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Helmut Gotschy: „Papaya mit Rosinen“ – Eine Reise durch ein entfesseltes Leben

Wolfgang ist mein Freund. Gemeinsam schreiten wir durchs Leben, bestehen ein Abenteuer nach dem anderen, eines atemberaubender als das andere.

Wolfgang nimmt mich an die Hand, auf dem Weg durch sein Polioleben, weil das auch mein Leben ist.

Beide hatten wir Kinderlähmung und beide schlagen uns heute mit dem Post-Polio-Syndrom herum.

Beide haben wir von früher Kindheit an ein Humpelbein, einen fast identischen Musikgeschmack, hatten Probleme mit Frauen, die ähnlicher nicht sein können.

Beide sind wir verheiratet und haben jeweils drei erwachsene Kinder. Und beide haben wir das Studium der Erziehungswissenschaften abgebrochen, um gleich anschließend etwas völlig anderes auszuprobieren.

Beide haben wir auf der Suche nach dem richtigen Weg ständig neue Wege beschritten, weil wir keine Zeit hatten, Jahre darauf zu warten, ob denn der jeweils eingeschlagene Weg auch der richtige ist und weil wir genau wussten, dass er das nicht war, natürlich ohne zu wissen, welcher der richtige ist.

Beide waren wir hungrig auf das Leben. Und beide haben wir uns dabei ständig zuviel zugemutet, wobei uns dieser Umstand mit zunehmenden Alter folgerichtig immer schwerer zusetzte, wegen der zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen, die uns heute für das büßen lassen, was wir uns damals an Zuviel geleistet haben.

Immer wollten wir trotz unserer nicht unerheblichen körperlichen Einschränkungen nicht nur genauso gut wie die Anderen sein, sondern immer noch einen Zacken besser. Dabei waren wir eigentlich, wie wir heute wissen, schon bei “normaler” Belastung kräftemäßig völlig überfordert.

Die Rede ist hier aber von einem Leben, dass erfüllt war und es deshalb keine Alternative gab und auch nicht geben durfte.

Auch wegen der Gemeinsamkeiten in unserem Lebenslauf fasziniert mich der vorliegende Roman. Doch wie sollte das nützlich sein, wenn das Buch nicht gut geschrieben wäre, nicht fesseln würde?

Als ich mir mit der Absicht, dieses Buch zu besprechen, vorgenommen hatte, jeden Abschnitt kritisch zu hinterfragen, jeden einzelnen Satz zu zerpflücken, zu sezieren, machte ich mir dabei am Anfang noch jede Menge Notizen.

Nachdem ich aber ein paar Seiten des Buches gelesen hatte, nahm ich den Bleistift immer seltener in die Hand, weil mich die Unterbrechungen ständig vom Lesen abhielten und mir den Genuss an diesem Buch zu vermiesen drohten.

Dieser Roman rockt. Er ist voller Ritchie Blackmores, Phil Collins’ und Rory Gallaghers, durchtränkt mit irischer Deftigkeit, Sri Lanka-Exotik, indischer Armut und afghanischer Brutalität, und immer wieder nimmt man einen tiefen Zug aus einer “Tüte”

Überhaupt ist dieses Buch voller intensiver Gerüche, duftend und stinkend zugleich, alles vermischt sich zu prallem Leben.

Prall gefüllt ist es auch mit Wut und Verzweiflung, Hass, Resignation und mit Eifersucht. Aber es ist auch voller Vergebung und Hoffnung, Liebe, Zärtlichkeit und Demut.

Bei dem vorliegenden Roman handelt es sich um einen autobiografisches Buch, das sich auf zwei Handlungsebenen abspielt.

Ausgangspunkt und Handlungsrahmen ist ein Ayurveda-Resort auf Sri Lanka, von wo aus der Autor immer wieder weite Ausflüge in sein zurückliegendes Leben unternimmt.

Wenn man so will, sind es zwei Romane. Der eine spielt in einem Ayurveda-Resort und hat in gewisser Weise Ähnlichkeit mit einem Liebesroman im klassischen Sinne, in dem sicher auch einige Klischees bedient werden, der aber immer glaubwürdig “rüberkommt”.

Der andere Roman erzählt in spannenden Episoden die Geschichte eines Menschen, dem bei seinen Unternehmungen durch das Leben ständig seine Behinderung im Wege ist, wobei der Autor nie davor zurück schreckt, die durch die Behinderung “einbebauten Bremsen” ständig zu ignorieren, sie in Kauf zunehmen, ja, sie geradezu herauszufordern.

Dieses Leben beschreibt der Autor sehr detailliert, mal einfühlsam und liebevoll, mal drastisch, aber immer schlüssig und nachvollziehbar, ohne dabei das Buch künstlich in die Länge zu ziehen.

Beide “Elemente” des Romans sind hier geschickt miteinander verwoben, sodass die Handlungsebenen des Romans schließlich zu einer Einheit werden.

Der Autor des vorliegenden Romans, Helmut Gotschy, wurde am 6. Mai 1953 in Neu-Ulm geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Über den Umweg des Gitarrenbauers hat er zum Drehleierbau gefunden und ist ca. 30 Jahre später einer der führenden seiner Zunft in Europa.

Und seit einiger Zeit ist er nun auch Schriftsteller, und was für einer!

Der vorliegende Roman ist ein Muss für jeden “Polionauten“.

Für “Normalsterbliche” ist es eine gleichsam anspruchsvolle und unterhaltsame Lektüre, und außerdem eine hervorragende Möglichkeit, sich äußerst kurzweilig über die Polio und ihre Spätfolgen zu informieren. Auch deshalb ist das Buch so wichtig.

Denn während wir, die wir in Selbsthilfegruppen stetig und seit Jahren versuchen, mit großer Mühe und unter widrigsten Umständen der allgemeinen Ignoranz entgegen zu treten und die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass diese Poliospätfolgen tatsächlich existieren und nicht nur ein Hirngespinnst von ein paar in der Weltgeschichte herumgeisternden Idioten sind, gelingt es dem Autor hier mit spielerischer Leichtigkeit, allein mit der Macht des Wortes über die Poliospätfolgen aufzuklären, in dem er einfach nur aus seinem Leben erzählt.

Nicht nur darum, aber auch deshalb wünsche ich dem Autor, dass der Roman ein großer Erfolg wird.

Das Buch kostet 17,80 Euro, liegt in Hardcoverausfertigung vor und hat einen Leinen Schutzumschlag.

Der Roman ist erschienen im März 2009 im Fünf-Raben-Verlag.

Lese-/Hörproben finden Sie hier: Papaya mit Rosinen

Weitere Informationen über das Buch finden sie hier: Papaya mit Rosinen

Weiter Informationen über den Autor finden Sie hier: Helmut Gotschy als Autor

Und hier: Helmut Gotschy als Drehleierbauer

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Lothar Epe

Lothar Epe

Dieser Beitrag erscheint als unabhängiges Blog auf ROLLINGPLANET. Er wurde von der Redaktion weder geprüft noch muss er unsere Meinung wiedergeben. Auf ROLLINGPLANET können alle User – die etwas zu sagen haben – ihr eigenes Blog veröffentlichen. Lothar Epe ist verheiratet und hat drei Kinder. Als 56-Jähriger begann er 2011 ein Studium an der Freien Journalistenschule in Berlin. Er hat das Post-Polio-Syndrom (Spätfolge der als Kind durchgemachten Poliomyelitis). Bei ROLLINGPLANET tritt Epe zweifach auf: Als ROLLINGPLANET-Redakteur und hier als privater Blogger, der unabhängig von der Redaktion schreibt, was ihm wichtig ist. Zum ausführlichen Profil.

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