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„Helden sind wir nie gewesen“

Er ist eine AP-Legende. Er ist der Star unter den Kriegsfotografen. Seit April 2005 ist der zwei­fache Pulitzer-Preisträger Horst Faas gelähmt. Die größte Herausforderung, seit er den Vietnamkrieg überlebte.

Horst Faas in der Unfallklinik Murnau bei München (Foto: Angelika Ferstl)

Das nachfolgende Interview wurde im November 2005 im Medienmagazin „trueffeljaeger“ veröffentlicht. Geführt wurde es vom damaligen trueffeljaeger-Chefredakteur und späteren „Focus-Campus“-Chefredakteur Loan Brossmer, der als Kind im Vietnamkrieg verwundet wurde. Weil das Gespräch heute noch so aktuell und bewegend wie damals ist, veröffentlicht ROLLINGPLANET jetzt diesen zeitgeschichtlichen Text.

Von 1964 bis 1975 starben während des Kriegs in Vietnam 58.226 amerikanische Soldaten und schätzungsweise 1,5 Millionen Einheimi­sche. Zum ersten Mal brachten Fern­sehen und Zeitungen die Opfer militärischer Aktionen „ins Wohnzimmer“, wie das Phänomen seinerzeit medienpolitisch beschrieben wurde. Die Macht der Bilder bewegte und veränderte die Welt. Wäh­rend Worte nach Wahrheit und Erklärun­gen fahndeten, zeigten Fotos ungerührt eine bis dahin nicht erwartete Realität.

Der Reportagejournalist Horst Faas gehörte zu jenen Männern, die während des Vietnamkriegs „ihren Job“ machten. Als Fotochef von AP (Associated Press) in Saigon war Faas für einige der un­vergesslichen Bilder des vergangenen Jahr­hunderts verantwortlich: Das „Napalm-Mädchen“, 1972 von Nick Ut aufgenommen, und die Erschießung eines Nord­vietnamesen, 1967 von Eddie Adams fotografiert, sind zwei von zahlreichen AP-Aufnahmen, die bis heute Teil der kollektiven Erinnerung sind.

Faas erhielt je zweimal den Pulitzer-Preis (1965 und 1972) und den Robert Capa Award (1965 und 1988). Er repräsentiert mit Malcolm W. Browne, Peter Jennings, Dan Rather, Ted Koppel, Larry Burrows und Eddie Adams eine Generation von Kriegsrepor­tern, wie sie heute nicht mehr anzutreffen ist: Die historische Dimension des Vietnamkriegs mit seinen brutalen Ereig­nissen war bestens geeignet, aus Männern, die sich zwischen Aufklärung und Aben­teuer bewegten, Ikonen ihres Fachs werden zu lassen. Während in Amerika die ehemaligen Vietnamreporter auch Super­stars des Fernsehens wurden, liess sich Faas – damals neben Larry Burrows einer der heimlichen Stars der in Saigon arbeitenden Berichterstatter – weder von Ruhm noch von den Ereig­nissen beeindrucken. „Helden sind wir nie gewesen“, sagt Horst Faas in dem nachfolgenden Interview.

Ein Held will Faas auch jetzt nicht sein. Seit einigen Monaten ist er gelähmt und lernt in der Unfallklinik Murnau bei München, sein neues Leben im Rollstuhl zu bewerkstelligen: „Was soll ich machen? Da muss man halt ein bisschen philosophisch werden.“ Der 72jährige, in Berlin geborene Faas, arbeitete seit seinem 19. Lebensjahr für die amerikanische Nachrichtenagentur AP. Er berichtete von den Kriegen in Algerien, im Kongo, in Bangladesch und Vietnam. Von 1963 bis 1974 lebte und arbeitete Faas in Saigon (heute: Ho Chi Minh Stadt). Kein anderer Reporter war während des Kriegs so lange vor Ort. Im Dezember 1967 wurde Faas durch Granatsplitter an beiden Beinen schwer verwundet, weigerte sich aber, das Land zu verlassen. Nach Kriegsende war Faas bis 2003 AP-Fotochef in London und zuständig für EMEA (Europa, Mittlerer Osten und Afrika).

Sein Respekt vor den Menschen

Am 1. Oktober 2005 nahm Faas in Hannover den Dr.-Erich-Salomon-Preis 2005 der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) entgegen. Die Auszeichnung gilt seinem Lebenswerk als Fotoreporter und Bildredakteur sowie seinem sozialen Engagement. Michael Ebert von der DGPh sagte: „Horst Faas‘ Bilder gehören zweifellos zum Erschütterndsten, was in diesem Genre je entstand. Momente mit einer oft unerträglichen Dramatik, die sich eine beklem­mende Authentizität bewahrt haben, die uns berührt, egal wie oft wir sie sehen. Dass Horst Faas, gefragt nach seinen Vorbildern, als Ersten W. Eugene Smith nennt, ist bezeichnend. Wie Smith empfand auch Faas sich stets als Dokumen­tarist, stellte ebenso hohe Ansprüche an seine journalistische Ethik. Wie bei Smith ist der Respekt vor den Menschen immer elementarer Bestandteil seines Werks.“

Mit trueffeljaeger sprach Horst Faas in der Unfallklinik Murnau bei München über die Zäsur in seinem Leben, seinen Beruf, vergangene Tage und die Qualität des heutigen Fotojournalismus. Die Fragen stellte Loan Brossmer.

„Ich bin doch noch mal davongekommen“

Sie mögen keine aufgeregten Worte. Dennoch: In diesem Frühjahr hat Ihr Leben eine bittere Wendung genommen. Bei einer Reise durch Vietnam rebellierte Ihr Körper, seither sind Sie gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Ausgerechnet in dem Land, in dem Sie über zehn Jahre als Kriegsreporter lebten und arbeiteten, fielen Sie auf der Straße um. Ist das nicht makaber?

FAAS: Meine Kollegen sagten mir, einmal bist Du in Vietnam fast umgekommen, das war 1967, und jetzt bist Du auch wieder fast gestorben. Dieses Mal war der Tod näher als zuvor. Damals wollten sie mir das Bein abschneiden, es ist drangeblieben. Dieses Mal war es schlimm, aber ich bin doch noch mal davongekommen.

Was ist passiert?

FAAS: Ich war am 3. April auf dem Weg nach Hanoi. Plötzlich hatte ich diesen Blut­erguss in der Wirbelsäule. Der hat am sechsten Wirbelknochen angefangen, sich nach unten ergossen und drückte auf das Rückenmark. Dann setzte die Lähmung ein. Das Herz setzte fast aus, und die Nieren versagten. Ich wurde nach Bang­kok gebracht, und nach der Operation sagte der Arzt ganz ruhig: Glauben Sie nicht, dass Sie je wieder laufen können. So ist das halt.

Sie sind seit sieben Monaten in dieser Klinik. Wo wären Sie jetzt gern?

FAAS: Als ich die Bilder von New Orleans sah, sagte ich mir: Da möchte ich gerne sein, in der Mitte von einem Sturm. Schau dir die Bilder an, was wird das für eine Story – phantastisch.

Man wird wahnsinnig, wenn man vom Rollstuhl aus durchs Fenster guckt und lieber in einem Sturm stünde?

FAAS: Ich kann mich ja gar nicht mehr bewegen. Was soll ich machen? Da muss man halt ein bisschen philosophisch werden.

Sie sind soeben mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis für Ihr Lebenswerk, zu dem vor allem Ihre Arbeit während des Vietnamkriegs gehört, ausgezeichnet worden. Indochina galt damals als die Gegend, in der man einmal gewesen sein musste – zumindest als Reporter.

FAAS: Als ich 1962 nach Vietnam kam, war ich schon verhältnismäßig alt, 29 Jahre. Ich wusste eine ganze Menge von Vietnam. Ich hatte schon 1954 mehrere Wochen lang die Friedensverhandlungen in Genf fotografiert. Ich war mit der Vespa von Deutschland aus dorthin gefahren. Und dann hörte man in Genf eine Menge über Indochina. Als ich in Algerien war, schwärmten die dortigen Fremdenlegio­näre, die vorher in Vietnam ihr Unwesen getrieben hatten, von Indochina. Ja, das war das Land, wo man hin musste. Und als mir das Angebot unterbreitet wurde, dorthin zu gehen, habe ich natürlich nicht zweimal überlegt.

Aber Ihr erster Krieg war der im Kongo.

FAAS: Das war 1960. Da war auch Scholl-Latour. Der war später ebenfalls in Vietnam und hat „Tod im Reisfeld“ geschrieben. Kein besonders großartiges Buch, aber es wurde sehr bekannt.

Erzählen Sie mir eine Liebesgeschichte?

Dieses Interview handelt zwangsläufig auch vom Krieg und von Vietnam, wo Sie über ein Jahrzehnt gelebt und gearbeitet haben. Sind Sie einverstanden, wenn wir nicht mit den Toten anfangen? Erzählen Sie mir eine Liebesgeschichte aus jenen Tagen?

FAAS (überlegt): Die einzige schöne Liebesgeschichte, die ich kenne, ist die des „Life“-Fotografen Dick Swanson. In Vietnam lebte er mit einer Frau zusammen, die Fallschirmjägerin bei der süd-vietnamesischen Fallschirmjäger-Brigade war. Alle nannten sie nur Germaine. Als sie im Continental in Saigon heirateten, hatte er sich sogar ein Ao Dai (vietnamesische Tracht, vor allem für Frauen, Anm. d. Red.) angezogen. Für uns war aber vor allem Germaine ein ungewöhnlicher Anblick: Wir hatten sie oft in ihrer Uniform fotografiert, und jetzt sahen wir sie das erste Mal in Zivil. Er hat danach für „Life“ in Hongkong und Saigon weitergearbeitet. Und als das zu Ende ging, hat Dick Swanson nicht nur seine Frau evakuiert, sondern ihre ganze Familie, alle 30 oder 40 Menschen. Da gibt es ein Bild von der Familie in Saigon bei der Hochzeit, und dann noch ein Bild mit all diesen Men­schen in Washington. Der ganze Clan ist ausgewandert. Er hat das mitfinanziert. Als sie in Washington ankamen, hat sie ein Restaurant eröffnet, das hieß Germaine. Dieses Restaurant wurde schnell berühmt, es war ein Hangout für Leute wie Kissinger, und jeder, der nach Washington kam, ging zu Germaine. Swanson war eigentlich nur noch der Empfangschef in dem Restaurant. Er gab seinen Beruf als Foto­graf auf, es mangelte wohl auch ein bisschen an Aufträgen. Mit dem Restaurant war genügend zu tun, es ging mehrere Jahrzehnte lang sehr gut und hat die ganze riesige Familie ernährt. Die Brüder und Schwestern waren Kellner und Köche, im vietnamesischen Stil haben die das Restaurant geschmissen. Als wir unser „Requiem“-Buch in Washington vorstellten, gaben die beiden für uns im Germaine eine Party mit 150 Leuten. Natürlich hatten damals alle irgendwelche Affären, und viele haben geheiratet. Aber in den allermeisten Fällen hat die Liebe den Krieg nicht überlebt.

Manche stellen sich den Krieg als durchgängig krachende und aufregende Veranstaltung vor. Aber in Wirklichkeit haben Sie viele Tage einfach nur mit War­ten verbracht. Das Verblüffende war, dass der Krieg furchtbar langweilig sein konnte?

FAAS: Krieg ist 99 Prozent Langweiligkeit und ein Prozent Adrenalin. Man kann nur warten, dass der erste Verwundete einge­liefert wird. Ich war bei so vielen Einsät­zen dabei, bei denen überhaupt nichts geschah. Man musste mit den Truppen zwei bis drei Wochen durch den Dschungel, jagte Schatten nach, aber am Ende kam nichts dabei heraus.

„Sie können nicht abhauen, Sie müssen mitlaufen“

Man läuft durch den Dschungel und langweilt sich, weil man noch nicht erschossen worden ist?

FAAS: Wenn man durch den Dschungel geht, wartet man darauf, dass auf einen geschossen wird. Dann ist man sechs Tage unterwegs, und nichts passiert. Es regnet, es ist heiß, man muss durch allen möglichen Schlamm oder bergauf. Sie können nicht abhauen, Sie müssen mitlaufen. Wenn Sie nicht mitlaufen können, dann bleiben Sie zurück, und das ist gefährlich.

Aber ich bin bei vielen Opera­tionen gewesen, bei denen absolut nichts passierte. Oder es passiert was, zweieinhalb Meter von Dir entfernt im Dschungel, und es hat 40 Tote gegeben, aber man kam nicht hin. Man kann nicht rüberlaufen, obwohl es nur zweieinhalb Meter sind. Die Leute stellen sich ja gerne vor, dass man da hinrennt und fotografiert. Das ist da drüben, und ich bin hier, und dazwischen – wer weiß, was da ist, Minen, Vietkong.

Das hört sich gelassen an. Sie hatten nie Angst?

FAAS: Natürlich hat man Angst gehabt. Wenn man keine Angst hat, ist man ein Idiot. Wenn Sie in einem Hubschrauber sitzen, und plötzlich sehen Sie vier Löcher und Sie können durch die Hubschrauber­wand in den Himmel sehen, dann sagt man sich: oh Shit. Ich bin dauernd in Gefahr gewesen, aber ich bin nicht dauernd getroffen worden.

Hatten Sie ein Ritual für solche Situationen? Man könnte ja, beispielsweise, zu beten anfangen. Ja, ich glaube, das hätte ich gemacht.

FAAS: Nee, schnell raus und hoffen, dass das Ding nicht brennt. Da ist immer die Gefahr, dass der Benzintank getroffen wird.

„Ich bin oft weggegangen und nach einer Stunde wiedergekommen“

Sie waren immer sicher, dass Sie heil rauskommen?

FAAS: Nein, durchaus nicht. Ich habe eine ganze Reihe meiner Kollegen beerdigen müssen. Da denkt man natürlich: Cutting close.

Welche Emotionen hat man, wenn man sterbende Menschen fotografiert?

FAAS: Wir sind da täglich raus, so wie man heute zum Stock Market geht. Man muss schon Abstand gewinnen. Ranlassen dürfen Sie das nicht, und Ihre Meinung dürfen Sie auch nicht sagen. Das ist nicht so einfach. Ich habe eine Menge Tote im Kongo gesehen und wesentlich mehr in Algerien, als ich je in Vietnam gesehen habe. Dafür war die Folterei in Vietnam schlimmer.

Sie fürchteten nie, instrumentalisiert zu werden, etwa von den Tätern, die in aller Öffentlichkeit folterten?

FAAS: Es stellte sich oft die Frage: Sind die Opfer gefoltert worden, weil ein Fotograf da war? Die Antwort lautete: Nein. Ich bin oft weggegangen und nach einer Stunde wiedergekommen, und sie waren immer noch dabei, jemanden zu foltern. Dann habe ich noch einmal Bilder gemacht, das hat die gar nicht gestört. Und die Amerikaner standen dabei und haben gesagt: So sind halt die Kommu­nisten, da können wir auch nichts machen.

Die Selbstverbrennungen Anfang der sechziger Jahre in Saigon waren für Sie ein journalistisch willkommenes Ereignis.

FAAS: Das war ja clever vorbereitet von den Buddhisten, die haben das schon Monate vorher angekündigt, dass sich da jemand verbrennen wird. Nur wann, das war die Frage.

„Nach jedem verbrannten Mönch hat er die Presse zu einem großen Essen eingeladen“

Und auch da haben Sie sich nie gefragt, ob Sie benutzt werden?

FAAS: Die bevorstehenden Selbstverbren­nungen waren allgemein bekannt, das wurde ja in den Predigten der Buddhisten angekündigt. Sie redeten davon, dass sich einer verbrennen würde, nur wann und wo, das wusste man nicht. Wir hatten zwei Kameras bereit und waren stets bereit, zur Stelle zu sein konnte, wenn ein Hinweis von Buddhistenführer Thich Quang Duc kam. Netter Mann. Nach jedem verbrannten Mönch hat er die Presse zu einem großen Essen eingeladen, es gab gutes vegetarisches Essen. Als die Selbstverbrennung von Thich Quang Duc angekündigt wurde, überließ ich die Anwesenheit in Saigon meinem Kollegen Malcolm Browne, der mit einem vietnamesischen Kollegen blieb. Die beiden waren mit den richtigen Kameras ausgerüstet, alles war fertig für den Moment, wenn sich Thich Quang Duc verbrennt.

War es nicht auch Ihr AP-Mann Malcolm Browne, der den Buddhisten einen Tipp gab, wie eine Selbstver­brennung am besten funktioniert?

FAAS: Eines Morgens kamen sie zu uns ins Büro und machte so eine Andeutung, dass Quang Duc sich verbrennen würde. Malcolm Browne war Chemiker. Und sie fragten uns, ob Hubschrauberbenzin schneller brennt als normales Benzin. Malcolm Browne sagte: ja natürlich, das ist ja der Sinn von solchen Benzinen für Flugzeuge und Hub­schrauber. Woraufhin sie meinten, dann müssten sie das besorgen. Das haben sie dann auch gemacht für den Mönch, der sich verbrannt hat.

Es gibt ein relativ unbekanntes Bild, das mich mehr berührt hat als das „Napalm-Mädchen“ Kim Phuc. Es zeigt den damaligen US-Verteidigungsminister McNamara allein in seinem Büro, ein Mensch mit allen Insignien der Macht, der vielleicht soeben, fernab von Kriegsschauplätzen, das „Body Counting“, also die Erfolgsmel­dungen über getötete Vietkong, erfindet. Diese Kühle, diese Arroganz des McNamara, eingefangen von der Kamera, hat mich mehr schockiert als andere Fotos aus dem Vietnamkrieg.

FAAS: Sie interpretieren da was rein, das der Fotograf vielleicht gar nicht gesehen hat. Aber es war vermutlich ein gutes Bild, vielleicht zeigt es den Politiker in einem nicht posierenden Moment. Das macht schon mal ein gutes Bild aus. Aber ich würde sagen, in 99 Prozent der Fälle hat ein Agenturfotograf überhaupt keine Absicht mit seinem Bild. Man fotografiert im Affekt, was gerade vor der Nase passiert. Und am Ende eines Tages oder am Ende einer viertägigen militärischen Operation geht man das Material durch und fragt sich: Was ist neu, was ist anders? Man kann nicht jeden Tag das gleiche Motiv verschicken. Es wiederholt sich. Nur wenn es etwas Besonderes ist, vielleicht besonders grotesk ist, dann wird so ein Bild beachtet.

„Wie das rauschende Wasser in einer Toilette“

Was macht ein gutes Bild aus?

FAAS: Dass es in den Zeitungen ist. Wenn man der Überzeugung ist, ein gutes Bild zu haben, aber es erscheint nicht in den Zeitungen, dann nützt einem das gar nichts, und es ist eine private Meinung. Aber wenn ein Bild in jeder Zeitung der Welt erscheint, ist es, kein Zweifel, ein gutes Bild. Selbst wenn man sagt, da ist nichts Besonderes dabei, zum Beispiel das Nick-Ut-Bild (mit dem „Napalm-Mädchen“, Anm. d. Red.). Als ich das sah, wusste ich, dass es ein Renner wird. Ich wusste aber auch, dass es anfangs eine ganze Reihe von Zeitungen nicht verwenden würde, weil es ein nacktes Mädchen zeigt. Die meisten Zeitungen waren da sehr altmodisch und zurückhaltend. Aber das Bild war so gut, dass es doch in der Mehrheit der Zeitungen groß erschienen ist und eine Riesen-Kontro­verse hervorgerufen hat.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man morgens aufwacht und denkt, heute muss ich ein Bild liefern, das die Welt bewegt?

FAAS: Das muss man jeden Tag. Wenn man bei einer Nachrichtenagentur arbeitet, muss man jeden Tag das Bild des Tages liefern. Die Anspannung bei der Agentur ist riesig. Wenn UPI mal ein besseres Bild hatte, haben sie mich genauso fertig gemacht, wie der UPI-Mann fertig gemacht wurde, wenn ich das bessere Bild hatte. Die Konkurrenz war sehr stark.

Es gab aber trotzdem viele Bilder, die Sie damals nicht gezeigt haben.

FAAS: Ja, wir haben sehr oft Bilder nicht verwendet, weil sie zu brutal waren. Das war die Selbstzensur. Das waren die ungeschriebenen Regeln des guten Geschmacks, der Anständigkeit und der Fairness. Ein Foto etwa zeigte Ameri­kaner mit Köpfen von toten Vietkongs, toten Nordvietnamesen. Das wäre vollkommen missverstanden worden. Jetzt hat es irgendeiner veröffentlicht.

Wie gehen die Bilder wieder aus dem Kopf?

FAAS: Ich habe doch Zehntausende von Bildern gemacht. Das läuft halt, die Ereignisse gehen durch wie das rauschende Wasser in einer Toilette.

Sie sind einer der großen Kriegs­reporter Ihrer Generation.

Wegen Vietnam haben viele junge und damals unerfahrene Journalisten vom Fernsehen große Karriere gemacht. Die treten jetzt der Reihe nach ab: Peter Jennings ist gerade gestorben, Dan Rather ist in den Ruhestand gegangen. Nur Ted Koppel sieht man noch im amerikanischen Fernsehen. Die berühmten Namen, die waren damals alle Jung­reporter. Ich war schon zehn Jahre älter als die. Die haben mich respektiert, weil ich vorher im Kongo und in Algerien war.

„Wir haben alle unsere Vorbilder gehabt“

Wer aus Ihrer Gruppe hat Sie am meisten beeindruckt?

FAAS: Wir haben alle unsere Vorbilder gehabt, Larry Burrows war so der Primus inter Pares.

Was hat ihn geadelt?

FAAS: Der war noch ein bisschen älter als ich. Er hatte eine lebenslange Ver­bindung zu „Life“ und kannte Capa. Er war ein unwahrscheinlich netter Mensch, sehr kultiviert. Ein Ur-Engländer, der zog sich jeden Abend zum Essen um und tauchte immer mit dem Schlips auf, während die anderen oft Räuberzivil trugen, was nicht unbedingt gut ankam.

Wusste man, dass man ein Held ist?

FAAS: Helden sind wir nie gewesen. Wenn man jemanden traf, der sich wie ein Held vorkam, dann hielt man sich lieber fern von dem.

Und niemand wollte ein Held sein?

FAAS: Wer plötzlich schwierig wird, den muss man schnell zurückziehen, der ist nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern auch eine Gefahr für andere. Meine Aufgabe war es oft, Leute aus der AP zu entfernen, die sich nicht professionell verhielten. Die immer mit Pistolen herumliefen und Cowboy oder Rambo spielten. Das ist das Letzte, was man braucht.

Okay, Held ist ein törichter Begriff für einen Reporter im Krieg. Wie wäre es damit: Sie sind ein berühmtes Vorbild für alle, die mit Kriegsreportern eine eigentümliche Faszination verbinden?

FAAS: Damals war es doch viel einfacher, berühmt zu werden. Denken Sie daran, wer alles im Irak herumlief. Als der Krieg losging, tummelten sich da Hunderte. In Vietnam waren wir in normalen Zeiten nur sechs bis sieben Fotografen und unsere vietnamesischen Kollegen, die waren hochgeschätzt. Der Journalismus damals war ein anderer. Es gab im Gegen­satz zu heute immer nur eine große Geschichte, ein halbes Jahr Kongo, dann Algerien, dann Laos – und bei diesen Ereignissen trafen sich immer wieder die gleichen Journalisten, die gleichen Foto­grafen und Kamerateams. Also wenn man einmal dabei war, traf man sich immer wieder, und wenn wie damals in Vietnam drei oder vier bekannte Leute in den Ring geschickt wurden, dann passte die Konkurrenz auf, dass auch ihre Leute hingeschickt wurden.

Vor einigen Jahren traf ich einen Vietnamreporter, der prahlte, wie viel er damals gesoffen habe.

FAAS: Wenn Sie viel saufen und morgens in den Sumpf springen müssen und dann hinter einer vietnamesischen Einheit hinterherrennen, haben Sie kaum Chancen, den Mittag zu erleben. Die Vietnamesen waren schnell und gut. Bei den Ameri­kanern war es leicht, mitzuhalten, aber die Vietnamesen waren physisch so fit, dass es ganz schwer war für einen Westler, da mitzukommen, wenn etwas los war. Natürlich gab es Alkohol und Drogen, aber nicht bei AP. Ich habe die Leute sofort gefeuert, wenn sie im Büro ein Dope geraucht oder sich gespritzt haben. Es gab viele, die uns nicht gut gesonnen waren, und die warteten nur auf eine Gelegenheit, zu sagen: Die nehmen Drogen oder sind besoffen, wenn sie schreiben. Das hätte schnell danebengehen können.

„Wenn man nur ein bisschen zögert, haut es nicht hin“

Sie waren Beobachter und kein Moralist. Aber hat man nicht doch manchmal mit den Amerikanern zusammengesessen und über den Sinn des Kriegs gesprochen?

FAAS: Endlos. Die Quelle für viele Infor­mationen waren wir Journalisten, die ja in Vietnam lebten. Die Soldaten kamen und gingen für ein Jahr, das war die amerikanische Tour of Beauty. Dann kehrten sie nach Amerika zurück. Und wenn sie Berufsoldaten waren, waren sie zwei Jahre später wieder da. Die kamen nach Vietnam zurück und riefen bei AP an und fragten, ob Horst Faas noch da ist. Dann haben sie mich zu ihrer Einheit eingeladen und sich erkundigt: Was ist hier los? Erzähl mir mal, was in den‚ letzten zwei, drei Jahren passiert ist. Wir Journalisten waren zum großen Teil besser informiert und deshalb auch sehr akzeptiert. Das hat mir auch Spaß gemacht, mit denen endlos zu reden, man hat ja viel Zeit gehabt. Viele Operationen waren ja so langweilig.

Wie war das, als einer Ihrer Männer, Eddie Adams, mit dem Foto ankam, das die Hinrichtung eines Vietnamesen zeigte und um die Welt ging?

FAAS: Ja, der war auch bei AP. Nachdem er das Foto gemacht hatte und der Film noch nicht entwickelt war, sagte er nur: „Alles in Ordnung.“ Wir wussten natürlich, dass er was hat. Er wusste nicht, dass er die Exekution so auf die 1000stel Sekunde genau hatte, denn damals hat man ja nicht mit Motor fotografiert, sondern den Film per Hand weitergedreht. Das richtig hinzukriegen, war Glück. Wenn man nur ein bisschen zögert, haut es nicht hin. Eddie ging nach New York. Er hat sich zu einem der begabtesten amerikanischen Fotografen entwickelt. Der war Allrounder und hat wunderbare Porträts und nackte Mädchen für Pent­house fotografiert. Er ist voriges Jahr an der furchtbaren Krankheit ALS gestorben, bei der man so dahinsiecht.

Und Sie wollten nie nackte Mäd­chen statt tote Männer fotografieren?

FAAS: Ich hab’s nie gemacht, ich war immer bei der Nachrichtenagentur.

Während des Irak-Kriegs wurde der sogenannte eingebettete Kriegsjournalis­mus kritisiert.

FAAS: Das sagen Menschen, die keine Ahnung haben. Wir sind auch eingebettet gewesen. Man kann mit einer militärischen Einheit nur reisen, wenn man Teil der Einheit ist, wenn man die Zustim­mung des Kommandeurs hat, die Zustimmung der Soldaten, die Zustimmung der Leute, die um einen herum sind. Man kann nicht einfach nebenherlaufen und sagen, Ihr mögt mich nicht, aber ich habe das Recht mitzukommen, weil ich ein großer Jour­nalist bin und das Recht habe, hier zu fotografieren. Keiner hat das Recht, es ist ein Privileg. In Vietnam haben wir den Offizieren immer gesagt, es ist ein großes Privileg, bei euch zu sein. Man ist ja für die auch ein Risiko. Was ist, wenn einem Journalisten was passiert? Dann müssen die einen ja raustragen.

Warum sollte es sich lohnen, für einen Krieg sein Leben aufs Spiel zu setzen, nur weil man Reporter ist? Man hat auch als Journalist Verantwortung – gegenüber seiner Familie etwa …

FAAS: Wenn einer drei kleine Kinder hat, dann soll der nicht in den Irak gehen, natürlich nicht. Die drei Kinder brauchen ihren Vater, so ein Fotograf ist schnell vergessen. Als verantwortlicher Redak­teur würde ich so einen auch nicht hinschicken, ebenso wenig wie einen 20jährigen, der vollkommen unerfahren ist und sich unvorsichtig benimmt.

„Wir haben viel zu viele Fotografen“

Was halten Sie vom heutigen Fotojournalismus?

FAAS: Der ist alive and well. Es werden mehr Bilder veröffentlicht als je zuvor, die Qualität ist besser geworden, die Fotografie ist exzellent, die Technik ist unschlagbar. Sie können sieben Bilder pro Sekunde machen. Wir haben ein Bild in der Sekunde gemacht, wenn überhaupt. Wir haben jetzt Übertragungsmög­lichkeiten, die einfach und elegant sind, während wir damals mit Radiowellen übertragen haben. Langsam und mühselig ging das, und wenn die Bilder endlich bei den Zeitungen waren, hatten sie Linien, Punkte und Flecken. Die Qualität war nicht so wie von Gamma und Sigma oder Life, weil es unsere Aufgabe war, schnelle Bilder zu liefern. Heute liefern Sie schnelle und hochqualitative Bilder. Außerdem haben wir inzwischen massenhaft Talente. Viel zu viele Fotografen.

Gibt es Talente, die Sie beeindrucken?

FAAS: Es gibt wirklich eine Menge guter Fotografen, schauen Sie sich nur die Bilder von New Orleans an, das sind ja nicht Bilder von Fotografen, die aus der ganzen Welt zusammengetrommelt werden, sondern das sind lokale Fotografen.

Wie sehen Sie die Qualität der Agenturen heute?

FAAS: Es hat noch nie so eine gute Zeit für Agenturen gegeben wie heute. Ich würde sagen, dass AP, Reuters und Getty 95 Prozent aller Bilder liefern. Schauen Sie sich „Stern“ oder „View“ an. Die großen Agenturen kontrollieren den Markt. Sie können heute ohne weiteres nur von AP leben, wenn Sie wollen. Ab und zu ver­passen Sie vielleicht etwas, aber im Großen und Ganzen machen wir alles. Wenn ich beispielsweise bei der „Süd­deutschen“ wäre, würde ich zwei Agenturen nehmen, eine internationale und dpa, und damit hat es sich. Vielleicht noch ein paar Sportagenturen, die sich um deutsche Ereignisse kümmern. Wenn es um ein deutsches Fußballspiel im Inland geht, dann ist die AP vielleicht nicht der beste Lieferant, aber wenn es um ein deutsches Fußballspiel in Athen oder Izmir geht, dann sind wir stark und professionell. (Faas klopft wild auf den Tisch und beschreibt mit seinen Händen ein Fuß­ballstadion und die Positionen, wo sich Fotografen hinstellen müssen.) Und keine Zeitung in Deutsch­land schickt Leute um die halbe Welt, um ein Fußballspiel zu fotographie­ren. Früher waren sie alle da, heute nicht mehr.

Aber es ist ein harter Kampf um die besten Plätze.

FAAS: Alle kämpfen. Diese Massen von Fotografen, die Sie sehen – keiner weiß, wo die herkommen. Manchmal sind da 30 bis 40 Fotografen in so einem Pulk, aber man weiß genau, dass bloß drei oder vier von denen am nächsten Morgen ihre Bilder in den Zeitungen haben, das sind die Agenturfotografen. Man braucht keine Bilder von Merkel und Schröder, die ein anderer als jemand von der Agentur gemacht hat. Sie verpassen ja nichts mehr mit den schnellen Kameras.

„Als ich herkam, war es Frühling, jetzt wird es Herbst“

Übermorgen werden Sie operiert. Wie lange müssen Sie noch in dieser Klinik bleiben?

FAAS: Einen Monat vielleicht noch. Meine Frau und ich lebten bisher in London, da kann ich nicht wieder zurück. Ich komme nicht mehr in meine Wohnung, die ist im 3. und 4. Stock, ohne Aufzug. Die gehört mir, und ich wollte sie als zentrale Basis für meine Vorhaben verwenden. Ich muss sie aufgeben. Meine Frau ist gerade dabei, alles einzupacken. Ich habe nun eine Wohnung in München gemietet, die rollstuhlgerecht ist. Als ich herkam, war es Frühling, jetzt wird es Herbst, ich hoffe, dass ich nicht auch noch den ersten Schnee hier in der Klinik erlebe.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre Rehabilitation.

Foto: Der Ausriss aus dem Magazin „trueffeljaeger“, dem wir dieses Interview entnommen haben, zeigt zwei der berühmtesten Fotos, die AP-Chef Horst Faas über die Nachrichtenagentur verschickte und die bis heute im kollektiven Gedächtnis geblieben sind.

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1 Kommentar

  • Mehmet

    Ein tolles Interview. Ich studiere demnächst Fotografie, das hat mich sehr interessiert.

    1. Januar 2012 at 15:20

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