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Helmut Kohl gestorben: Er war der Kanzler der Einheit (und ein zäher Rollstuhlfahrer)

Die Welt verliert eine prägende Persönlichkeit der Nachkriegszeit. Der Mann der Rekorde wurde 87 Jahre alt.

Helmut Kohl im Frühjahr 2013 in Bad Wiessee am Ufer des Tegernsees. (Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Helmut Kohl im Frühjahr 2013 in Bad Wiessee am Ufer des Tegernsees. (Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Helmut Kohl, Kanzler der Einheit und Wegbereiter der Europäischen Union, ist tot. Der langjährige CDU-Vorsitzende starb im Alter von Jahren am 87 Jahren, wie sein Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner am Freitag mitteilte,

Den Angaben zufolge starb Kohl am Morgen in seinem Haus in Ludwigshafen. Seit einem Sturz und Schädel-Hirn-Trauma 2008 war er schwer krank, saß im Rollstuhl und konnte nur schwer sprechen. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert. Nach Operationen lag er monatelang im Krankenhaus. Im Herbst kehrte Kohl aber wieder in sein Haus in Ludwigshafen-Oggersheim zurück, wo er zuletzt im April 2016 noch Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban empfing.

Kohl hat Deutschland von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler regiert – 16 Jahre, so lange wie bisher niemand vor und nach ihm. Er war treibende Kraft für die EU und eine gemeinsame Währung.

Als sein größter Erfolg gilt aber die deutsche Wiedervereinigung. Kohl erkannte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989, dass das Fenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Unter Hochdruck handelte er mit den Staats- und Regierungschefs der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens, Frankreichs sowie den Verantwortlichen der Europäischen Union die Modalitäten dafür aus.

Seit 2008 war Helmut Kohl (hier 2013 in Bad Wiessee) auf den Rollstuhl angewiesen, seither Immer dabei: Ehefrau Maike Kohl-Richter (Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Seit 2008 war Helmut Kohl (hier 2013 in Bad Wiessee) auf den Rollstuhl angewiesen, seither Immer dabei: Ehefrau Maike Kohl-Richter (Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Kohl hatte immer an die Wiedervereinigung geglaubt und die historische Chance dann gegen Widerstände im In- und Ausland ergriffen. Dafür führte er zähe Verhandlungen in Moskau mit Michail Gorbatschow, in Washington mit George Bush, in Paris mit Präsident François Mitterrand und in London mit Margret Thatcher.

Mit seinem Versprechen der „blühenden Landschaften“ im Osten weckte er große Hoffnungen vieler DDR-Bürger. Zu große, denn bald war klar, dass alles viel langsamer wachsen und viel teurer würde. Enttäuschung machte sich breit. 1991 bewarf ein Mann Kohl in Halle an der Saale mit Eiern. Nicht nur am Kopf, auch im Herzen getroffen wollte der Kanzler sich auf den Werfer stürzen.

„Meine Mitstreiter (Ex-Bundeskanzler Helmut) Kohl und (Ex-US-Präsident George) Bush sind sogar im Rollstuhl, aber wir sind zäh“, sagte vor drei Jahren Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow, einer der wichtigsten Wegbereiter der Deutschen Einheit.

Kohl, Kohl, Kohl

Mit einer „geistig-moralischen Wende“ wollte Kohl eine neue Epoche in Deutschland einleiten. Dass er 1990 als Kanzler wiedergewählt wurde, hatte er wohl vor allem der Begeisterung der Menschen für die Wiedervereinigung zu verdanken. Bis zu seiner Wahlniederlage 1998 gegen Gerhard Schröder (SPD) erlebte eine ganze Generation bis dahin keinen anderen Bundeskanzler.

Und genau das war für viele dieser Generation das Problem: Kohl, Kohl, Kohl. Die Politik erschien festgefahren in alten und bekannten Strukturen. Mehltau statt Aufbruch. Mehr Schwarz-Weiß als Bunt. Als sich Kohl entgegen seines ursprünglichen Plans entschied, 1998 doch wieder selber anzutreten, war das für viele mehr Bedrohung als Verheißung. Man sehnte sich einfach nach einem Wechsel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel führt die Christdemokraten seit 17 Jahren. Kohl war Anfang der 90er Jahre ihr Ziehvater in Bundesregierung und Partei gewesen. Aber sie war es, die Ende der 90er Jahre als damalige CDU-Generalsekretärin die Partei wegen der Spendenaffäre, in die Kohl maßgeblich verwickelt war, zur Loslösung vom Übervater aufforderte. Das Verhältnis der beiden blieb bis zuletzt erschüttert.

Mann der Rekorde

Kohl war ein Mann der politischen Rekorde: Von 1973 bis 1998 war er CDU-Vorsitzender – eine 25-jährige Amtszeit dürfte in der Partei nur schwer noch einmal zu erreichen sein.

Mehr als 40 Jahre war der geborene Ludwigshafener Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und von 1976 an im Bundestag. Sieben Jahre – von 1969 bis 1976 – war Kohl Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.

1960 heiratete er die Dolmetscherin Hannelore Renner. Das Ehepaar bekam zwei Söhne – Walter und Peter. 2001 nahm sich Hannelore Kohl, die an einer schmerzhaften Lichtallergie litt, das Leben. Sieben Jahre später schloss Kohl seine zweite Ehe mit der 34 Jahre jüngeren Regierungsdirektorin Maike Richter.

(RP/Kristina Dunz/dpa)

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3 Kommentare

  • Daniel Horneber

    er hat in seiner Regierungszeit nichts für behinderte Menschen getan warum bekommt er einen Nachruf?

    16. Juni 2017 at 19:33
    • Perry Walczok

      Das eine ist richtig. Aber das hatten die anderen Parteien auch nicht wirklich. Das Bewusstsein dafür fing erst viel später an.Das ist auch ein gesellschaftliches Problem. Aber eines muss man ihm lassen. Die Vorgehensweise die später daraus resultierende deutsche Einheit war schon ein Geniestreich. Er wollte Deutschland und Europa einen. Dafür bekommt er zurecht den Nachruf. Wobei welcher von seitens der CDU einen gewissen Beigeschmack hat.

      18. Juni 2017 at 08:53
  • Das Mondkalb

    @Daniel Horneber
    Ganz einfach, rollingplanet.net scheint sich, so ist es jedenfalls mein Eindruck, zunehmend auf die schlichte Devise ein: Eine/ Einer von „uns“. Es geht hier um quantitative Bemessung von Zugehörigkeit. Das kritische Hinterfragen, was für Diskurse und Praktiken dann von „uns“ über „uns“ transportiert wäre dagegen eine qualitative Aufgabe, die vielleicht noch kommt mit der Zeit, oder auch ausbleiben wird.

    17. Juni 2017 at 20:54

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