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Hemdless: Eine Kollektion für Menschen mit Down-Syndrom

Für Betroffene gab es bisher keine Kleider, die perfekt passen. Zwei junge Designer wollen dies ändern.

Veronika im Hemdless-Hemd (Foto: Hemdless/Phil Pham)

Veronika im Hemdless-Hemd (Foto: Hemdless/Phil Pham)

Inklusion beginnt bei Mode: Zum ersten Mal in Deutschland – vielleicht sogar weltweit – gibt es eine Hemdenkollektion speziell für Menschen mit Down-Syndrom: „Hemdless“ (ohne Hemd) heißt sie. Der Name ist ein Hinweis darauf, dass es für Menschen mit Trisomie 21 bislang kaum Kleidung gibt, die zu ihrem Körperbau passt.

Betroffene haben bisher nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie tragen die Kleider von der Stange und erscheinen damit nicht unbedingt als Fashionistas – oder die Klamotten müssen teuer umgeschneidert werden.

Eine Autofahrt mit Folgen

Zwei junge Designer, Lisa Polk (29) und Christian Schinnerl (23), wollen dies ändern. Kennengelernt haben sich die beiden an der Deutschen Meisterschule für Mode in München. Seither sind sie eng miteinander befreundet, wobei Polk noch in München und Schinnerl in Berlin lebt.

Beide arbeiten als freie Designer – Schinnerl kreierte zuletzt für Vivienne Westwood und Alexander McQueen in London, Polk ist Leiterin für Design beim Münchner Label K1X.

Lisa Polk und Christian Schinnert (Foto: Hemdless)

Lisa Polk und Christian Schinnert (Foto: Hemdless/Phil Pham

Die Idee zu ihrer Kollektion „Hemdless“ entstand im Mai vergangenen Jahres auf einer gemeinsamen Autofahrt zu einer Modenschau in Antwerpen, als Schinnerl seinen Onkel erwähnte, der das Down-Syndrom hat.

Inzwischen weiß Polk: „Gewöhnliche Hemden passen Menschen mit Trisomie 21 einfach nicht. Wir haben festgestellt, dass es drei Merkmale gibt, die anders sind, als bei uns. Und zwar ist das der Halsumfang – der ist größer. Die Arme sind kürzer und die Gesamtlänge des Oberkörpers ist auch kürzer.“

Auf ihrer Webseite erklären die beiden, was sie antreibt:

„Mode und Persönlichkeit“

Von Jimmy waren die beiden Designer begeistert. Er entpuppte sich als echtes „Showtalent“: „Zunächst war er ziemlich aufgeregt, aber dann hat er eine Riesenshow hingelegt“, erzählt Polk schmunzelnd. (Foto: Hemdless/Phil Pham))

Von Jimmy waren die beiden Designer begeistert. Er entpuppte sich als echtes „Showtalent“: „Zunächst war er ziemlich aufgeregt, aber dann hat er eine Riesenshow hingelegt“, erzählt Polk schmunzelnd. (Foto: Hemdless/Phil Pham)

Die Modewelt hat oft mit Perfektion, Schönheit und Makellosigkeit zu tun. Menschen mit Behinderung werden in diesem Feld meist ausgespart, obwohl hier auch Nachfrage nach schönen und gut verarbeiteten Kleidungsstücken mit optimaler Passform besteht. Da Menschen mit Trisomie21 einen anderen Körperbau haben, passen die Hemden von der Stange nicht: Die Krägen sind zu eng, die Ärmel zu kurz, das Hemd zu lang.

Ziel war es vorerst, eine kompakte Kollektion aus klassischen Hemden zu entwickeln, die alle mit einem ästhetischen Anspruch und besonderen Details entworfen sind. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Modellen und Erziehern aus dem Betreuungszentrum in Steinhöring nahe München wurden die Entwürfe auf die Wünsche jedes Einzelnen maßgeschneidert. Damit hatte jeder Charakter die Möglichkeit, bei seinem Lieblingshemd selbst mitzuentscheiden; wobei die Waage aus Mode und Persönlichkeit stets gehalten wurde.

Alle Hemden sind aus bequemer Baumwolle und unifarben. Der Kollektionsname „hemdless“ spielt auf das fehlende Angebot im Bekleidungshandel an. In Deutschland leben ca 50.000 Menschen mit Trisomie 21, denen es schwer fällt, ein passendes Hemd zu finden.

Resultierend aus dieser kleinen, sehr persönlichen Kollektion entstand ein weiteres Hemd, welches gleichermaßen von Menschen mit und ohne Trisomie21 getragen werden kann. Es war ein ersichtlicher, nächster Schritt, bei dem alle wertvollen Erfahrungen in einem Hemd vereint wurden. Es passt sich dem Träger an und schlägt damit die Brücke zwischen unterschiedlichen Menschen mit gleichen Bedürfnissen.

In der Modeindustrie ist für Normabweichungen wenig Platz, Kleidung für Menschen mit Behinderung ist ein Nischenthema.“

Hemdenringend gesucht: Eine Firma

Die Reaktionen auf das Projekt waren durchweg positiv, sowohl von den Betroffenen selbst als auch von ihren Eltern und Erziehern. „Wir haben schon während der Vorbereitung viele Meinungen eingeholt und da schon das Gefühl gehabt, dass das alles in die richtige Richtung läuft“, erzählt Polk. „Das positive Feedback der Betroffenen hat uns natürlich besonders gefreut.“

Für die Zukunft wünschen sich Lisa Polk und Christian Schinnerl vor allem, dass ihr Projekt weitergeführt wird und dass die Hemden in Produktion gehen. „Dass diese Hemden in irgendeiner Weise für mehrere Menschen zugänglich gemacht werden könnten, das wäre eigentlich unser Ziel. Wir sind Designer, aber wir würden gerne mit jemanden zusammenarbeiten, der die finanziellen Mittel hat, das Projekt ins Rollen zu bringen und mit dem man sich gemeinsam um die Produktionswege kümmert.”

Bisher galt: Hauptsache praktisch

„Die meisten Kleidungsstücke, die unter dem Label Mode für Behinderte laufen, sind vor allem praktisch: Gummizug, weite Schnitte, leicht waschbare Stoffe. Modische Aspekte spielen kaum eine Rolle“, schreibt die FAZ in einem Bericht über die neue Kollektion und zitiert Jürgen Rossmann, den Leiter des Betreuungszentrums Steinhöring: „Die will kein Mensch tragen, mit oder ohne Behinderung.“

Webseite: Hemdless

(RP)

Video

hemdless – trailer from Clemens Krueger on Vimeo.

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