Holger Glinicki tritt zurück – wann folgt Nicolai Zeltinger?

Als Cheftrainer der Damen-Rollstuhlbasketballnationalmannschaft will der Hamburger nicht mehr tätig sein. Viele denken: Auch bei den Herren wäre ein Neuer angebracht.

Holger Glinicki während der Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. (Foto: Andreas Joneck)

Holger Glinicki während der Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. (Foto: Andreas Joneck)

Bereits 2014 und im vergangenen Jahr hatte er diesen Schritt angekündigt – und ihn nun wahr gemacht: Holger Glinicki, langjähriger Trainer der deutschen Damen-Nationalmannschaft, ist von seinem Posten zurückgetreten. Der 64-jährige Hamburger blickt auf insgesamt 316 Länderspiele als Head-Coach und 56 als Co-Trainer zurück, in denen er mit seinem Team elfmal Edelmetall bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie Paralympischen Spielen gewann.

„Dieser Schritt ist natürlich keine spontane Entscheidung gewesen und stand eigentlich schon seit zwei Jahren fest. Die Paralympics im September waren mit der Silbermedaille dann ein großartiger Abschluss“, blickt Glinicki aufgeräumt und ohne Wehmut zurück und ergänzt: „Natürlich habe ich nach Rio noch einmal alles sacken lassen, bin mir aber sicher, dass dies nun der richtige Zeitpunkt ist“.

Gleich zum Einstand WM-Bronze

Begonnen hatte für den 105-fachen Nationalspieler, der 1988 in Seoul selbst das Trikot der deutschen Nationalmannschaft trug, das „Abenteuer Bundestrainer“ im Jahr 2002 bei der damaligen WM im japanischen Kitakyushu. Zunächst als Co-Trainer des heutigen U23-Bundestrainers Peter Richarz übernahm der damals 53-Jährige vor den Weltmeisterschaften 2006 in Amsterdam das Zepter bei den deutschen Damen.

Schon zuvor bei den Paralympics 2004 in Athen deutete sich eine neue große Generation in Reihen der deutschen Damenauswahl an, die bereits mit Glinickis Einstand zwei Jahre später WM-Bronze holen sollte. Was folgte, ist eine beeindruckende Serie, bei der die deutsche Damen-Nationalmannschaft zehn Jahre lang bei allen großen Turnieren im Endspiel stand. So sammelte Glinicki von der EM 2007 im hessischen Wetzlar bis zu den XV. Paralympics in diesem Jahr in Rio de Janeiro insgesamt vier Europameistertitel sowie Paralympics-Gold 2012 in London. Zudem stand er mit seinem Team 2013 in Frankfurt/Main im EM-Finale, 2010 in Birmingham und 2014 in Toronto im WM-Endspiel sowie 2008 in Peking und 2016 in Rio im Endspiel der Paralympis. Ein Rekord für die Ewigkeit, den nur das Team selbst im kommenden Jahr bei der EM auf Teneriffa ausbauen kann.

„Der wichtigste Titel war natürlich der Triumph in London bei den Paralympics, da gibt es keine Zweifel. Doch der schönste Erfolg war der EM-Titel als klarer Außenseiter im Endspiel von Worcester“, freut sich Holger Glinicki, der 2015 in Großbritannien für entsetzte Gesichter beim Dauerrivalen Niederlande sorgte. So ließ sich der Trainerfuchs immer wieder taktische Überraschungen einfallen, mit denen oft weder die hochkarätige Konkurrenz noch seine eigene Mannschaft rechneten. „Bei einem so langen Zeitraum bleibt dir gar nichts anderes übrig, als immer wieder nach neuen Ideen und Gedanken zu suchen, damit die unvermeidbaren Abnutzungserscheinungen im tagtäglichen Geschäft nicht zu schwer wiegen“, so der scheidende Cheftrainer weiter.

Das System Zeltinger

Machtfülle für den RSV-Lahn-Dill: Cheftrainer Nicolai Zeltinger  und sein Co-Trainer haben in diesen Funktionen auch in der Nationalmannschaft das Sagen. (Foto: Armin Diekmann)

Machtfülle für den RSV-Lahn-Dill: Cheftrainer Nicolai Zeltinger und sein Co-Trainer haben in diesen Funktionen auch in der Nationalmannschaft das Sagen. (Foto: Armin Diekmann)

„Mit Holger Glinicki verliert der deutsche Rollstuhlbasketball einen seiner erfolgreichsten Trainer. Über viele Jahre hat er die deutsche Damen-Nationalmannschaft mit seinem absoluten Leistungswillen angeführt und kontinuierlich zu Medaillen geführt. Wir danken Holger sehr für seine erbrachten Leistungen, da sie den Stellenwert des Rollstuhlbasketballs in Deutschland auf ein noch nie dagewesenes Niveau gehoben haben“, so der leitende Bundestrainer Rollstuhlbasketball, Nicolai Zeltinger, über seinen norddeutschen Kollegen: „Es freut uns natürlich sehr, dass Holger der Sportart als Trainer, durch sein Engagement bei der BG Baskets Hamburg erhalten bleibt“.

Nun steht für die seit einem Jahrzehnt weltweit erfolgreichste Damen-Nationalmannschaft mit dem Ende der Ära Glinicki ein großer Umbruch an, da dem Karriereende von Annika Zeyen eventuell weitere Rücktritte von altgedienten Spielerinnen folgen könnten. Kein leichtes Amt mit großen Fußstapfen für einen möglichen Nachfolger, den der Deutsche Behindertensportverband e.V. in Kooperation mit dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband e.V. nun sucht. Hierzu erfolgt in den nächsten Tagen die rechtlich notwendige öffentliche Ausschreibung des Postens ab Januar 2017. Mit der EM im kommenden Juni auf der spanischen Kanareninsel Teneriffa, der wichtigen WM 2018 in Hamburg und den Paralympics 2020 in Tokio, stehen die nächsten Großereignisse bereits vor der Haustür.

Die deutsche Rollstuhlbasketball-Szene dürfte nun ebenso neugierig darauf warten, ob auch Zeltinger dem Beispiel folgen wird. Die Doppelfunktion von Zeltinger als Trainer sowohl der Herren-Nationalmannschaft als auch von RSV Lahn-Dill ist schon seit längerem umstritten – zumal bislang die Medaillenerfolge wie bei Glinicki ausblieben. Angesichts des enttäuschenden Abschneidens der Herren bei den Paralympics 2016 kritisierte der ehemalige Nationalspieler Peter Schadt: „Das ist keine Mannschaft. Die spielt kein System, oder das System ist so kompliziert, dass es außer Zeltinger keiner versteht.“

(RP/PM/aj)

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