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Heinrich Hütte tritt zurück

Der EU-Behindertenbeauftragte sagt: „Wenn Hubert Hüppe nicht mehr darf, will ich auch nicht“.

Heinrich Hütte, Behindertenbeauftragter der European Union Of Physically Challenged Wisecrackers (EUPCW) (Foto: Karl-Heinz Liebisch/pixelio.de)

Heinrich Hütte, Behindertenbeauftragter der European Union Of Physically Challenged Wisecrackers (EUPCW) (Foto: Karl-Heinz Liebisch/pixelio.de)

Wer gestern Hubert Hüppe (CDU) oder einen seiner Vertrauten im Büro in der Berliner Maurerstraße zu erreichen versuchte, rief vergeblich an. Ans Telefon ging niemand. Da liefen bereits die Abschiedsvorbereitungen, auch für zwei neue behinderte Mitarbeiter, die er noch rechtzeitig vor seiner Ablösung eingestellt hatte: Der 57-Jährige muss sein Amt als Behindertenbeauftragter an die SPD abgeben (ROLLINGPLANET berichtete), weil es die Proporz- und Postenverhandlungen der Großen Koalition das so vorgesehen haben.

War er zu radikal, wie ROLLINGPLANET und die „Welt“ vermuteten? Zu seinem Abschied bekommt Hüppe von allen Seiten Bedauern. „Die Latte liegt hoch“, kommentiert etwa auf kobinet der sehbehinderte Ottmar Miles-Paul, selbst jahrelang Behindertenbeauftragter von Rheinland-Pfalz. „Die Nachricht, dass Hubert Hüppe zukünftig nicht mehr das Amt des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung ausüben wird, hat viele in den Behindertenverbänden Aktive betroffen gemacht.“

Die politische Bilanz von Hüppe

Hubert Hüppe (CDU) im Deutschen Bundestag (Foto: Hüppe)

Hubert Hüppe (CDU) im Deutschen Bundestag (Foto: Hüppe)

Hüppe? Der Mann ist ja nicht tot (sondern immer noch Mitglied des Bundestages), dennoch verdient er an dieser Stelle einen kleinen Nachruf. Hüppe ist ein Freund der klaren Worte, aber kein Lauter. Wer ihn auf Veranstaltungen oder in Diskussionen erlebt, atmet auf, weil der Mann die Kunst der politischen Demagogie so schlecht beherrscht. Hüppe ist Vorstand der CDU, war einst sogar Geschäftsführer ihrer Fraktion, und man fragt sich, wie er das geschafft hat: Auf Kritik reagiert er sensibel und geradezu wehleidig, da kann er noch monatelang später darüber grübeln, warum er aus seiner Sicht ungerechtfertig angegriffen wurde.

Und das geschah nicht selten: Wie kaum ein anderer CDU-Politiker hat sich Hüppe der Behindertenpolitik verschrieben – und bekam dafür auch von Parteifreunden Prügel. Ein CDU-Landesfürst beispielsweise attackierte im Sommer dieses Jahres in einem mehrseitigen Schreiben Hüppe – mit Kopie an die Bundeskanzlerin Merkel.

Ein Gutmensch in aussichtslosen Kämpfen

Wer Hüppe nicht persönlich kennt, wird auch nicht ahnen, dass er ein Mann mit Ironie ist – für solche Zwischentöne ist kein Platz bei seinen Auftritten als unermüdlicher Gutmensch.

Als Hüppe 2009 Nachfolgerin der SPD-Politikerin Karin Evers-Meier wurde, positionierte er das Amt des Behindertenbeauftragten neu, das bis dahin vor allem mit Kulturveranstaltungen aufgefallen war. Weg von der Kultur, hin zur harten Politik – so interpretierte der ehemalige Stadtoberinspektor der Stadt Lünen seine Aufgabe.

Er bewies als oberster Behindertenpolitiker, heutzutage immer seltener bei Vertretern seiner Branche zu finden, Haltung. Auch und gerade bei Positionen, die polarisieren und für die keine Mehrheiten zu finden sind: So kämpfte er ebenso leidenschaftlich wie aussichtslos gegen den Bluttest der Firma Lifecodexx zur Erkennung der Trisomie 21 (Down-Syndrom) und geiselte „Selektion“ an.

Er legte sich dabei mit der seinerzeit noch einflussreichen Merkel-Freundin Annette Schavan an, deren Bundesforschungsministerium die Entwicklung dieses Produktes mit 230.000 Euro gefördert hatte. Er zeigt sich gerne als altmodischer Christ, wenn er gegen die Sterbehilfe eintritt. Regelmäßig mahnte er auch an, die Verbrechen der NS-Zeit nicht zu vergessen. In seinem Wahlkreis Wahlkreis Unna 1 hat ihm sein Engagement für diese Fragen keine Stimmen gebracht – hier verpasste er im September das Direktmandat und zog über die Landesliste in den Bundestag.

Sein Thema war (und bleibt hoffentlich) die Inklusion

Der Vater von drei Kindern setzte sich vehement für Inklusion ein, nicht nur in der Schule, sondern auch im Berufsleben – nicht, weil das heutzutage „schick“ ist, sondern weil er die Probleme authentisch erlebt: Der jüngste seiner drei erwachsenen Söhne ist behindert und sein Vater gerät in Rage, wenn irgendjemand auf die Idee kommt, seinen Filius in eine Behindertenwerkstatt schicken zu wollen. Werkstätten für behinderte Menschen verurteilt Hüppe als das falsche System, aber das war eines der wenigen Themen, die er während seienr Amtszeit nie laut und in dieser Schärfe thematisieren wollte.

Hüppe ist Schirmherr des neuen ROLLINGPLANET-Projektes JOB-INKLUSIVE. Zugesagt hatte er noch vor der Bundestagswahl. Dabei bewies er Größe: „Wollen Sie mich verarschen?“ fragte er uns, als wir ihn um die Schirmherrschaft baten. Immer wieder hatte ROLLINGPLANET Hüppes Arbeit nicht nur gewürdigt, sondern auch kritisiert oder gar ins Lächerliche gezogen.

Heinrich Hütte will nicht mehr

„Deutschlands unwichtigster Beauftragter der Bundesregierung“ haben wir Hüppe mal bezeichnet – nicht weil er seine Arbeit so schlecht gemacht hätte, sondern weil der Einfluss seines Amtes gering ist – ein Ehrenamt, dessen Inhaber außer den Worten nicht viele Instrumente hat. Unsere Ironie ging sogar so weit, dass wir, um die politisch gewollte Bedeutungslosigkeit von Behindertenbeauftragten deutlich zu machen, einen eigenen Behindertenbeauftragten erfanden: Heinrich Hütte.

Heinrich Hütte stellten wir als Behindertenbeauftragten der European Union Of Physically Challenged Wisecrackers (EUPCW) vor, also der Europäischen Vereinigung der körperbehinderten Witzbolde. Nicht alle haben den Scherz verstanden und glauben heute noch, dass Hütte und seine Organisation tatsächlich existieren. Nun ist es an der Zeit, Heinrich Hütte zurücktreten zu lassen. Hütte sagt: „Wenn Hubert Hüppe nicht mehr darf, will ich auch nicht. Hubsi, mach’s gut! Und vielen Dank!“.

(RP)



Eine Quereinsteigerin wird Hüppe-Nachfolgerin
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