""

Hörende und Gehörlose gebärden und singen – Kirche überfüllt

Über 700 Besucher kamen zum evangelischen Festgottesdienst der Gehörlosengemeinde nach Nürnberg, bei dem Kirchenrat Pfarrer Joachim Klenk als Landeskirchlicher Beauftragter verabschiedet wurde. Von Judit Nothdurft

Das kommt auch nicht alle Tage vor: Kirche überfüllt (Foto: Reinhold Ritzrau)

Am Sonntag, den 01. Juli 2012, wurde Kirchenrat Pfr. Joachim Klenk nach 20 Jahren Gehörlosen-Seelsorgetätigkeit in Nürnberg verabschiedet. Bereits 20 Minuten vor Beginn des Festgottesdienstes war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Ehrenamtliche Helfer der Gehörlosengemeinde wurden vor dem Haupteingang mit Schildern „Kirche überfüllt“ postiert und verwiesen weitere Besucher auf die Plätze in der angrenzenden Turnhalle des Willstätter Gymnasiums. Hier konnte man über eine Leinwand das Geschehen in der Kirche live verfolgen.

Kirchenrat Pfarrer Klenk predigte in Deutscher Gebärdensprache seinen letzten Gottesdienst für die Gehörlosengemeinde in Nürnberg. Stilvoll verabschiedete er sich und gebärdete zum Abschluss AMEN in fünf Gebärdensprachen (deutsch, englisch, italienisch, norwegisch, schwedisch).

“Kein Weg war ihm zu weit, keine Anstrengung zu groß“

Kirchenrat Peter Bertram (l.) und Oberkirchenrat Detlev Bierbaum verabschieden Kirchenrat Joachim Klenk (r.) (Foto: Reinhold Ritzrau)

Zahlreiche hochrangige Kirchenfunktionäre wie Oberkirchenrat Detlev Bierbaum, Kirchenräte Peter Bertram und Klaus Schmucker, Dekan Dirk Wessel sowie der Geschäftsführer der DAFEG Reinhold Engelbertz waren nach Nürnberg gekommen, um ihre Anerkennung und Dank für Pfarrer Klenk auszudrücken. „Kein Weg war ihm zu weit, keine Anstrengung zu groß. Er lebt Inklusion mit Leib und Seele“, so die anerkennenden Worte von Oberkirchenrat Bierbaum.

Kirchenrat Klenk verfolgte tief bewegt die warmherzige Abschiedsansprache seiner Kollegen. Er wechselt jetzt nach 20 Jahren Tätigkeit in der Gehörlosenseelsorge in Bayern als Stadtpfarrer nach Roth, in die Triathlon-Stadt. Dementsprechend sportlich waren auch die letzten Worte von Oberkirchenrat Bierbaum und Kirchenrat Bertram: „Wir wünschen Ihnen drei Dinge: Einen guten Start, wiederum einen langen Atem und eine gute Mannschaft!“

Die politische Seite vertraten die Behindertenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Irmgard Badura, der Bezirkstagspräsident von Mittelfranken Richard Bartsch und Vertreter von CSU, SPD und den Grünen. Auch der Vorsitzende des Deutschen Gehörlosenbundes Rudolf Sailer und der bayerische Gehörlosenverbandsvorsitzende Rudolf Gast waren gekommen.

“Oh, Happy Day“ als Höhepunkt

Applaus in Gebärdensprache – vor dem Altar der Nürnberger
Gebärdenchor (Foto: Zentrale der Ev. Gehörlosengemeinde Bayern)

Für das musikalische Highlight sorgte der gemeinsame Auftritt des Nürnberger Gebärdenchors (bestehend aus Gehörlosen) mit dem Nürnberger Gospelchor (bestehend aus Hörenden). Beim Schlusslied „Oh, Happy Day“ hielt es die Zuschauer nicht mehr auf den Bänken. Das begeisterte Publikum tanzte und klatschte, die Hörenden sangen, die Gehörlosen gebärdeten schwungvoll mit. Inklusion und Miteinander wurde hier auf höchstem Niveau und emotional präsentiert.

Nach dem Festgottesdienst folgte ein fröhliches Sommerfest mit buntem Programm (Aufführung Irischer Stepptänze einer Mädchentanzgruppe, Pantomime, Gebärdenunterricht auf Schwedisch usw.)

Gebärdenliederbuch „Gottesdienst Visuell“

Die Besucher und Besucherinnen konnten zum ersten Mal das Gebärdenliederbuch „Gottesdienst Visuell“ der Deaf-Ararat-Akademie in den Händen halten. Das ist das erste Gebärdenliederbuch in Deutschland für evangelische kirchliche Anlässe in Gebärdensprache und maßgeblich verantwortet von Kirchenrat Joachim Klenk.

Während der gesamten Veranstaltung gebärdeten vier Dolmetscherinnen simultan oder übersetzten lautsprachlich. So war es ein sehr gelungenes barrierefreies Fest für alle.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN