Hier berichten zwei Rollstuhlfahrer, warum sie sich am Reichstag in Ketten legten

Ulrich Ahrendt und Hanna Kindlein gehören zu den behinderte Aktivisten, die pünktlich zur Abstimmung gegen ein neues Gesetz protestieren. Weitaus mehr ärgert sie allerdings eine Reform, die erst noch kommen soll. Von Basil Wegener

Ulrich Ahrendt (l.) gestern am Spreeufer in Berlin (Foto: privat)

Ulrich Ahrendt (l.) gestern am Spreeufer in Berlin (Foto: privat)

Wenigstens die Ketten sind am Morgen wieder weg. Da haben die mehr als ein Dutzend Rollstuhlfahrer schon eine Nacht an einem der prominentesten Orte Deutschlands ausgeharrt, wenige Schritte vom Bundestag, zunächst noch angekettet am Geländer des Reichstagufers. „Ich mache das nicht, weil ich Langeweile habe“, sagt Ulrich Ahrendt, „sondern weil man fast verzweifelt ist, was die Politik beschließt.“ Der drastische Protest kommt pünktlich: Der Bundestag beschließt kurz darauf eine Novelle, die mehr Barrierefreiheit in Deutschland bringen soll – und zwar bei Behörden, nicht aber in Restaurants, Theatern oder Arztpraxen.

Ahrendt sagt: „Die tun so, als würde die Welt untergehen, wenn man auch andere verpflichtet, Barrieren abzubauen.“ Warum, fragt der 24-Jährige, werden Behinderte vor allem als Kostenfaktor gesehen? Ahrendt ist Informatiker und arbeitet bei einem renommierten Softwarehersteller. „Wenn wir Weihnachtsfeier haben, bittet mich mein Chef, ein Restaurant auszusuchen.“ Er wähle dann natürlich eines ohne rampenlose Stufen – der Wirt freue sich hinterher über den Umsatz.

„Das ganz große Übel“

Die nun beschlossene Novelle des Gleichstellungsgesetzes ist das eine. „Das ganz große Übel ist aber das Teilhabegesetz“, sagt Ahrendt. Es ist ein Mammutvorhaben. Mit diesem umfassenden neuen Gesetzesplan soll das Leben der mehr als zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland eigentlich in vieler Hinsicht besser werden. Derzeit wird die Großreform zwischen den Ministerien abgestimmt.

Viele sollen damit herauskommen aus den speziellen Werkstätten und leichter einen normalen Job finden. Menschen mit Behinderung sollen mehr selbst verdientes Geld behalten dürften, auch wenn sie Eingliederungshilfe bekommen. Heute sind es nur 2600 Euro Vermögen. „2016 wird ein Jahr wesentlicher und wichtiger Fortschritte auf dem Weg zur Inklusion“, verspricht Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) im Plenum (ROLLINGPLANET berichtete: Gestörte Wahrnehmung: Nahles verteidigt immer noch ihre Behindertenpolitik). Viele Betroffenen fürchten aber Verschlechterungen.

Alltag als Spießrutenlauf

Zum Beispiel Hanna Kindlein. Auch sie hat sich mit ihrem Rollstuhl zum Protest am Reichstag aufgemacht. „Ich wünsche mir, dass es für mich selbstverständlich ist, dass ich abends mal in eine Kneipe gehen kann, ohne das planen zu müssen“, sagt sie. Barrieren sind das eine, was solche Alltäglichkeiten für viele zum Spießrutenlauf macht. Aber viele bekommen auch nicht ausreichend Assistenten gewährt, etwa zur Hilfe bei der Fortbewegung.

Hanna Kindlein fürchtet, dass solche Hilfen durch das Teilhabegesetz nun gepoolt werden. Sprich: Mehrere Betroffene sollen gemeinsam Assistenten bekommen – aber, so fragt die 32-Jährige, soll man dann alltäglichen Dinge wie Einkaufen aus Spargründen nur noch in Kleingruppen machen können? Ihre Ketten vom Protest am Reichstagufer haben die Rollstuhlfahrer abgelegt. Bis sie von vielen anderen Hürden befreit werden, so meinen sie, müssen sie wohl noch oft auf die Straße gehen.

(dpa)

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1 Kommentar

  • willie

    Behindert ist man nicht, behindert wird man!

    Da sind ja neben dem Gesetz noch so viele Kleinigkeiten, wie z.B. bei dem Rollstuhlfahrer letzthin in Germering, wo bei kaputtem Aufzug weder der Servicetechniker, noch Feuerwehr, noch Rettungsdienst kommen wollten.

    Da sind die Busfahrer, die nicht an den Haltestellenrand fahren, sondern in 20-30 cm Abstand desinteressiert stehen bleiben . . .

    ja da ist noch

    22. Mai 2016 at 14:06

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