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„Homosexuelle haben weniger Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung“

Nicole (39) und Martina (47) sind seit fast fünf Jahren verheiratet. Martina ist ein Pflegefall. Im ROLLINGPLANET-Interview sprechen die beiden über ihre Liebe und ihren Alltag.

Nicole (li.) und Martina (re.) heirateten vor fast fünf Jahren

Aus dem Hochzeitsalbum

Das Interview mit Nicole und Martina

Wir wurden aufmerksam, als Nicole sich zum MISS ANGEL 2012-Wettbewerb anmeldete und wir ihre Bewerbung prüften (zu Nicoles Profil: Hier kommt ein Engel: Schnucki1973 aus Hamburg). Nicole arbeitet als Kundenberaterin in einem Servicecenter, ihre Frau muss die meiste Zeit im Bett verbringen.

Die eine Frau ist etwas kräftiger gebaut, die andere sitzt im Rollstuhl. Außerdem sind die beiden lesbisch und verheiratet. Was irritiert Menschen am meisten, wenn sie Euch das erste Mal begegnen?

Nicole: Da meine Frau ja nicht sehr weiblich aussieht, sind einige schon ein wenig verwirrt und gucken: Ist das eine Frau oder ein Mann? Wenn ich das dann irgendwie mitbekomme, sage ich mit einem Grinsen, wir sind zwei Frauen, die sich lieben. Schon hat sich das erledigt, es kommt dann manchmal „Das ist schön“, aber sonst nichts weiter.

Martina: Da kann ich mich meiner Frau nur anschließen. Manchmal kommt es auch vor, dass wir merkwürdig angesehen werden, weil ich am Gehwagen gehe.

Ihr seid nun seit bald fünf Jahren verheiratet. Rechtlich gesehen: War das schwierig mit der Eheschließung?

Martina: Nein, es ging alles ganz einfach. Warum sollte es auch Probleme geben, gibt es doch auch nicht bei Hetero-Paaren (lacht). Es ärgert uns nur, dass meine Frau immer noch Lohnsteuer Klasse I hat.

Nicole: Es gab bei uns keine Probleme, selbst als ich den Namen von Martina angenommen habe. Die Pastorin von der Kirche war super nett und freundlich, und ich würde Martina jeden Tag wieder heiraten!

Ihr habt Euch in Hamburg das Ja-Wort gegeben?

Nicole: Ja, wir haben standesamtlich in Hamburg-Wandsbek und kirchlich in der Simonkirche geheiratet! Das würden wir am liebsten jeden Tag wiederholen…

„Am liebsten eine Stretch-Limousine“

Habt Ihr schon besondere Pläne für Euren fünften Hochzeitstag?

Martina: Wenn ich es finanziell könnte, würde ich meine Frau gerne mit einer Stretch-Limousine abholen.

Nicole: Wir gehen jedes Jahr mit unseren lieben Trauzeugen essen.

Wie habt Ihr Euch kennen gelernt?

Nicole: Wir haben Freunde, die Schausteller sind, und die haben uns miteinander verkuppelt. Eigentlich hat Martina gesagt: „Ich möchte keine Beziehung, und heiraten schon mal gar nicht, außerdem bin ich schwer krank, es kann passieren, dass Du mich pflegen musst“. Das war mir alles total egal, meine Liebe ist so stark, dass ich um Martina gekämpft habe, bis wir zusammen kamen. Mir ist das egal, wie krank Martina ist. Meine Liebe ist so stark, dass wir das alles gemeinsam schaffen!

Als Ihr Euch das erste Mal gesehen habt, war Martina noch nicht besonders eingeschränkt. Wie kam es zu der Behinderung?

Martina: Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr habe ich mit dem Rücken und den Beinen Probleme. Im Laufe der Jahre wurde es halt immer schlimmer, weil ich auch sehr viel körperlich gearbeitet habe…

Was hast Du gearbeitet?

Martina: Ich war Malerin und Lackiererin, IT-Systemkauffrau und zuletzt sieben Jahre in der Backstube beim Schausteller.

Und dann wurde es in den vergangenen Jahren offensichtlich immer schlimmer mit Deinem Handicap…

Nicole: Martina war schon krank, als wir uns kennen gelernt haben, aber nicht ganz so schlimm wie jetzt. Martina wurde mittlerweile am Rücken vierfach versteift und hat auch noch Arthrose in den Knochen. Seit wir zusammen sind, hat sie immer was und muss oft ins Krankenhaus – meine Frau schreit ja auch immer HIER.

Nun haben wir endlich eine Erdgeschosswohnung, die ein wenig behindertengerecht ist beziehungsweise wir sind nun einigermaßen ausgestattet. Das bedeutet zum Beispiel Pflegebett, Toilettenerhöhung, Rollator und Rollstuhl.

Martina ist auch schon an den Ellenbogen operiert worden und hat keine Kraft, eine Flasche auf zu machen. Wenn ich also aus dem Haus gehe, muss ich daran denken, Flaschen zu öffnen, damit sie auch was zu trinken hat.

„Man wird dann schon sehr wütend“

Wie sieht Euer Alltag aus?

Martina: Ich liege zu 85 bis 90 Prozent im Bett, und meine Frau muss alles für mich machen, mich duschen, anziehen, ausziehen und so weiter. Wenn es mir denn mal etwas besser geht, versuchen wir, etwas raus zu gehen.

Was belastet Euch am meisten?

Martina: Dass ich nicht mehr arbeiten kann, und wir dadurch sehr wenig Geld haben.

Nicole: Dass man es nicht immer leicht hat und bei Ämtern immer kämpfen muss. Wenn wir unterwegs sind mit dem Rollator, dass der Busfahrer nicht genug absenkt oder auch sehr weit vom Bordstein absteht, und ich dem Busfahrer mehrmals sagen muss: „Bitte absenken“. Andere Fahrgäste gucken und meckern „Geht das nicht schneller“. Man wird dann schon sehr wütend, ich kann dann nur mit dem Kopf schütteln.

Was würdet Ihr machen, wenn Ihr im Lotto 10.000 Euro gewinnen würdet?

Nicole: Wir würden sofort Urlaub buchen!

Eure Situation ist sicherlich nicht einfach. Was macht Euch trotzdem zufrieden und positiv gestimmt?

Martina: Unsere Liebe stärkt uns, wir motivieren uns gegenseitig immer wieder.

Nicole: Ja, genau.

Wie seid Ihr in der lesbischen Szene integriert?

Nicole: Wir verkehren eher in der schwulen Szene.

Was ist der Unterschied zwischen der Lesben- und Schwulenszene?

Nicole: Ich als Frau fühle mich in der Schwulenszene immer herzlich willkommen. In der Lesbenszene verkehren wir gar nicht so, ich kann die Frage also eigentlich gar nicht so richtig beantworten.

„Ich kann doch nichts verlieren“

Gibt es unter homosexuellen Menschen genauso viele (Vor-)Urteile gegenüber behinderten Menschen wie bei Heteros?

Martina: Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. In der homosexuellen Szene geht es viel verständnisvoller zu.

Nicole, eine klassische Modelfigur hast Du nicht. Da gehört auch Mut dazu, an unserem MISS ANGEL 2012-Wettbewerb teilzunehmen. Was war Deine Motivation?

Martina (energisch): Wer sagt, das Nicky keine Modelfigur hat? Müssen es denn immer so dünne Heringe sein? Meine Frau hat soooo ein unheimlich schönes Gesicht und traumhafte Augen.

Nicole: Nur weil ich keine 90-60-90 Maße habe heißt das noch lange nicht, dass ich kein Model sein könnte (grinst). Ich habe schon viele Shootings mitmachen dürfen, die mir immer wieder Spaß gemacht haben, und nun versuche ich es bei Euch, mich den Votings zu stellen. Außerdem kann ich doch nichts verlieren, nur dazu gewinnen. Ich habe so ein schönes und süßes Gesicht, da kann doch nichts schief laufen (lacht).

Vielen Dank für das Interview.

Hier können Sie beim MISS ANGEL 2012-Wettbewerb für Nicole alias Schnucki1973 voten.

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