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Höhere Contergan-Renten: Wie es zu einer „kleinen Revolution“ kam

Erste Reaktionen, nachdem der Bundestag die massive Anhebung der monatlichen Gelder für die Betroffenen beschlossen hat.

Christian Stürmer, Vorsitzender des Contergannetzwerks (Foto: privat)

Christian Stürmer, Vorsitzender des Contergannetzwerks: „Plötzlich ging alles ganz schnell“ (Foto: privat)

Die etwa 2700 noch lebenden Contergan-Opfer erhalten deutlich mehr Rente. Rückwirkend zum Januar erhöhte der Bundestag am Donnerstagabend wie erwartet einstimmig die monatlichen Zahlungen von maximal 1152 Euro auf einen Höchstbetrag von 6912 Euro (ROLLINGPLANET berichtete: Conterganstiftung soll transparenter werden und Geschafft: Contergan-Renten steigen deutlich), Der Bund stellt für die Anhebung 90 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es zusätzlich 30 Millionen Euro für Sonderbedürfnisse der Betroffenen, etwa für spezielle Heilbehandlungen.

Die Kompensation fehlender Hände, Arme oder Beine hat bei Contergan-Geschädigten zu schweren Haltungsschäden geführt. Die meisten klagen über Schmerzen, die Hälfte der heute etwa 50 Jahre alten Opfer ist pflegebedürftig. Das Contergannetzwerk bezeichnete die Anhebung der staatlichen Zuwendungen als kleine Revolution. „Die massive, 50-jährige Unterversorgung der Geschädigten hat damit ein Ende“, sagte der Vorsitzende der Interessenorganisation, Christian Stürmer.

Begegnung mit Folgen

Thomas Strobl,, Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg (Foto: Deutscher Bundestag)

Thomas Strobl,, Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg (Foto: Deutscher Bundestag)

„Zum Erstaunen vieler wurde dies in nur wenigen Wochen noch vor Ende der Legislaturperiode möglich gemacht“, so Stürmer. Wie es dazu kam? „Grundlage war hierbei, dass die Christlich Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) Baden-Württemberg bei Bundespolitikern Türen geöffnet hat, bis das Contergannetzwerk Deutschland e.V. auf den Landesvorsitzenden der CDU Baden-Württemberg, Thomas Strobl, traf.“

Stürmer gegenüber ROLLINGPLANET: „Strobl brachte sofort das Thema bei anderen Spitzenpolitkern an. Er war wegen des Themas sogar bei der Bundeskanzlerin und setzte durch, dass die Leistungsverbesserung in Höhe von 120 Millionen Euro jährlich am 31. Januar 2013 im Koalitionsausschuss beschlossen wurde. Unterstützt wurde diese Initiative durch ein Forschungsbericht der Universität Heidelberg“.

Stürmer lobte außerdem die Abgeordneten Markus Grübel und Thomas Jarzombek (beide CDU), die sich für die höhere Rente eingesetzt hätten: „Wir sind beiden für ihre rasche Arbeit sehr dankbar, denn die Betroffenen brauchen das Geld.“

„Betrogen und verraten“

Der Beauftragte der Bundesregierung 
für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe (CDU), erklärte: „Über Jahrzehnte fühlten sich contergangeschädigte Menschen betrogen und verraten. In der Öffentlichkeit sind manche Prominente unter ihnen bekannt, wir erinnern uns an Künstler und Paralympics-Siegerinnen. Es gibt aber auch Contergan-Opfer, die wir nicht sehen, die täglich unter Schmerzen leiden, die organische Schäden haben, die ohne Assistenz nicht alleine das Haus verlassen können.“

Contergan steht für den größten Arzneimittel-Skandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. 1957 brachte das Pharmaunternehmen Grünenthal das Schlafmittel auf den Markt, das damals von vielen Schwangeren genommen wurde. Doch bald kamen etwa 10 000 Kinder mit schweren Missbildungen an Armen und Beinen auf die Welt. Allein in Deutschland waren es ungefähr 5000. Seit Anfang der 70-er Jahre erhalten die Geschädigten eine Rente, für die der Bund und die Firma Grünenthal aufkommen.

(RP/dpa)


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