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Hinter den Kulissen von DKMS: Ende eines Clans

Intrigen, Eitelkeiten und ein Richtungsstreit erschüttern die weltgrößte Hilfsorganisation für Blutkrebs-Patienten. Von Marc Herwig

Bei einer Charity-Veranstaltung in New York: Cindy Crawford, Peter und Katharina Harf (Foto: panacheprivee)

Bei einer Charity-Veranstaltung in New York: Cindy Crawford, Peter und Katharina Harf (Foto: panacheprivee)

Ein Familienschicksal hat sie zusammengeschweißt: Der Tod von Mechtild Harf. An ihrem Krankenbett hatten Schwägerin Claudia Rutt und Ehemann Peter Harf nach eigenen Angaben versprochen, den Kampf gegen den Blutkrebs aufzunehmen. Sie haben Wort gehalten: Millionen Deutsche hat die damals gegründete Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) davon überzeugt, einem Blutkrebs-Patienten mit einer Stammzellspende die Chance auf ein neues Leben zu schenken.

Doch jetzt ist ein tiefer Graben zwischen Harf und Rutt entstanden. Der 67-Jährige will ohne seine Schwägerin weitermachen, doch die will sich den Rausschmiss aus ihrem Lebenswerk (ROLLINGPLANET berichtete) nicht ohne weiteres gefallen lassen. Wegbegleiter fürchten, dass am Ende der Ruf der gesamten DKMS leiden könnte.

Es begann mit einer Familientragödie

Es war 1990 während eines gemeinsamen Urlaubs der Familien Harf und Rutt, als Mechtild Harf die Diagnose Blutkrebs bekam. Nur ein passender Knochenmarkspender konnte ihr Leben retten – doch damals waren gerade einmal 3000 Menschen in Deutschland als potenzielle Spender registriert. Viel zu wenige angesichts der zigtausend Gewebemerkmale, die bei Spender und Empfänger genau passen müssen.

Also machten sich Claudia Rutt und Peter Harf gemeinsam mit weiteren Familienmitgliedern und Freunden an eine Sisyphusarbeit. Sie riefen Menschen dazu auf, sich registrieren und ihre Gewebemerkmale testen zu lassen – so begann die Arbeit der DKMS.

Viele tausend Leben gerettet

Für Mechtild kam die Hilfe am Ende zu spät, sie starb am 16. September 1991. Doch die DKMS hatte längst einen rasanten Wachstumskurs begonnen, der bis heute anhält. 3,8 Millionen Menschen sind bei der in Tübingen ansässigen Gesellschaft als Stammzellspender registriert. Für 80 Prozent aller Leukämiepatienten findet sich heute ein passender Spender, viele tausend Leben wurden so schon gerettet.

Aus der DKMS wurde zugleich ein mächtiger Player im Gesundheitswesen. Inzwischen verfügt die Organisation über rund 400 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von mehr als 80 Millionen Euro. Das führte zu Problemen. Auch Claudia Rutt war nicht immer unumstritten. Weil sie den Wachstumskurs der DKMS all die Jahre in vorderster Reihe vorangetrieben hatte, liefen alle Fäden allein bei ihr zusammen.

Rutt musste schon einmal zurücktreten

Claudia Rutt war bis vor kurzem Geschäftsführerin der DKMS (Foto: dpa)

Claudia Rutt war bis vor kurzem Geschäftsführerin der DKMS (Foto: dpa)

Diese Machtballung führte 2010 schon einmal zu einem Zerwürfnis in der DKMS-Chefetage, wie Rutt selbst in ihrem erst vor wenigen Tagen veröffentlichten Buch „Alle gegen einen“ (Murmann-Verlag) schrieb. Letztlich habe das zu einer so heftigen „Misstrauenskrise“ im Verwaltungsrat geführt, dass sie ihren Hut nahm, schrieb Rutt.

2012 kehrte sie dann allerdings zurück. Und mit ihr übernahm auch ihr Schwager Peter Harf wieder mehr Verantwortung für die DKMS. Harf, den die „Financial Times Deutschland“ einmal als „Deutschlands heimlichsten Milliardenmanager“ bezeichnet hat, verwaltet als Manager seit Jahrzehnten das Firmengeflecht der Milliardärsfamilie Reimann, zu dem Dutzende große Parfüm-, Kosmetik- und Reinigungsmarken gehören. Interviews gibt er höchst selten.

Drahtzieher Harf hat nachgedacht

Harf sei es nun auch gewesen, der in seiner Funktion als Aufsichtsratschef die Abberufung seiner Schwägerin Claudia Rutt initiiert habe, sagte eine DKMS-Sprecherin. Der 67-Jährige, der sich laut DKMS auf seine Aufgabe in dem DKMS-Kontrollgremium konzentrieren und aus dem operativen Geschäft zurückziehen will, stand nicht für ein Interview zur Verfügung.

Seine Sprecherin sagte: „Er hat darüber nachgedacht, mit welcher Generation von Geschäftsführern wir die DKMS weltweit zum Erfolg führen.“ Die 53-jährige Rutt habe in diesen Zukunftsplänen für Harf keine Rolle mehr gespielt. Eine weitergehende inhaltliche Begründung gab es auch auf Nachfrage nicht.

Mechtild Harfs Arzt versucht, die Situation zu retten

Professor Gerhard Ehninger, hier mit einem Blutzellen-Modell  (Foto: dpa)

Professor Gerhard Ehninger, hier mit einem Blutzellen-Modell (Foto: dpa)

Professor Gerhard Ehninger, der damals der Arzt von Mechtild Harf war und ebenfalls zu den Mitbegründern der DKMS gehört, fürchtet, dass die Datei Schaden nehmen könnte. An diesem Mittwoch will er den medizinischen Beirat der DKMS zusammentrommeln.

Der Gesprächsbedarf sei groß, sagt er. Denn die Vorgänge bei der DKMS sorgten bei Fachleuten weltweit für Verständnislosigkeit – und zu leiden hätten am Ende die Blutkrebspatienten.

(dpa)

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