mangels Masse nicht nur Männer und Frauen in einem Team, sondern auch Querschnittgelähmte mit beispielsweise Kreuzbandgeschädigten.

Um eine relative Chancengleichheit zu erreichen, bekommt jeder Spieler eine Einstufung: von 1 Punkt (hohe Behinderung) bis 4,5 Punkte (sehr niedrige oder keine Behinderung). 14,5 Punkte insgesamt darf eine aus fünf Personen bestehende Mannschaft haben, wenn sie aufs Feld rollt.

Das große Wort Inklusion

Für Heidi Kirste ist diese Form des Miteinanders, das seit Jahren praktiziert wird, ein Segen: „Wir würden sonst gar keine Mannschaften zusammen bekommen. Wir hätten gerne noch mehr Geringbehinderte in unserem Sport, weil das automatisch das Niveau hebt.“ Das große Wort Inklusion geht ihr dabei leicht über die Lippen.

Selbst Basketballspieler ohne jedes Handicap würde Kirste mit Kusshand nehmen. „Dadurch werden auch die Hemmschwellen zwischen Fußgängern und Rollstuhlfahrern geringer.“ Der Rollstuhlbasketball spreche nicht über Inklusion, er lebe sie, und zwar seit Jahrzehnten.

Dass bei fast allen Bundesliga-Mannschaften ein Center spielt, der nicht oder kaum behindert ist, kann man kritisieren. Kirste ficht das nicht an: „Unsere Frauenmannschaft profitiert davon. An der Seite solcher Spieler werden sie besser. Davon kann man sich richtig pushen lassen.“

Professionalisierung des Rollstuhlbasketballs

Auch im Rollstuhlbasketball geht es heute darum: besser werden, bekannter werden. Mehr Geld einspielen. Die Sportart professionalisiert sich ständig, längst gibt es in der Bundesliga einen schwunghaften Handel mit ausländischen Topspielern. Die Sportwelt im Rollstuhlbasketball ist nicht besser oder schlechter als woanders. Auf dem Weg heraus aus der Mitleidsecke hat man es leichter, wenn das Niveau zunimmt.

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Jährlich bekommen die Klassifizierungen ein Update; und in manchen Ländern ist es so, dass jemand, der offensichtlich besser zu Fuß ist als im Jahr zuvor, trotzdem seine niedrige Einstufung behält. Das erlebe man vor großen Veranstaltungen immer wieder. „Schwarze Schafe gibt es überall“, so Heidi Kirste.

Maya Lindholm ist ihr Schützling

Maya Lindholm, die 2012 mit den Rollstuhlbasketballerinnen Gold in London geholt hat, wird nach ihrer Rückkehr von Hamburgs Senator für Inneres und Sport, Michael Neumann, am Flughafen begrüßt (Foto: Daniel Bockwoldt/dpa/lno)

Maya Lindholm, die 2012 mit den Rollstuhlbasketballerinnen Gold in London geholt hat, wird nach ihrer Rückkehr von Hamburgs Senator für Inneres und Sport, Michael Neumann, am Flughafen begrüßt (Foto: Daniel Bockwoldt/dpa/lno)

Ihr liebster Schützling ist derzeit die Hamburgerin Maya Lindholm. Talentiert, stark in der Offensive. Sie gehört zur Damen-Natio, die 2012 in London die Goldmedaille holte. Lindholm lernte vor zehn Jahren, als 13-Jährige, das Rollstuhlbasketballspielen – von Kirste. Oft ist das Einstiegsalter 25 bis 35 Jahre. Meistens nach einem Auto-, Reit- oder Arbeitsunfall. Die Suche nach Talenten ist entsprechend zäh.

„Wenn ich in der Nachbarschaft einen jungen Rollstuhlfahrer sehe, verhafte ich ihn sofort für unsere Sportart“, sagt Kirste. So war es auch bei Lindholm, die wegen Lähmungen in den Beinen – nach einem entzündlichen Prozess im Rücken während der Kindheit – im Rollstuhl sitzt. Was Lindholm von ihrer Behinderung hält? „Das ist mein Leben. Ich will das nicht so hoch hängen. Mein Vorbild ist da der Bundestrainer. Der lebt einem die totale Normalität vor.“

Der Sport gebe ihr sehr viel: „Ich hab mir gerade die Schatulle mit der Medaille wieder angesehen. Ich musste erst mal den Staub runterpusten. Dieses Erlebnis in London hat mich persönlich total gestärkt“, schwärmt Lindholm.

Wofür Fußgänger gut sind

Gerne würde Maya Lindholm bei der am Freitag (für die Damen: am Samstag) beginnenden Eurobasketball 2013 in Frankfurt an den großen Erfolg anknüpfen – Titelverteidiger Deutschland ist der EM-Favorit.

Ein Trumpf dabei ist der 59 Jahre alte Bundestrainer Glinicki, dem man nichts vormachen kann in Sachen Rollstuhlbasketball. Zum Thema Inklusion hat er eine entspannte Haltung. „Wenn wir mit der Bahn zu Auswärtsspielen fahren, hat es einen praktischen Vorteil, die Fußgänger dabei zu haben – sie können unsere Rollstühle einladen“, sagt Glinicki. Seine Mundwinkel zucken dabei kein bisschen. War ja auch nicht als Scherz gemeint.

(RP/Medienmannschaft)


ROLLINGPLANET-SPECIAL: Eurobasketball 2013
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