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Helmut Gotschy: „Der geschenkte Traum“

Der Weltklasse-Drehleierbauer mit Polio verkaufte seine Werkstatt, um Bücher zu schreiben. Jetzt liegt sein neuer Roman vor. Eine Rezension von Lothar Epe.

Eine Französische Lautendrehleier aus der Werkstatt Gotschy (Foto: Gotschy)

Eine Französische Lautendrehleier aus der Werkstatt Gotschy (Foto: Gotschy)

Plötzlich wird Wilhelm Meerbusch klar, dass er ein neues Leben beginnen muss.

„In der Hand den Brief, der auf dem Küchentisch gelegen hatte. Die paar Zeilen, mit Tinte geschrieben, in denen sie behauptete, es täte ihr unendlich leid, sie es nicht böse gemeint hätte, und dass er ihr die Heizkostenabrechnung zuschicken sollte. An ihre neue Adresse! Bei ihrem neuen Typen! Und dann dachte er gar nichts mehr. Saß da und starrte aus dem Fenster. Sah den Schneeflocken zu, die sich auf den gerade aufgeblühten Krokussen niederließen und sie begruben. Immer mehr Schnee, bis nur noch einzelne Grashalme hervorspitzten, zartes Grün aus kaltem Weiß. Und das ausgerechnet am ersten Mai.“

Vom Drehleierbauer zum Schriftsteller

GotschyWas dann geschieht, hat viel mit Helmut Gotschy (Foto) zu tun. Gotschy, 1953 in Neu-Ulm geboren und aufgewachsen, ist verheiratet und hat drei Kinder. Als Kind erwischt ihn die Kinderlähmung, weshalb er seitdem schwerbehindert ist.

Seiner inneren Stimme folgend und entgegen aller Ratschläge aus seinem Umfeld wird er zunächst Gitarrenbauer, um über diesen Umweg als Drehleierbauer an die Weltspitze dieser Zunft zu gelangen. Über 1200 dieser Instrumente werden heute in mehr als 30 Ländern gespielt.

Ein sich als Folge der durchgemachten Kinderlähmung entwickelndes Post-Polio-Syndrom zwingt ihn nach mehr als 30 Jahren, seine Werkstatt zu verkaufen, weshalb er sich seit 2008 dem Verfassen von Büchern widmet. Über ein Studium „Kreatives Schreiben“ als Stipendiat bei Rüdiger Heins, das er mit Bestnote abschließt, wird er zum Schriftsteller. Und was für einer!

Ein autobiografischer Roman

Dies beweist Gotschys neuestes Buch „Der geschenkte Traum“, das von Wilhelm Meerbusch, seinem Alter Ego, handelt. Dieser hat viele Semester vergeblich studiert, bis er beschließt, Gitarrenbauer zu werden. Vor Antritt der Lehrstelle experimentiert er auf eigene Faust in einer kleinen Werkstatt. Eines Tages begegnet er dem Mädchen mit der Drehleier. Doch Wilhelm ist weniger von diesem Mädchen fasziniert, als vielmehr von dem Instrument, das es spielt.

Von einem Moment zum anderen ist er behext und verfolgt von nur noch einem einzigen Traum. Er will diese seltsame Instrumente bauen. Doch das genügt ihm nicht. Sein Ziel ist es, davon leben zu können, und es als Instrumentenbauer bis an die Weltspitze zu schaffen. Doch das Schicksal wirft ihm immer wieder Steine vor die Füße.

Kurze Sätze und dichte Sprache

In kurzen Sätzen und mit einer unglaublich dichten Sprache erzählt Gotschy von seinem gelebten Traum, den er als Geschenk empfindet. Kopfkino pur! Nachdem ich den Roman zu lesen begonnen habe, bin ich kaum in der Lage, das Buch aus der Hand zu legen, bevor ich es zu Ende gelesen habe.

„Der geschenkte Traum“ ist der zweite Roman von Gotschy nach seinem Erstlingswerk „Papaya mit Rosinen“ (2009). Daneben hat er ein Standardwerk über den Bau von Drehleiern (2010) – das bereits in zweiter Auflage vorliegt und zum Standardwerk dieses Genres avancierte – und einen Band mit Kurzgeschichten (Storch und andere Geschichten 2011) veröffentlicht.

Vor mir liegt ein glasklares biografisches Manuskript. Ohne auch nur eine unnötige Länge erzählt uns der Autor sein Leben. Und das tut er sehr gut. Von der Kindheit bis zu dem Zeitpunkt, als er sich dann endlich doch entschließt, seine Werkstatt für Drehleierbau aufzugeben, weil er sich wegen eines Post-Polio-Syndroms letztlich eingestehen muss, dass er körperlich einfach nicht mehr dazu in der Lage ist, seine Werkstatt weiter zu betreiben.

Ein Traum geht, ein Traum kommt

cover_gotschy003.cdrDoch nicht, ohne bis dahin einen neuen Traum entwickelt zu haben. Denn schließlich schränkt ihn seine Behinderung zwar körperlich ein. Aber das Leben ist damit nicht zu Ende. Und es bleibt jede Menge Zeit, einen neuen Traum zu leben. Rüdiger Hess von Radio eXperimenta urteilte: „Der ehemalige Drehleierbauer betreibt seine Erzählkunst mit der gleichen Leidenschaft wie zuvor seinen Drehleierbau.“

Auch das neue Buch kommt, wie schon „Papaya mit Rosinen“, nicht weinerlich daher, so nach dem Motto: „Wie ich eine schwere Behinderung durchmachte und wie ich dann heldenhaft damit fertig wurde“. Gotschy hat auch in diesem Roman mit seiner permanent bohrenden Neugier und unermüdlichem Schaffensdrang seinen Traum gelebt und lebt ihn noch.

Dabei ist der Roman angenehm unspektakulär und gleichzeitig trotzdem sehr spannend zu lesen. Vom Anfang bis zum Ende.

Leseprobe: http://www.papayabuch.de/wp-content/uploads/2013/03/LP-Traum_doc.pdf

Helmut Gotschy: Der geschenkte Traum. Roman. Gerhard Hess Verlag, März 2013, Taschenbuch, 17,95 Euro, ISBN 978-3-87336-417-2


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(RP)

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