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Herzenssache: „Es war schnell klar, dass der Bedarf sehr hoch ist“

Die Würzburger Flirtbörse für Menschen mit Behinderung wächst – künftig sollen sich Interessenten leichter registrieren können.

Nicht nur virtuell, sondern auch real: Im „Café Herzenssache“ findet ein Mal im Monat ein Treffen der Partnerbörse statt. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Nicht nur virtuell, sondern auch real: Im „Café Herzenssache“ findet ein Mal im Monat ein Treffen der Partnerbörse statt. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Sebastian sitzt im Rollstuhl. Carina hat eine geistige Behinderung. Am Tisch halten die beiden Händchen, ziehen sich auf, lachen gemeinsam und planen das nächste Treffen. Sie wohnen 14 Kilometer voneinander entfernt. Ohne die Würzburger „Herzenssache“ hätten sie sich wohl nicht kennengelernt.

Die besondere Partnervermittlung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Handicap zusammenzubringen. „Wir helfen ihnen im Alltag. Warum sollen wir uns darum also nicht auch kümmern“, sagt Klaus Streicher. Er leitet für das Zentrum für Körperbehinderte die Wohnanlagen für Erwachsene in Würzburg und ist gleichzeitig zuständig für das Projekt „Herzenssache““.

Caritas, Lebenshilfe, Blindeninstitut und das Zentrum für Körperbehinderte haben die Börse vor fünf Jahren für Würzburg gemeinsam auf die Beine gestellt. Eigens dafür wurden drei Teilzeit-Arbeitsplätze geschaffen. Aktion Mensch finanziert die Börse noch mindestens für die nächsten eineinhalb Jahre.

„Ein Recht auf Gefühle“

Deutschlandweit gibt es dem Statistischen Bundesamt zufolge rund 7,6 Millionen Schwerbehinderte. In Bayern sind es etwa 1,45 Millionen. Das sind knapp zehn Prozent der Bevölkerung.

Das „Herzenssache“-Konzept ist im Rahmen der Behindertenarbeit 2005 im Süden Deutschlands entstanden. Das Pendant im Norden ist die „Schatzkiste“. „Herzenssache.net“-Mitgründer Helmut Walther wollte mit der besonderen Partnerbörse einrichtungsübergreifend Kontakte zwischen den Behinderten herstellen:

„Oft sind sie fest eingebunden in Werkstatt und Heim und verbringen deshalb ihr Leben komplett an nur einem Ort. Da sind die Möglichkeiten, andere Menschen kennenzulernen, gering. Aber sie haben ein Recht auf Gefühle.“

Doch auch mit den spezialisierten, nicht-kommerziellen Partnerbörsen bleibt die Suche nach Liebe, Zuwendung und vielleicht auch Sex eine Herausforderung. Nicht alle haben den Mut. Und nicht immer unterstützen die Eltern und Pfleger die Suche nach Geborgenheit und Intimität. Auch aus Sorge vor gebrochenem Herzen oder Angst vor ungewollter Schwangerschaft. Dennoch seien die Widerstände insgesamt eher gering gewesen, sagt der Würzburger „Herzenssache“-Chef Streicher. „Es war schnell klar, dass der Bedarf sehr hoch ist.“

Expansion ist eine Herzenssache

Die Suche nach Zweisamkeit sei für Menschen mit Handicap zwar schwierig, aber eben auch wichtig.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Männer mit Körperbehinderungen in normalen Partnerbörsen zwar hübsche Mädels kennenlernen. Aber dann ist Sense, sobald die Behinderung zur Sprache kommt. Und Menschen mit Mehrfachbehinderungen haben gleich gar keine Chance. Da ist es mitnichten so, dass es Inklusion gibt“,

sagt Streicher. Auch die Partnerbörse „Herzenssache“ selbst sei allerdings nicht gerade inklusiv, räumt Streicher ein. Es gebe einfach die Hürde der Computerbedienung.

Fast 80 Menschen mit Behinderungen aus der Region sind in der Börse registriert, im Alter von 17 bis etwa 80 Jahren. Und im Gegensatz zu anderen Partnervermittlungen ist sogar das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausgeglichen. Die Würzburger „Herzenssache“ hat zudem große Pläne. Sie will in Unterfranken expandieren. Dafür soll die veraltete Datenbank erneuert werden. Mehr als 10.000 Euro an Spenden wurden dafür gesammelt.

Was kostet es?
Im ersten Jahr kostet es für die Männer 20 Euro. Die Frauen zahlen im ersten Jahr nichts. Ab dem zweiten Jahr zahlt man für die Mitgliedschaft 12 Euro im Jahr.

Künftig sollen sich Interessenten leichter und auch selbst registrieren und die Mitarbeiter die Börse leichter verwalten können. Am direkten Kontakt zu den drei „Herzenssache“-Vermittlern ändert das aber nichts. Auch aus Sicherheitsgründen. Außenstehende haben keinen Zugriff auf die Profile der Mitglieder. Und einen Zugang gibt es nur nach einem direkten Kontakt mit einem der drei Vermittler. Und einem Aufnahmegespräch, damit Bedürfnisse und Eigenschaften so konkret wie möglich festgeschrieben werden können. Dafür kommen Reinhard Hemrich und seine Kollegen auch direkt in die Einrichtung der Behinderten.

Hochzeit steht bevor

Zudem gibt es einmal im Monat ein Würzburger „Herzenssache“-Treffen in einem Café in der Würzburger Innenstadt. Dort finden oft auch die ersten Verkupplungsversuche statt. Und obwohl die meisten hohe Ansprüche an das Aussehen des Wunsch-Partners hätten, sei am Ende doch meist die gesuchte Zweisamkeit das Wichtigste – und das Verbindende. Schon oft waren Hemrich und seine Kollegen erfolgreich. „Im Moment haben wir ein halbes Dutzend Paare, die schon länger zusammen sind. Und eines davon wird sogar in diesen Tagen heiraten.“

Sebastian ist davon überzeugt, dass er mit Carina nun die Richtige gefunden hat. „Das war Liebe auf den ersten Blick. Gell, Carina?“, sagt der 37-Jährige und greift unter dem Tisch nach ihrer Hand. „Ich mag, dass sie es ernst mit mir meint. Ich wünsche mir, dass wir noch ganz lange zusammenbleiben.“

Webseite: Herzenssache

(dpa/by)

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